06.08.2019

Ein alter Gefährte

Er gilt bekanntlich als der beste Freund des Menschen: der Hund. Und zwar bereits seit Langem, wie Andreas Rhoby, Mittelalterforscher an der ÖAW, herausgefunden hat. Schon im mittelalterlichen Byzanz gab es Schoßhunde, Jagdhunde, Showhunde und sogar: Blindenhunde.

Hunde leben schon seit langer Zeit Seite an Seite mit dem Menschen zusammen. © Wikipedia

Was haben die Menschen früher gedacht, wie haben sie gelebt? Andreas Rhoby vom Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) sucht nach Antworten – und stellt dafür eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Frage: Wie war ihre Beziehung zu Tieren? „Durch solche Forschungen kann man das Menschliche in historischen Gesellschaften vielleicht besser erfassen." Rhobys Studien im mittelalterlichen Byzanz zeigen jedenfalls: Hunde spielten dort eine größere Rolle als bisher angenommen. Schon damals waren sie omnipräsent.

Wo begegnen uns Hunde in Byzanz?

Andreas Rhoby: Der Hund war im byzantinischen Reich (4. bis 15. Jh. n. Chr.) omnipräsent und begegnet uns in allen möglichen Quellen. Hinweise auf Hunde finden sich in schriftlichen Überlieferungen, in archäologischen Grabungen und in ikonografischen Quellen, das heißt, in Malereien oder Abbildungen in Handschriften. All diese Belege lassen auf eine starke Präsenz der Tiere schließen.

Welche Funktionen hatten Hunde in der byzantinischen Gesellschaft?

Rhoby: Da war zunächst einmal der Jagdhund, der ja bis heute ein Gefährte des Jägers ist und auch in vormodernen Gesellschaften, wie eben in Byzanz, vorhanden war. Des Weiteren gab es Hirtenhunde, wie sie uns bis heute begegnen. Außerdem kennen wir Berichte von Showhunden, das heißt von Hunden, die mit Gauklern herumzogen und Kunststücke vollführen konnten. Und wir haben sowohl schriftliche als auch archäologische und ikonografische Belege für sogenannte Schoßhunde. Es gibt zum Beispiel eine schöne Illustration in einer Handschrift, die einen kleinen Hund zeigt, der neben einem Festbankett sitzt und um Essen bettelt.

Blindenführhunde hat es tatsächlich schon im Mittelalter gegeben.

Sie haben außerdem noch eine ganz besondere Entdeckung gemacht und einen Beleg für Blindenführhunde in Byzanz gefunden?

Rhoby: Ja, das ist ein wirkliches Highlight. Dieser Text aus dem 12. Jh. dürfte eines der frühsten, wenn nicht sogar das frühste schriftliche Zeugnis von Blindenführhunden sein. Ansonsten kennen wir nur eine Darstellung aus römischer Zeit, die vermutlich einen Blinden mit Stock und Blindenhund zeigt. Darin beschreibt der Autor die Funktionen des Hundes: Er nennt den Jagdhund und den Hirtenhund, dann sagt er „und die dritte Funktion eines Hundes ist jene, dass er einen Blinden führt.“ Das lässt darauf schließen, dass solche Hunde damals nichts Außergewöhnliches oder Singuläres waren. Blindenführhunde hat es tatsächlich schon im Mittelalter gegeben.

Haben Menschen aus allen Bevölkerungsschichten einen Hund besessen?

Rhoby: Die Quellen, die wir haben, berichten in erster Linie über Hunde im aristokratischen Umfeld. Schoßhunde und Jagdhunde sind im aristokratisch-kaiserlichen Bereich zu verorten. Hirtenhunde dürften tatsächlich den Hirten gehört haben. Sie waren wohl deren wertvollstes Gut. Wie wertvoll diese Hunde waren, wissen wir durch Gesetzestexte, die strenge Strafen dafür vorsahen, wenn jemand einem solchen Hund Schaden zufügt oder ihn gar tötet. Ganz bestimmt hatte aber auch die „normale Bevölkerung“ Zugang zu Hunden, indem sie streunende Hunde, die durch Quellen gut belegt sind, aufgenommen hat. 

Hirtenhunde dürften tatsächlich den Hirten gehört haben. Sie waren wohl deren wertvollstes Gut. Wie wertvoll diese Hunde waren, wissen wir durch Gesetzestexte, die strenge Strafen dafür vorsehen, wenn jemand einem solchen Hund Schaden zufügt oder ihn gar tötet. 

 

Ihre Forschungen zeigen, dass Hunde in Byzanz allerdings nicht nur eine rein praktische Bedeutung hatten.

Rhoby: Hunde wurden in Byzanz auch metaphorisch verwendet. Das ist ebenfalls ein Phänomen, das sich durch vormoderne Gesellschaften zieht und bis heute von Bedeutung ist. Zum einen war „Hund“ ein Schimpfwort, auch Feinde wurden als Hunde verunglimpft. Gleichzeitig gibt es aber auch eine positive Konnotation, nämlich wenn jemand sich als Hund bezeichnet, um Demut auszudrücken. Wir kennen beispielsweise an Aristokraten oder den Kaiser gerichtete Gedichte, in denen der Schreiber sich als Hund bezeichnet. Damit will er sagen: Ich biete dir meine Freundschaft und meine Dienste an, genau wie beim Verhältnis zwischen einem Hund und seinem Herren.

Was zeichnet die Bedeutungen von Hunden speziell in der byzantinischen Gesellschaft aus?

Rhoby: Ich würde sagen, das gibt es vielleicht gar nicht, das typisch Byzantinische. Es ist vielmehr eine kontinuierliche Entwicklung von der  Frühzeit bis heute. Allerdings wird immer wieder die Treue des Hundes, die Freundschaft zwischen Hund und Mensch hervorgehoben. Das ist zwar nicht typisch byzantinisch, aber trotzdem, man muss es festhalten. Es ist wichtig, zu wissen, dass es diese Gefühle für Tiere und Beziehungen zu ihnen auch in vormodernen Gesellschaften wie Byzanz gegeben hat.

 

AUF EINEN BLICK

Andreas Rhoby studierte Byzantinistik und Neogräzistik, Geschichte sowie Deutsch als Fremdsprache an den Universitäten Wien und Athen. Er ist Dozent an der Universität Wien und seit 2012 stellvertretender Leiter der Abteilung Byzanzforschung am Institut für Mittelalterforschung der ÖAW.