18.09.2020

„Die Spaltung der US-Gesellschaft hat wirtschaftliche Gründe“

Es sind noch wenige Wochen bis zu den US-Wahlen. Die amerikanische Gesellschaft ist seit der Präsidentschaft von Donald Trump äußerst gespalten. Die Coronakrise hat die Polarisierung weiter vertieft, nicht zuletzt weil sie mitten in das Herz der Wirtschaft getroffen hat, wie Amerikanist und ÖAW-Mitglied Waldemar Zacharasiewicz erklärt.

Viele Amerikanier/innen betrachten staatliche Anweisungen als Eingriff in ihre Grundrechte. Das gilt auch für Maßnahmen zur Bekämpfung von Corona.
Viele Amerikanier/innen betrachten staatliche Anweisungen als Eingriff in ihre Grundrechte. Das gilt auch für Maßnahmen zur Bekämpfung von Corona. © Dimitri Karastelev/Unsplash

Am 3. November wählen die USA ihren neuen Präsidenten. Ob die Wähler/innen Donald Trump eine zweite Amtszeit ermöglichen oder sein demokratischer Gegenkandidat Joseph Biden zum neuen Präsidenten gewählt wird, ist offen. Sicher ist aber, dass die Coronapandemie eine große Rolle bei der Wahlentscheidung der Bürger/innen spielen wird.

„Es ist eine Mehrheit im Land, die unzufrieden ist mit der Art und Weise, wie man mit der Pandemie umgegangen ist“, sagt der Amerikanist Waldemar Zacharasiewicz. Aber er fügt in einem Atemzug hinzu: „Trotzdem behaupten nicht wenige US-Amerikaner, dass die Regierung sehr erfolgreich mit der Epidemie umgegangen sei.“ Das spiegelt die Zerrissenheit der gegenwärtigen US-Gesellschaft wider. Wie groß diese Polarisierung inzwischen ist und warum auch bei Corona gilt „it’s the economy, stupid“, erläutert Zacharasiewicz, der Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ist, im Interview.

Das Tragen von Masken stößt in den USA auf den Widerstand großer Teile der Bevölkerung. Dabei zielen solche Maßnahmen darauf ab, nicht nur sich selbst, sondern vor allem andere zu schützen. Wird Corona im Land der Freiheit des Individuums als individuelles Problem gesehen?

Waldemar Zacharasiewicz: Viele Menschen in den USA betrachten jede staatliche Anweisung als Eingriff des Staates in die Grundrechte. Nicht nur unter den Republikanern gibt es sehr viele, die Vorschriften zum Tragen von Masken schroff als Reglementierung zurückweisen. Ausgesprochen abwehrend sind hier die Libertarians, eine besonders radikale Gruppe. Trotz der nachdrücklichen Ratschläge von Mediziner/innen werden Maßnahmen abgelehnt, zum Teil mit martialischem Gehabe. Der Individualismus spielt in den USA eine außerordentlich große Rolle - das ist auch aus der Kulturgeschichte verständlich.

Viele Menschen in den USA betrachten jede staatliche Anweisung als Eingriff des Staates in die Grundrechte.

Wie lässt sich der Individualismus in den USA aus kulturhistorischer Perspektive erklären?

Zacharasiewicz: Der US-amerikanische Historiker Frederick Jackson Turner hat im späten 19. Jahrhundert beschrieben, wie sehr die kollektive Erfahrung der Frontier, der Grenze zwischen der kultivierten Landschaft und der sogenannten Wildnis, die Geschichte der USA beeinflusst hat. Bis 1890 hatte man noch die Möglichkeit, aus dem zivilisatorischen Raum auszubrechen und in der Wildnis ein Blockhaus zu errichten, weit weg vom Einfluss der Regierung in Washington. Das ist ein historisches Faktum, das zumindest zum Teil diese Tradition verständlich macht. Auch populäre Schriftsteller und Philosophen haben im neunzehnten Jahrhundert dieses Bild in der amerikanischen Gesellschaft geprägt, etwa Ralph Waldo Emerson, der mit seinem Essay „Self-Reliance“ einen Schlüsselbegriff formuliert hat.  

Spielt hier auch das Narrativ vom Selfmademan eine Rolle?

Zacharasiewicz: Die Überzeugung, dass es der Einzelne bei entsprechender Disziplin und Anstrengung sehr weit bringen könnte, hat die Kultur des Landes bis in die Gegenwart bestimmt. Ebenso der gängige Archetyp in der Literatur und Populärkultur, wonach man "from rags to riches" aufsteigen und damit den „American Dream“ verwirklichen könne. In Europa wurde das als "vom Tellerwäscher zum Millionär" übersetzt. Diese Hoffnung, dass man im Land der unbegrenzten Möglichkeiten rasch zu Erfolg kommen wird, hat Millionen von Zuwanderern aus Europa angezogen. Erst in den 1920er-Jahren, als Restriktionen bei der Einwanderung verhängt wurden, gab es hier eine Zäsur.

Anti-Intellektualismus hat seit vielen Jahrzehnten eine Tradition in den USA.

