19.02.2019

Europa ist Geschichte

Wer das Mittelalter verstehen will, muss sich vom europäischen Blick auf die Welt lösen. Die ÖAW-Wissenschaftler Walter Pohl und Andre Gingrich plädieren für ein neues Geschichtsverständnis, das auf globaler Vielfalt beruht. Im nun abgeschlossenen, achtjährigen Forschungsprojekt „Visions of Community“ haben rund 50 Forscher/innen von ÖAW und Universität Wien auf diese Weise das Mittelalter neu entdeckt.

Betrachtet man die meisten Weltkarten, fällt eines auf: Europa befindet sich stets im Zentrum. Nicht viel anders war es bisher in der Geschichtswissenschaft: Ging es um das Mittelalter, herrschte der eurozentrische Blick vor. „Europa diente als Maß der kulturellen Entwicklung und des gesellschaftlichen Fortschritts“, erklärt Andre Gingrich, Direktor der Instituts für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Für ihn und seinen Kollegen Walter Pohl, Direktor des Instituts für Mittelalterforschung der ÖAW, sowie rund 50 weitere Wissenschaftler/innen der Akademie und der Universität Wien war es Zeit für einen Blickwechsel. 2011 riefen sie das Projekt „Visions of Community“ (VISCOM) ins Leben. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Religion und Politik einander im Mittelalter beeinflusst haben - und zwar nicht nur in Europa, sondern auch in der arabischen Welt und in Asien.

Acht Jahre später ist das Projekt erfolgreich abgeschlossen. Welche Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede der globale, vergleichende Blick auf die Weltreligionen und Weltregionen im Mittelalter zutage gefördert hat, erzählen Andre Gingrich und Walter Pohl im Interview.   

Wie haben die Religionen im Mittelalter dazu beigetragen, Menschen in Gemeinschaften zu integrieren – oder auch auszugrenzen?

Walter Pohl: Bis zum Ende der Antike waren Religionen sehr stark auf bestimmte Gemeinschaften beschränkt, jede Stadt hatte ihre Stadtgottheit. In der Zeit, die wir mangels eines besseren Begriffs Mittelalter nennen, breiten sich die universalen Religionen aus. Christentum, Islam und Buddhismus haben alle drei einen erhöhten Wahrheitsanspruch, in unterschiedlicher Intensität auch einen gewissen Exklusivitätsanspruch.

Inwiefern?

Pohl: Am Anfang ihrer Ausbreitung hat man den Eindruck, dass das spätrömische Reich, das islamische Kalifat und das tibetische Imperium stark mit den jeweiligen Religionen überlappen. Aber das war nicht aufrecht zu halten. Ethnische Gruppen, Stammesverbände und Staaten – oder auf einer noch tieferen Ebene, lokale Gruppierungen und Städte: Sie alle werden auf neue Weise von diesen Religionen legitimiert oder stehen in einem Spannungsverhältnis zu diesen übergreifenden religiösen Identifikationsangeboten.

Andre Gingrich: In den hier untersuchten Zeiten sind die wechselseitigen Beeinflussungen zwischen Islam und Christentum als monotheistischen Religionen aus dem Nahen Osten weitaus intensiver während die nicht-monotheistischen Formen des Buddhismus sich davon zwar nicht völlig, aber doch weitgehend unabhängig entwickeln. Daraus, aber auch durch die jeweiligen liturgischen Sprachen, ergibt sich Vieles an großen Gemeinsamkeiten und Unterschieden bei der Ausbildung örtlicher Gemeinschaften. 

In Ihrer Forschung haben Sie sich mit Westeuropa, Südarabien und Tibet beschäftigt. Gab es trotz der unterschiedlichen historischen Entwicklungen auch Gemeinsamkeiten, auf die Sie gestoßen sind?

Gingrich: Bei aller Vorsicht kann man sagen, dass es neben den Glaubensinhalten in all ihrer Unterschiedlichkeit, tatsächlich auch etliche wichtige Gemeinsamkeiten gibt, insbesondere im Bereich der verschrifteten sozialen Organisation des religiösen Lebens. Das betrifft etwa Fragen von religiösen Hierarchien oder jene von Klöstern und ähnlichen separierten Enklaven von religiösem Wissen, aber auch solche der Performance großer Rituale und Zeremonien.

Christliche Gesellschaften wollten religiöse Diversität nicht mehr dulden und setzten staatliche Repressionsmaßnahmen ein, um religiöse Einheitlichkeit zu erreichen. Der Buddhismus hat keine großen Schwierigkeiten mit tibetanischen Kulten und kann auch mit islamischen Minderheiten koexistieren.

Die überregionale Verbreitung und der universelle Anspruch sind verbindende Merkmale der drei Kulturbereiche. Welchen Einfluss spielte der Bekehrungsauftrag, wie er im Christentum vorkommt?

