










Von Grabungen in der Türkei über die Quantenphysik und Satelliten rund um Jupitermonde bis hin zu einem gemeinsamen Geschichtsbuch Österreichs und Sloweniens – die Forschung des letzten Jahres an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) kann sich sehen lassen, sagte ÖAW-Präsident Heinz Faßmann bei der Eröffnung der Feierlichen Sitzung am 15. Mai 2025 im Festsaal in Wien.
Allein 1.700 peer-reviewte Publikationen wurden an der Akademie veröffentlicht, dazu kommen Förderungen von verschiedensten Institutionen und Grants des European Research Council (ERC-Grants). Gerade bei Letzteren ist die ÖAW außergewöhnlich erfolgreich. In Österreich hat sie nach der Universität Wien die meisten Grants. Oder um einen anderen Vergleich zu bemühen: „Die Akademie alleine hat mehr ERC Grants als ganz Polen“, so Faßmann.
Doch auf solchen Erfolgen dürfe man sich nicht ausruhen. Der Forschungsstandort Österreich könne noch besser werden, betonte Faßmann. Unsicherheiten im System, Bürokratie und finanzielle Ungleichheit seien aktuelle Herausforderungen. Dabei müssten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einem sicheren Umfeld arbeiten können, damit „mehr Mut entsteht, um sich mit auf den ersten Blick vielleicht verrückten Ideen auseinanderzusetzen“ – Ideen, die dann aber zu bahnbrechenden Entdeckungen führen können.
Auch die Politik sei aufgerufen, hier „nicht nur die Reparaturen der Gegenwart im Auge zu haben, sondern auch die Ausgestaltung der Zukunft“. „Wer ernten will, muss auch säen“, so Faßmann. Die ÖAW könne auf die Unterstützung der Politik zählen, versicherte Eva-Maria Holzleitner, Bundesministerin für Frauen, Wissenschaft und Forschung. In ihren Grußworten lobte sie die Expertise, Initiative und den Weitblick der Akademie.
Darüber, was Forschung leisten kann, sprach Wirtschaftswissenschaftler Ernst Fehr in seinem Festvortrag. Der gebürtige Innsbrucker arbeitet mittlerweile in der Schweiz an der Universität Zürich, studierte aber in Wien und ist Mitglied der ÖAW.
“In den letzten 50 Jahren fand eine tiefgreifende Transformation der Wirtschaftswissenschaften statt”, stellte Fehr klar. Zwar beschäftigte sich die Volkswirtschaftslehre in den 1980ern teils mit denselben Fragestellungen wie heute – Ursachen von Inflation und Arbeitslosigkeit zum Beispiel – doch sind einige Fragen hinzugekommen: Haben Menschen eine Präferenz für Fairness und welche Auswirkungen hat das auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft? Verwenden Politikerinnen öffentliche Mittel anders als Politiker? Die Wirtschaftswissenschaften seien längst nicht mehr beschränkt auf ökonomische Fragen im engeren Sinne, immer größer werde die Rolle der Verhaltenswissenschaft.
Vor allem aber sei es die Methode, die die Volkswirtschaftslehre radikal verändert hat: Die empirische Forschung in Form von Labor- und Feldexperimenten. „Heute wird viel mehr experimentiert“, fasst es Fehr zusammen. Er nennt das eine „Glaubwürdigkeitsrevolution“. Durch Experimente und Feldforschung könne ein weitgehender Konsens darüber geschaffen werden, worin eine glaubwürdige Identifikation von Ursache- und Wirkungszusammenhängen besteht. Diese „Glaubwürdigkeitsrevolution“ biete laut Fehr die Chance, dass ideologische Einflüsse in der Forschung reduziert werden.
Der Wissenschaftler nannte ein Beispiel: Man ging davon aus, dass eine Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns eine Reduktion der Beschäftigung erzeugt. Ein Experiment von David Card und Alan Krueger zeigte aber die Realität: Sie untersuchten Fast-Food-Restaurants in zwei benachbarten Bundesstaaten. In New Jersey wurde der Mindestlohn erhöht, in Pennsylvania nicht. Sie verglichen, wie viele Leute vor und nach der Erhöhung dort arbeiteten. Das Ergebnis: Die Zahl der Jobs sank nicht – im Gegenteil, sie blieb gleich oder stieg leicht. Die Forschung zeigte, dass ein höherer Mindestlohn nicht automatisch zu weniger Jobs führt. Fehr betonte: „Ich kann die Frage zum Mindestlohn nicht nur mit Theorie beantworten, es braucht die Praxis.“ Experimente sieht der Wissenschaftler als „methodologische Innovationen“.
Er selbst trug mit einem seiner Experimente dazu bei, eine Theorie zu widerlegen. Denn was den Menschen betrifft, galt dieser in den Wirtschaftswissenschaften lange als Homo Oeconomicus: Als rein rational, egoistisch und eigennützig. Fehrs Hypothese war eine andere: Viele, aber nicht alle Menschen haben eine Abneigung gegen Ungerechtigkeit, handeln also nicht nur eigennützig. Das Problem war: Die Motive hinter den Handlungen von Menschen sind nicht einfach so beobachtbar.
„Wenn ich Sie beobachte, wie Sie einem Bettler 20 Euro geben, dann könnten Sie entweder ein altruistischer Mensch sein oder das Geld nur gegeben haben, weil Sie von mir gesehen wurden und gut dastehen wollten“, erklärte es Fehr. Also führte er Experimente durch, in denen die Menschen anonym waren und nicht über ihr eigenes Geld entscheiden mussten. Er ließ die Menschen Geld verteilen oder Geld annehmen und fand heraus: Viele Menschen denken oft nicht nur an sich selbst, sondern wollen auch fair behandelt werden – und andere fair behandeln. Fehr nannte das Ungerechtigkeitsaversion. Mit dem Konzept der Ungleichheitsaversion ließ sich auch der Wunsch der Menschen nach Umverteilung durch Steuern und Transfers erklären. Je größer die Ungleichheitsaversion desto größer die Unterstützung von Umverteilungsinitiativen und desto eher werden Parteien, die Ungleichheit reduzieren wollen, unterstützt. Damit wäre der egoistische Homo Oeconomicus widerlegt.
Fehr hatte auch eine Erklärung dafür parat, warum – trotz Ungleichheitsaversion – so viel Ungleichheit herrscht: „In Wettbewerbsmärkten wird die Wirkung der Ungleichheitsaversion oft neutralisiert.“ Der Wettbewerb zwingt Unternehmen und Einzelpersonen dazu, eigennützig zu handeln, selbst wenn sie das eigentlich nicht möchten.
Gleichzeitig spielt die Ungleichheitsaversion eine große Rolle in wissenschaftlichen Institutionen und in der Politik. „Und wir konnten sie nur mit Experimenten erklären. Das zeigt den Fortschritt in den Wirtschaftswissenschaften“, sagte Fehr. „Wir sind von bloßen Korrelationen zu kontrollierten Feldexperimenten übergegangen. Wir haben das traditionelle Bild des Homo Oeconomicus abgelöst – durch ein realistischeres Bild vom Menschen: emotional, sozial und nicht perfekt rational.“ Fehr ist fest davon überzeugt: „Glaubwürdige, evidenzbasierte Ökonomie kann ideologische Einflüsse überwinden – und zu echtem wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt führen.“