12.12.2019

Dürre, Pest und Kälte: Wie der Klimawandel das Mittelalter veränderte

Anders als heute wurde das Klima im späten Mittelalter nicht wärmer, sondern kälter. Welche dramatischen Folgen diese „Kleine Eiszeit“ für die damaligen Gesellschaften im östlichen Mittelmeerraum hatte, haben zwei Historiker/innen der ÖAW in einer neuen Publikation analysiert.

© Wikimedia Commons

Die Menschheit hat im Verlauf ihrer Geschichte mehrere klimatische Veränderungen erlebt. Der bisher letzte große globale Wandel spielte sich beim Übergang von der sogenannten mittelalterlichen Klimaanomalie, die sich in Westeuropa als Warmzeit manifestierte, zur „Kleinen Eiszeit“ ab. „Diese Periode zwischen 1200 und 1350 war der jüngste Umschwung und die größte klimatische Veränderung der letzten 1000 Jahre vor der gegenwärtigen Erwärmung. Die „Kleine Eiszeit“ dauerte bis ins 19. Jahrhundert an”, erklärt Johannes Preiser-Kapeller vom Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Gemeinsam mit seiner Kollegin Ekaterini Mitsiou hat er in einem Beitrag im neu erschienenen Sammelband „The Crisis of the 14th Century“ die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser klimatischen Entwicklungen auf den östlichen Mittelmeerraum untersucht.

Schwarzer Tod erobert Europa

Für die dortigen Gesellschaften war der Umbruch zwischen zwei Systemzuständen des globalen Klimas eine dramatische Zeit. Die Frequenz drastischer Wetterereignisse nahm zu, die sozioökonomischen Systeme wurden durch Dürren, Fluten und das Aufkommen neuer Krankheiten stark unter Druck gesetzt. „Regional waren die Auswirkungen unterschiedlich. Wir sehen im östlichen Mittelmeerraum ab Mitte des 13. Jahrhunderts vermehrt längere und ausgeprägte Dürreperioden. Auch im Niltal kam es durch Veränderung der Niederschlagsmuster im Quellgebiet des Nils in Ostafrika zu Hungersnöten, weil die Höhe der Nilfluten zu niedrig oder zu stark ausfiel”, sagt Preiser-Kapeller.

Zudem breiteten sich entlang der Handelswege in Europa ab 1310 zuerst eine Viehseuche und in den 1340er-Jahren die Pest aus, der in manchen Regionen die Hälfte der Bevölkerung zum Opfer fiel. Die Ausbreitung der Erreger konnte durch neue genetische Analysen relativ genau nachgezeichnet werden. „In Zentralasien, der Ursprungsregion des Pesterregers, wurde es damals kühler und feuchter, was die Ausbreitung der Krankheit begünstigt hat. In Westeuropa, das damals gut an das Handelssystem angeschlossen war und eine hohe Bevölkerungsdichte aufwies, waren die Verluste sehr hoch”, sagt Preiser-Kapeller.

Eliten müssen reagieren

Die Auswirkungen auf verschiedene Gesellschaften waren jedoch nicht einheitlich. „Einige etablierte Gesellschaften konnten damals nicht flexibel reagieren. Es zeigt sich etwa, dass Byzanz stärker unter Druck stand als das Osmanische Reich, das ab 1350 auf Kosten von Byzanz expandieren konnte. Ein relativ neues Staatsgebilde, das noch nicht so stark abhängig von über lange Zeit entwickelten Strukturen und Verfahren war, konnte sich wohl leichter an die Veränderungen anpassen”, vermutet Preiser-Kapeller.

Um die damaligen Entwicklungen besser zu verstehen, griffen die Forscher/innen sowohl auf historische Quellen als auch auf naturwissenschaftliche Daten zurück, die eine Rekonstruktion der Temperaturen und Niederschlagsmengen zur jeweiligen Zeit erlauben. „Wir konnten feststellen, dass die Berichte von Zeitgenossen und die Daten, die die Naturwissenschaften aus der Analyse von Jahresringen von Bäumen oder Tropfsteinen gewinnen, sich sehr gut decken. Es kam damals in manchen Regionen zu einer Abkühlung der Durchschnittstemperaturen um etwa ein bis 1,5 Grad, und die Frequenz von drastischen Wetterereignissen in den Berichten nahm entsprechend zu“, sagt Preiser-Kapeller.

Die beiden Forscher/innen haben sich bei ihrer Untersuchung auch angesehen, welche sozialen Faktoren für die Fähigkeit einer Gesellschaft, sich an den Klimawandel anzupassen, von Bedeutung waren. So scheint das Wechselspiel zwischen politischen Eliten und der Mehrheit der vor allem in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung wichtig gewesen zu sein. Nur wenn die Eliten in der Lage waren, zumindest die Bereitschaft zur Linderung der Not zu demonstrieren und die Lasten der Bewältigung der Krise nicht allzu ungleich zu verteilen, konnte der Zusammenhalt der Gesellschaft im Umbruch gewahrt bleiben.

Johannes Preiser-Kapeller ist vorsichtig, aus den historischen Erkenntnissen Rückschlüsse auf die aktuelle Situation der Menschheit zu ziehen: „Als Historiker bin ich eher zurückhaltend, was solche Vergleiche angeht. Man kann aber auch im gegenwärtigen Klimawandel beobachten, dass die Wetterextreme zunehmen. Auch heute geht es darum, wie die Belastungen sowohl der Bewältigung von Folgen des Klimawandels, aber auch die Kosten von Maßnahmen zu seiner Eindämmung global, aber auch innerhalb einzelner Staaten verteilt werden.“ Doch auch einen zentralen Unterschied zum Klimawandel im Mittelalter betont der Forscher: „Der gegenwärtige Klimawandel ist im Gegensatz zum Übergang zur „Kleinen Eiszeit“ zu einem großen Teil menschengemacht. Wir haben deshalb im Vergleich zu damals viel mehr Möglichkeiten, hier steuernd einzugreifen.”

 

Publikation

„The Little Ice Age and Byzantium within the Eastern Mediterranean, ca. 1200–1350: An Essay on Old Debates and New Scenarios“, Johannes Preiser-Kapeller, Ekaterini Mitsiou, in: The Crisis of the 14th Century. Teleconnections between Environmental and Societal Change?, hrsgg. von Martin Bauch, Gerrit Jasper Schenk, Verlag de Gruyter, Open Access
DOI: https://doi.org/10.1515/9783110660784-010
 

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Wissenschaftlicher Kontakt:

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johannes.preiser-kapeller@oeaw.ac.at

 

FORSCHUNG RUND UMS KLIMA

Die Ursachen und Folgen des Klimawandels für Umwelt, Mensch und Gesellschaft standen 2019 auch an der ÖAW im Mittelpunkt von Forschungsprojekten, Konferenzen und Vorträgen. Mehr zur Forschung rund ums Klima ist auf der Website der Akademie zu finden.
 

www.oeaw.ac.at/klimawandel

 


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