21.09.2021

„Ein sensibler Sprachgebrauch kann viele Verletzungen vermeiden“

Wie geschlechtergerechte, rassismuskritische und inklusive Sprache im Hochschulunterricht verwirklicht werden kann, darüber spricht Katharina Wiedlack, Mitglied der Jungen Akademie der ÖAW.

Sprache nimmt oft auf das angenommene Geschlecht des Gegenübers Bezug. Indem man sie bewusst einsetzt, kann man das vermeiden. © Unsplash/Katie Rainbow

Seit den späten 1970er Jahren kämpfen feministische Linguistinnen dafür, Frauen in der Sprache sichtbarer zu machen. Seit 15 Jahren engagiert sich die queere Community für eine Sprache, die alle Geschlechter einschließt. Zudem gibt es jahrzehntelange antirassistische Vorarbeit, die sich den kolonialen und diskriminierenden Spuren im Sprachgebrauch widmet.

Wie queer-feministischer und rassismuskritischer Sprachgebrauch im Hochschulunterricht Eingang gefunden hat und warum es etwa in den Queer Studies so viele Lehnwörter aus dem Englischen gibt, darüber spricht die Amerikanistin und Genderforscherin Katharina Wiedlack im Interview. Einige dieser Fragen werden auch bei ihrem Vortrag „Sprache. Identität. Anerkennung“ am Science Day der Jungen Akademie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) Thema sein.

Was hat Sprache aus kulturwissenschaftlicher Perspektive mit Identität zu tun?

Katharina Wiedlack: Sprache spielt in der Anerkennung von Identität eine wichtige Rolle. Sprache ist ein wirkmächtiges Werkzeug, das Identitäten nicht nur konstruiert, sondern auch dekonstruiert. Das hat die US-amerikanische Philosophin Judith Butler in ihren Werken, wie „Hass spricht“ in den 1990er-Jahren, eindrücklich gezeigt. Wird die Identität eines Menschen sprachlich nicht benannt oder nicht anerkannt, passieren Verletzungen – auch im Hochschulunterricht.

„Sprache spielt in der Anerkennung von Identität eine wichtige Rolle.“

Was sind hier die speziellen Herausforderungen im Hochschulunterricht?

Wiedlack: Innerhalb der Hochschullandschaft kann man als Lehrende das Mikroklima der Universität sehr stark verändern. Ein sensibler Sprachgebrauch kann viele Verletzungen vermeiden, etwa in dem ich sprachlich anerkenne, dass es im Seminarraum mehr als nur zwei Geschlechter gibt. Menschen, die einer Minderheit angehören, fühlen sich dann gesehen, spüren, dass sie willkommen sind und können gleichberechtigt am Unterricht partizipieren.

Die deutsche Sprache nimmt sehr stark auf das angenommene Geschlecht des Gegenübers Bezug. Beispiel: Lieber Herr, liebe Frau. Indem Sprache bewusst eingesetzt wird, kann man vermeiden, diese Heteronormativität weiter zu verfestigen. Manches davon ist relativ leicht umzusetzen: Als Begrüßung kann ich ja einfach „Guten Tag“ schreiben. Außerdem kann ich Studierende etwa mit ihrem ganzen selbst gewünschten Namen ansprechen oder vorher per E-Mail fragen, welches Pronomen verwendet werden soll.

Ist Deutsch im Vergleich zu Englisch eine besonders rassistische oder sexistische Sprache?

Wiedlack: Ja und Nein. Wenn es um die Genderfrage geht, ist es im Englischen um einiges leichter mehr als nur zwei Geschlechter zu berücksichtigen. Hier muss man nicht überall einen Artikel anfügen. Grundsätzlich ist die englische Sprache nicht weniger rassistisch, doch es gibt im englischen Sprachraum eine längere öffentliche Diskussion über rassismuskritischen Sprachgebrauch und eine De-Kolonialisierung der Sprache. Zwar verwenden auch dort noch viele Menschen unreflektiert das N-Wort, aber das Thema wird stärker debattiert, vor allem an den Hochschulen.
Im deutschsprachigen Raum wird zudem noch immer oft angenommen, dass hier alle weiß, christlich und ohne Migrationshintergrund sind. Und es gibt regelmäßig große Widerstände gegen Bemühungen, rassismuskritisch an die Sprache ranzugehen.

„Minderheitenbewegungen haben sich oft abwertende und verletzende Worte angeeignet und erfolgreich umgedeutet.“

Inwiefern kann Sprache Menschen, die am Rande der gesellschaftlichen Hör- und Sichtbarkeit stehen, eine Stimme verleihen?

