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Dynamisches Südostasien

Südostasien boomt – nicht nur wirtschaftlich sondern auch in der Forschung. Über 500 Wissenschaftler/innen widmeten sich bei der EuroSEAS dieser dynamischen Weltregion. Eröffnet wurde die internationale Konferenz an der ÖAW vom Doyen der South Asian Studies, Benedict Anderson.

12.08.2015
Bild: EuroSEAS 2015

Es lohnt sich, die elf Länder, die als Südostasien zusammengefasst werden, gemeinsam in den Fokus zu nehmen. Geografisch zwischen Indien, China und Australien, in einem Grenzbereich zwischen Indischem und Pazifischem Ozean gelegen, sind Festland und Inselwelt Heimat für etwa 600 Millionen Menschen. Feuchtheißes Klima, die Nähe zum Wasser und rege Handelstätigkeit seit Jahrhunderten sind einige der Gemeinsamkeiten von Indonesien, den Philippinen, Myanmar, Vietnam, Thailand und Malaysia, Kambodscha, Laos, Singapur, Osttimor und Brunei – gelistet nach absteigenden Bevölkerungszahlen.


Die Kulturen und Gesellschaften dieser Länder sind äußerst vielfältig und haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich: Vielerorts sind sie geprägt durch die Kolonialzeit, zahlreiche Kriege und Konflikte im 20. Jahrhundert sowie Terrorregime in den sich etablierenden Nationalstaaten. Eine Komplexität, die sozial- und kulturwissenschaftliche Forschung vor große Herausforderungen stellt, über die mehr als 500 Südostasien-Expert/inn/en vom 11. bis 14. August 2015 in Wien diskutierten. Die Konferenz der „Association for Southeast Asian Studies“, kurz EuroSEAS, ist die weltweit größte Tagungsveranstaltung dieser Scientific Community und fand heuer bereits zum achten Mal statt. Erstmals wurde sie vom Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und vom Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien organisiert.


Anderson: Wissenschaft muss mutig sein

„Tatsachen ans Licht zu bringen, ist oft nicht im Sinne der Mächtigen“, betonte der Eröffnungsredner der diesjährigen Konferenz, Benedict Anderson, im bis auf den letzten Platz gefüllten Festsaal der ÖAW am 11. August. Dem 79jährigen Doyen der Sozialwissenschaft mit Schwerpunkt Südostasien war es aufgrund seiner Forschungsarbeiten jahrelang untersagt, Indonesien zu betreten. „Einschüchterungsversuche werden auch heute in vielen Staaten Südostasiens unternommen, um regimekritische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler klein zu halten“, kritisierte Anderson in seinem Vortrag mit dem Titel „Alarms of an Old Alarmist“. Im Gegensatz zum Kalten Krieg würden heute solche Einschüchterungsversuche aber kaum mehr ideologisch untermauert. Geld – auch von mafiösen Organisationen – versuche stattdessen bis in die Welt der Wissenschaft hinein zu regieren.


Anderson warnte aber auch vor zu engen Verflechtungen von Forschung und Politik: „Was in Südostasien politische oder religiöse Repression bewirkt, leistet im Westen die Bürokratie: Beide verstellen allzu oft den Blick auf wesentliche Details wie auf interdisziplinäre Zusammenhänge.“ Die Forschung dürfe aber weder ängstlich noch bequem sein, sondern müsse sich auch heiklen Themen widmen. Eine Aufforderung und Ermutigung, die nicht zuletzt an die zahlreichen jungen Wissenschaftler/inn/en im Publikum gerichtet war, die sich bei der Konferenz mit aktuellen Herausforderungen der aufstrebenden Region, wie den politischen Entwicklungen in Thailand und Myanmar/Burma oder der Umweltverschmutzung in den Megacities befassten.  


Hotspot österreichischer Forschung

Dass Südostasien nicht erst seit Kurzem ein Hotspot der Forschung ist, daran erinnerte Andre Gingrich, Direktor des ÖAW-Instituts für Sozialanthropologie, in seiner Grußadresse. Er verwies darauf, dass österreichische Wissenschaftler/inn/en seit vielen Jahrzehnten in der Region forschen. So habe die Akademie der Wissenschaften bereits im 19. Jahrhundert die Bedeutung der Südostasienforschung erkannt und beispielsweise im Zuge der von der Akademie ausgestatteten Novara-Weltumsegelung (1857–59) eine Fülle an Erkenntnissen gewonnen.


Wie eng die wissenschaftlichen Beziehungen zur Region sind, zeigt sich auch am Begriff „Südostasien“. Die Bezeichnung geht in den Sozial- und Kulturwissenschaften zurück auf den österreichischen Ethnologen Robert Heine-Geldern (1885-1968), dessen Geburtstag sich heuer zum 130. Mal jährt. Heine-Geldern, der während der Zeit des Nationalsozialismus in die USA emigrieren musste, trug dort entscheidend dazu bei, das Feld der Südostasienstudien zu eröffnen, das nach dem Zweiten Weltkrieg einen rasanten Aufschwung erfuhr.


Utami: Tradition der Toleranz

Den großen Bogen zu gegenwärtigen Entwicklungen in Südostasien schlug am 12. August die bedeutende indonesische Schriftstellerin Ayu Utami in der zweiten Keynote Speech der EuroSEAS-Konferenz, diesmal an der Universität Wien. Utami sprach über die „Ethik der Harmonie“, die die unterschiedlichen Kulturen Indonesiens über Jahrhunderte trotz ihrer Heterogenität zusammengehalten habe. Diese Tradition der Toleranz sei heute durch moderne Erscheinungen wie den religiösen Fundamentalismus aber auch durch westliche Vorstellungen von Vernunft herausgefordert. Eine Antwort könnte im indonesischen Konzept des „Rasa“ liegen: „Rasa ist ein indonesisches Wort für Gefühle und Empathie. Rasa sucht nicht nach Wahrheit, sondern nach Ausgleich, Balance und Beziehungen“, so Utami, die betonte: „Die Toleranz, die wir in Indonesien haben, hängt am Rasa.“

Weitere Informationen zur Konferenz:www.univie.ac.at/euroseas2015/