Welche Auswirkungen hat das Versagen der Regierung von Donald Trump bei der Bekämpfung der Pandemie auf das US-amerikanische Selbstbild?

Zacharasiewicz: Es ist eine Mehrheit im Land, die unzufrieden ist mit der Art und Weise, wie man mit der Pandemie umgegangen ist. Mit Stand Mitte September sind in den USA mehr als 190.000 Tote zu beklagen und 6,5 Millionen Personen haben sich infiziert. Das sind die statistisch nachgewiesenen Zahlen. In der Einschätzung gibt es im Land eine stärkere Polarisierung als je zuvor. Unter den meisten Intellektuellen, die derzeit angesichts der Entwicklungen in ihrem Land geradezu verzweifeln, ist die Besorgnis außerordentlich groß. Aber: Trotzdem behaupten nicht wenige US-Amerikaner, dass die Regierung sehr erfolgreich mit der Epidemie umgegangen sei. Unter anderem natürlich Donald Trump selbst, der um seine Wiederwahl kämpft.

Die Spaltung in der amerikanischen Gesellschaft ist vor allem durch wirtschaftliche Faktoren verursacht.

Apropos Intellektuelle. Wie weit verbreitet ist seit Trump die Intellektuellenfeindlichkeit?

Zacharasiewicz: Anti-Intellektualismus hat seit vielen Jahrzehnten eine Tradition in den USA. Mit einer solchen Haltung war auch Adlai Stevenson, der Präsidentschaftskandidat der Demokraten, in den 1950er-Jahren konfrontiert, wobei die Vorbehalte gegen Intellektuelle bis in die Zeit von Präsident Andrew Jackson um 1830 zurückreichen. Dazu gibt es auch wissenschaftliche Untersuchungen, dass man in den USA nicht als intellektuell gelten möchte.

Die Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft liegt nicht nur, aber doch zu einem großen Teil an Donald Trump. Welche Ursachen hat sie?

Zacharasiewicz: Die Spaltung in der amerikanischen Gesellschaft ist vor allem durch wirtschaftliche Faktoren verursacht. Es ist nicht zufällig, dass überproportional viele Amerikaner/innen mit afrikanischem Erbe oder aus Lateinamerika Zugewanderte von der Pandemie besonders betroffen sind. Weniger begünstigte soziale Schichten sind auf die tägliche Arbeit angewiesen. Viele haben während des Lockdowns ihre Arbeitsplätze verloren. Zudem gibt es Millionen Menschen in den USA, die nicht oder nicht ausreichend krankenversichert sind. Sie haben keine Möglichkeit, ärztliche Hilfe zu bekommen – das ist buchstäblich fatal in dieser Krise. Sie tragen durch das Virus eine unverhältnismäßig hohe Last und haben eine wesentlich höhere Todesrate als weiße Amerikaner. Und: Millionen Zugewanderte mit unsicheren Arbeitsplätzen haben weder Papiere noch gesicherten Status in den USA. Das ist ein politisches Thema, über das seit Jahren gestritten wird und das noch immer nicht gelöst ist.

Die Coronakrise wirkt wie ein Vergrößerungsglas für gesellschaftliche Missstände. Inmitten der Pandemie heizen die Auseinandersetzungen mit rassistischer Polizeigewalt die Stimmung im Land weiter an. Wie sehen Sie die Zusammenhänge?

Zacharasiewicz: Die Vorfälle und Demonstrationen in Seattle, in Portland oder in Kenosha im Bundesstaat Wisconsin oder auch in Rochester in New York haben gezeigt, dass neben Afroamerikaner/innen auch liberal denkende Weiße, die das Unrecht nicht akzeptieren wollen, auf die Straße gehen. In der Mehrzahl friedlich. Der Einsatz der National Guard gegen die von Trump als Anarchisten und Agitatoren bezeichneten Demonstrant/innen hat keinesfalls zu einer Beruhigung beigetragen, sondern die Spannung erhöht.

Weniger begünstigte soziale Schichten sind auf die tägliche Arbeit angewiesen. Viele haben während des Lockdowns ihre Arbeitsplätze verloren. Zudem gibt es Millionen Menschen in den USA, die nicht oder nicht ausreichend krankenversichert sind.

Was zusätzlich die Stimmung befeuert, sind die bestehenden Waffengesetze, die in den USA im Vergleich zu Europa sehr lax sind. Das Recht, Waffen zu tragen und zu gebrauchen, ist im zweiten Zusatzartikel der US-Verfassung verankert. Und die Rede ist heute nicht von Flinten, sondern von automatischen Sturmgewehren. Und man weiß , dass die mächtige Waffenlobby, die National Rifle Association, hier die Republikaner und auch Trump unterstützt.

 

AUF EINEN BLICK

Waldemar Zacharasiewicz ist Anglist und Amerikanist. Er war bis zu seiner Emeritierung 2010 ordentlicher Professor für Anglistik und Amerikanistik an der Universität Wien. 1994 wurde er zum korrespondierenden und 2000 zum wirklichen Mitglied der philosophisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gewählt. Seit 2012 leitet er an der ÖAW die Kommission The North Atlantic Triangle: Social and Cultural Exchange between Europe, the USA and Canada als Obmann.

 


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