Wiedlack: Beginnend mit der Frauenbewegung in den 1960er-Jahren, der schwul-lesbischen Bewegung in den 1970er-Jahren sowie der Black Power Bewegung in den USA, haben Aktivist/innen dezidiert ihre Identitäten klar positioniert und sehr deutlich markiert. Sie haben dafür eine klare Sprache verwendet, um ihre Identitäten zu bezeichnen. Sie haben sich oft abwertende und verletzende Worte, wie Schwarz im Deutschen oder Black im Englischen, die in beiden Kontexten von der weißen rassistischen Gesellschaft abwertend verwendet wurden, angeeignet und erfolgreich umgedeutet.  Auch das Wort Queer, das in allen englischsprachigen Gebieten als Schimpfwort für nicht normative Menschen verwendet wurde, ist ein Beispiel für eine gelungene Aneignung und Umdeutung. Als Amerikanistin ist für mich interessant, dass diese starken Minderheitenbewegungen und deren Identitätspolitiken über die USA hinaus eine derart starke Öffentlichkeit erzeugt haben, die auch Minderheiten in Österreich und anderen europäischen Ländern nutzen konnten, um auf die eigene Sache aufmerksam zu machen.

Ein Grund, weshalb Worte wie Queer aus dem englischen Sprachraum in den deutschen übernommen wurden?

Wiedlack: Ja. Die erfolgreiche Aneignung von Begriffen kam teilweise als kultureller Export aus den USA nach Europa. Sie wurden von hiesigen Aktivist/innen, aber auch von Forscher/innen aufgenommen. Das Wort Queer kam in den frühen 2000er-Jahren über die Hochschulen in den deutschen Sprachraum – und ist zu einem identitätspolitischen Begriff avanciert, der einerseits eine gewisse kritische gesellschaftspolitische Einstellung zu Sexualität und Geschlecht markiert und andererseits eine Selbst- und Gruppenbezeichnung für nicht-normativ lebende und liebende Menschen darstellt.
Ähnliches gilt für den Begriff Black, der eine starke positive Aneignung in den USA markiert. Auch weil die Schwarzen Communities im deutschsprachigen Raum im Vergleich eher klein sind, hat das Wort über den Atlantik hinaus eine verbindende Wirkung bekommen, eine Art sprachlicher Solidarität.

Im Hochschulunterricht ist es mir wichtig, deutlich zu machen, dass Schwarz, Black oder People of Color konstruierte Begriffe sind. Um das hervorzuheben wird Black mit großem B und auch People of Color großgeschrieben, damit klar ist, dass es sich nicht um eine Bezeichnung für eine Hautfarbe handelt, sondern um eine Bezeichnung, die viele wichtige kulturelle und politische Bedeutungen trägt und eine Geschichte hat. Alles, was wir großschreiben, ist zudem ein Zeichen von Respekt und ein Anerkennen von Identität – das gilt vor Allem für das Englische, wo ja die meisten Wörter klein geschrieben werden.

„Wir alle leben in einer rassistischen Gesellschaft, die historisch geprägt ist von Abwertung. Die Sprache spiegelt das wider. Aber: Wir können Sprache aktiv verändern.“

Was antworten Sie Stimmen, die über Sprechverbote und Cancel Culture schimpfen?

Wiedlack: Es geht um die Anerkennung nicht nur von Identitäten, sondern auch von Lebensweisen und um Respekt füreinander. Manchmal meinen Menschen, sie dürfen jetzt gar nichts mehr sagen. Andere haben Angst Fehler in der Kommunikation zu machen. Ich denke, diese Angst ist der falsche Zugang. Wichtig ist, offen und selbstkritisch genug zu sein, um eigene Fehler eingestehen zu können, sich verbessern zu lassen und eine Bereitschaft zur Veränderung zu haben. Wenn wir einen Begriff als rassistisch identifizieren, heißt das nicht, dass man eine Person „cancelt“, sondern, dass eine Verletzung passiert ist und man die Person bittet, das in Zukunft zu vermeiden.  
Denn: Wir alle leben in einer rassistischen Gesellschaft, die historisch geprägt ist von Abwertung. Die Sprache spiegelt das wider. Aber: Wir können Sprache aktiv verändern.

 

Auf einen Blick

Katharina Wiedlack ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Anglistik und Amerikantistik der Universität Wien. Am 23. September hält sie im Rahmen der Science Days der Jungen Akademie der ÖAW den Vortrag „Sprache. Identität. Anerkennung.”

Das vollständige Programm zum diesjährigen Science Day finden Sie hier:

Science Day 2021