

Sie suchen nach der noch fehlenden Gen-Sequenz, der geeigneten Messmethode oder einem verborgenen Zusammenhang in Originalquellen. Sie gehen innovativen Ideen nach und stellen sich dem wissenschaftlichen Diskurs. Und sie engagieren sich, neues Wissen auch außerhalb von Labors, Bibliotheken und Seminarräumen einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Die über 1.000 Forscher/innen und mehr als 780 Mitglieder der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) setzen sich Tag für Tag für neue Erkenntnisse zur Welt, in der wir leben, ein – nicht als Selbstzweck, sondern für die Gesellschaft insgesamt. Welchen konkreten und nachhaltigen Mehrwert die an der ÖAW betriebene Grundlagenforschung bietet, verdeutlichte die Feierliche Sitzung der Akademie am 20. Mai 2016.
Wissenschaftliche Freiheit als Fortschrittsmotor
„Wir schreiben das Jahr 1976. In einem kleinen Bergdorf in Sizilien trifft sich ein Dutzend Wissenschaftler aus der ganzen Welt und diskutiert über Grundlagen der Quantenphysik“, begann ÖAW-Präsident und Quantenphysiker Anton Zeilinger seine Rede im Festsaal der ÖAW. Der Antrieb für das Treffen in Italien, so führte er weiter aus, sei philosophische Neugier zu den Grundlagen der Quantenphysik gewesen. Knapp 40 Jahre später, im Mai 2016, sind die damals entworfenen Ideen und philosophischen Gedanken nicht weniger als die theoretische Grundlage eines quantenphysikalischen Flaggschiffprojekts der Europäischen Union geworden. Dotiert mit voraussichtlich einer Milliarde Euro soll das Projekt Grundlagenforschung in der Quantenphysik mit industriellen Anwendungen verbinden. Hätte man vor 40 Jahren die in Sizilien Beteiligten gefragt, ob das, was sie tun, wirtschaftliche Auswirkungen haben könnte, hätte Derartiges vermutlich niemand für möglich gehalten, stellte Zeilinger fest.
Was der ÖAW-Präsident mit dieser überraschenden Erfolgsstory deutlich machte: Weitreichende und nachhaltige Fortschritte brauchen auch in den Wissenschaften Zeit, Freiheit, Offenheit und Entfaltungsräume, um gelingen zu können. Ein Befund, der sich in der Grundlagenforschung vielfach und immer wieder belegen lässt. Das zeigte auch Reinhard Genzel, Professor am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik und Festvortragender bei der Feierlichen Sitzung, am Beispiel der Entdeckung der längst sprichwörtlich gewordenen Schwarzen Löcher. Von Albert Einsteins ersten theoretischen Annäherungen bis zum experimentellen Nachweis dieses astrophysikalischen Phänomens vergingen Jahrzehnte. „Es war eine lange Jagd, um Schwarze Löcher messen zu können“, betonte Genzel – allein für die Bestätigung der Existenz eines Schwarzen Lochs im Kern unserer Galaxie habe es 25 Jahre eigener Forschungen, technischer, methodischer wie theoretischer Entwicklungen sowie zahlreicher Versuche bedurft.
Forschen für Gegenwart und Zukunft
Zugegeben: Jahrzehnte in ergebnis- und anwendungsoffene Forschungsarbeiten zu investieren, erscheint zunächst als ein riskantes Unterfangen. Doch der umfangreiche Ertrag der Wissenschaft für Gesellschaft und Wirtschaft rechtfertige dies, waren sich auch Bundespräsident Heinz Fischer und Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner bei der Feierlichen Sitzung einig. „Wir haben eine intensive Diskussion über die Zukunftsfähigkeit des Landes“, bekundete Mitterlehner, „und überall ist von Innovation, Forschung und Entwicklung die Rede.“ Das mache deutlich, wie zentral die Wissenschaft für die Welt von morgen sei. Ebenso zentral sei aber auch, so Mitterlehner, das Interesse der Öffentlichkeit für die Forschung zu gewinnen, zu steigern und die Öffnung der Wissenschaften hin zur Gesellschaft weiter zu stärken.
Wie dies gelingen kann, zeigte zuletzt die Lange Nacht der Forschung. Hier konnten unter starker Beteiligung der ÖAW österreichweit insgesamt 180.000 Besucher/innen begeistert werden, darunter zahlreiche junge Menschen. Das mache deutlich, bekannte auch Heinz Fischer: „Wissenschaft ist etwas ungeheuer Interessantes.“ Gerade geisteswissenschaftliche Themen wie etwa die Erforschung der Geschichte des Landes könnten zudem Antworten auf brennende Fragen der Gegenwart geben. Eine Sichtweise, der sich auch ÖAW-Präsident Zeilinger in aller Deutlichkeit anschloss: „Die Geisteswissenschaften sind der geistige Unterbau jeder Gesellschaft, ohne die man nicht existieren kann.“
Bundespräsident Fischer, der bereits zum zwölften aber aufgrund des Auslaufens seiner Amtszeit auch zum letzten Mal als Schirmherr der Akademie bei der Feierlichen Sitzung sprach, konnte dann eines der Ergebnisse geisteswissenschaftlicher Grundlagenforschung an der ÖAW sogar selbst in Händen halten. Als Dank für die lange und enge Verbundenheit mit der Akademie überreichte ihm Zeilinger auf der Bühne des Festsaals drei Bände der Reihe „Die Wiener Hofburg“ des ÖAW-Instituts für kunst- und musikhistorische Forschungen, erschienen im Verlag der Akademie – mit der Aussicht auf weitere Werke, die in Zukunft publiziert werden.
Idealer Ort für neue Ideen
Forschen im Dienste der Gesellschaft – das gilt selbstverständlich auch für alle anderen Institute der Akademie. So gelang es etwa im letzten Jahr am CeMM – Forschungszentrum für Molekulare Medizin der ÖAW, zu belegen, dass das körpereigene Abwehrmolekül „Interferon“ daran beteiligt ist, dass es bei Hepatitis-Erkrankungen oftmals zu schweren Leberschäden kommt. Forscher/innen des ÖAW-Instituts für Hochenergiephysik wiederum konnten gemeinsam mit Infineon Austria einen neuartigen Sensorchip entwickeln, der für die Suche nach bisher unentdeckter Materie am CERN eingesetzt werden soll – ein eindrucksvolles Beispiel für das fruchtbare Zusammenspiel von Grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung. Wissenschaftler/innen des Österreichischen Archäologischen Instituts der ÖAW konnten ferner die älteste Prothese Europas freilegen und damit zeigen, dass bereits vor 1500 Jahren rekonstruktive medizinische Techniken in Europa zur Anwendung kamen. Die Reihe ließe sich mit weiteren Beispielen aus anderen ÖAW-Forschungseinrichtungen beliebig fortführen.
Gemeinsam ist allen diesen Wissenschaftler/innen die Bereitschaft, die eigene Forschung jederzeit auf den Prüfstand zu stellen, aufgeschlossen für neue Ideen zu sein und auch weiterhin tagtäglich hart daran zu arbeiten Neues über die Welt, in der wir leben, herauszufinden. Für diese offene und vorurteilslose Suche nach wissenschaftlicher Wahrheit stellt die ÖAW einen idealen Ort dar. Denn an ihr gelte, wie Zeilinger mit den Worten Franklin D. Roosevelts zum Ausklang der Feierlichen Sitzung betonte: „The only limit to our realization of tomorrow will be our doubts of today.“