Pohl: Bei allen drei Religionen handelt es sich um offenbarte Wahrheiten, in denen Propheten eine Rolle spielen. Im Christentum ist es Gottes Sohn selbst; im Islam ein von Allah geschickter Prophet, der als Letzter in der Reihe der bisherigen Propheten steht. Und im Buddhismus ist es die dominierende Gestalt des vergöttlichten Buddha, dessen Offenbarung auch einen besonderen Wahrheitscharakter hat. Unterschiedlich ist das Ausmaß zu dem diese drei Religionen mit anderen koexistieren können und wollen. Da ist das Christentum sicher am radikalsten. Christliche Gesellschaften wollten religiöse Diversität nicht mehr dulden und setzten staatliche Repressionsmaßnahmen ein, um religiöse Einheitlichkeit – sogar gegenüber anderen christlichen Konfessionen – zu erreichen. Der Islam akzeptiert hingegen nur die „Buchreligionen“ und andere eher nicht. Der Buddhismus hat keine großen Schwierigkeiten mit tibetanischen Kulten und kann auch mit islamischen Minderheiten koexistieren.

Welche Rolle spielte Ethnizität in diesen drei Kulturbereichen?

Gingrich: Zwischen Spätantike und Vormoderne können sich in allen drei hier angesprochenen religiösen Einflussbereichen primär jene religiös-ethnischen Minderheiten behaupten, die sich selbst auf schriftliche Überlieferungen stützen. Die nicht schriftlich orientierten ethnisch-religiösen Minderheiten werden hingegen schrittweise marginalisiert oder integriert. Bei den ethnischen Mehrheiten hingegen ist die Stellung zu Staat und Reich ausschlaggebend. In Asien reiht sich einerseits die tibetische Geschichte ein in integrative territoriale Reichsideen Süd- und Ostasiens um sich zu behaupten. Dies hat seinen Kontrapunkt in den arabisch-nahöstlichen Entwicklungen, wo sich zunächst der Reichsgedanke früh herausbildet, dann aber scheitert und sich fragmentiert. Als durchwegs langlebiger als der Reichsgedanke erweist sich dort die Schrifttradition, die Wissenschaft, die Religion und das kulturelle Erbe, auch in der intensiven Verbreitung auf andere Gebiete von Afrika bis Südostasien.

Pohl: Beim Verhältnis des Christentums zur Ethnizität gibt es eine interessante Ambiguität. Im Allgemeinen nehmen wir das Christentum als eine Universalreligion wahr, die die Unterschiede zwischen den Völkern in sich aufheben will. Im Neuen Testament steht andererseits: „Gehet hin und lehret alle Völker“. Es steht nicht: „alle Menschen“. Den Völkern kommt hier eine heilsgeschichtliche Rolle zu. Das Christentum kann somit auch zur Legitimierung der Herrschaft von Völkern herangezogen werden. Das ermöglichte auch, dass sich Westeuropa als eine Vielheit von Völkern und Staaten konstituierte – im Unterschied zu vielen anderen Regionen Eurasiens.

Wir leben in einer Welt mit sehr verschiedenen Zentren. Auch wenn vielen Europa als Forschungsstandort dient, ist es außerordentlich wichtig, diese vielen anderen Zentren – auch in der Vergangenheit – wahrzunehmen.

Inwiefern erhellt die Forschung zu diesen historischen Hintergründen auch den Blick auf die Gegenwart?

Gingrich: Wir leben in einer Welt mit sehr verschiedenen Zentren. Auch wenn vielen Europa als Forschungsstandort dient, ist es außerordentlich wichtig, diese vielen anderen Zentren – auch in der Vergangenheit – wahrzunehmen.

Pohl: Unser Interesse an der Vergangenheit ist auch vom Interesse an der Gegenwart geprägt. Aber: Man soll nicht davon ausgehen, dass Forschung über das Mittelalter 1:1 brauchbare Schlussfolgerungen für die Gegenwart erlaubt. Was wir in diesem Projekt getan haben, ist, allzu lineare Vorstellungen einer historischen Entwicklung kritisch zu hinterfragen. Aufgabe der Altertums- und Mittelalterforschung ist es, sich von diesem überholten Modernisierungsnarrativ, wo Europa das Maß der Dinge ist, zu befreien. Wenn wir in dieser vergleichenden Perspektive ein differenzierteres Bild zeichnen, gewinnen wir ein neues Verständnis der Gegenwart, eines, das nicht mehr aus vereinfachten Modellen der Geschichte abgeleitet ist und Raum für globale Vielfalt bietet.

Braucht es also einen verstärkten „global turn“ in der Mittelalterforschung?

Pohl: Es ist eine faszinierende Forschungslandschaft, in der VISCOM zu den Pionierprojekten gehört. Globalgeschichte als Anspruch ist schon älter, die Vorstellung eines globalen Mittelalters ist in der Forschung aber bisher kaum adäquat zum Ausdruck gekommen.