Das Massaker von Srebrenica, die Ermordung von mehr als 8.000 bosnischen Muslimen im Juli 1995, gilt als das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Was vor 20 Jahren die Weltöffentlichkeit erschütterte, kann bis heute weder als bewältigt noch als restlos aufgeklärt bezeichnet werden. Welche Tragik diese Tatsache in sich birgt, machte der US-Historiker Norman Naimark, korrespondierendes Mitglied der ÖAW, bei seinem Besuch in Wien deutlich. Auf Einladung des ÖAW-Instituts für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte sowie des ÖAW-Instituts für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung nahm er eine Verortung Srebrenicas in der Geschichte des Genozids vor und führte aus, welche Lehren aus dem Völkermord gezogen wurden – und welche noch zu ziehen sind.
Auch 20 Jahre nach dem Massaker sind die Erinnerungen an Srebrenica immer noch wach. Es ist „ein Stachel für die Erinnerung Europas, der noch immer vorhanden ist“, bekräftigte ÖAW-Präsident Anton Zeilinger anlässlich des Vortrags von Naimark. Ein Umstand, der dem Historiker von der Stanford University zufolge untrennbar mit der Aufarbeitung der Ereignisse verbunden ist. Denn wenngleich zahlreiche Wissenschaftler/innen in Europa und Amerika die historischen Fakten umfassend analysiert und bewertet hätten, „gibt es noch viele Dinge, die wir besser verstehen müssen“.
Komplexe Hintergründe
Die Komplexität der Ereignisse von Srebrenica in jenem Sommer 1995 ist freilich enorm. Denn das Massaker lässt sich nicht allein auf eine politische Aktion, auf einen Befehl von oben, zurückführen, wie Naimark erläuterte. Vielmehr spielten bei den Tätern, wie in vielen historischen Fällen von Völkermord, auch persönliche Motive wie Gier oder ökonomische Interessen eine gewichtige Rolle.
Dass hinter dem Massaker aber auch eine politisch-militärische Intention stand, stellte das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag unmissverständlich fest, betonte der US-Historiker, der als ausgewiesener Experte zum Thema Völkermord gilt. Denn obwohl eine formale Beauftragung des Massakers in Zweifel gezogen wurde, führte das Tribunal die erteilten Befehle auf die eindeutige Absicht, unbewaffnete Menschen zu töten, zurück. Und sprach auf dieser Basis Urteile gegen die des Völkermords angeklagten Personen aus.
Lehren aus Srebrenica
Für Naimark stellt der Entscheid des Tribunals eine der wichtigen Lehren aus Srebrenica dar. Doch auch in einer anderen Hinsicht habe Srebrenica die langen Geschichte des Genozids verändert. So führte das Massaker in Bosnien, das sich nur ein Jahr nach dem Völkermord in Ruanda ereignete, zu einem Meinungswandel in der Weltöffentlichkeit. Galt bis zu diesen Ereignissen der offene Eingriff in die Souveränität eines nicht verfeindeten Staates - selbst bei klaren Hinweisen auf einen laufenden Genozid - als wenig opportun, erkannte die Weltgemeinschaft nach den Erfahrungen in Srebrenica schließlich im Jahr 2005 mit einer UN-Doktrin ihre Verantwortung an, auch und gerade bei Brüchen des humanitären Völkerrechts einzugreifen.
Ungeachtet dieser gezogenen Lehren wirft Srebrenica noch immer viele Fragen auf. Die mutmaßlich wichtigste ist, wie die betroffenen Völker und Gemeinschaften nach den Ereignissen den Weg hin zu einem friedlichen Miteinander beschreiten können. Für Naimark kann das Fundament dafür nur die Wissenschaft liefern: „Die Lektionen des Genozids sind, dass Täter und Opfer durchaus zu einer friedlichen Übereinkunft gelangen können. Aber nur, wenn das Massaker offen und unter voller Beteiligung von Tätern und Opfern untersucht wird.“
