25.06.2018

DIE HOFBURG VIRTUELL DURCHWANDERN

Seit Jahrhunderten werden in der Architektur dreidimensionale Modelle gebaut. Heute werden dafür digitale Methoden verwendet. Nun soll ein 3D-Modell der Wiener Hofburg ermöglichen, in die Geschichte dieses Baujuwels einzutauchen. Wie das funktioniert, erklärt ÖAW-Kunsthistoriker Richard Kurdiovsky.

Sie ist Tourismusmagnet und Regierungssitz. Vor allem aber ist sie eines: Die Wiener Hofburg ist einer der historisch und künstlerisch bedeutendsten profanen Baukomplexe Europas. Als Regierungssitz von Herzögen, Königen und Kaisern stand sie vom 13. Jahrhundert bis 1918 im Mittelpunkt der Politik. Dieses politische Gewicht spiegelt sich auch in ihrer architektonischen Entwicklung wider: Die bewegte Baugeschichte erstreckt sich von der mittelalterlichen Kastellburg über Palastbauten der Renaissance, Ausbauprojekte unter Kaiser Karl VI., Maria Theresia und Franz Joseph bis hin zu groß angelegten Vorhaben des 20. Jahrhunderts.

Und dennoch: Trotz wiederholter Bemühungen erhielt die Hofburg nie ein einheitliches Erscheinungsbild, und der über die Jahrhunderte gewachsene Zustand blieb bis heute bestehen. Diese Komplexität der Hofburg umfassend zu ergründen, setzen sich bereits seit mehreren Jahren Wissenschaftler/innen des Instituts für kunst- und musikhistorische Forschungen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zum Ziel.

Einer dieser Wissenschaftler ist Richard Kurdiovsky. Der Kunsthistoriker arbeitet in einem vom ÖAW-Programm go!digital geförderten Projekt daran, 3D-Modelle der Hofburg zu einem virtuellen Archiv zu erweitern. Die Hofburg soll dadurch auch digital zu einem Erlebnis werden: User/innen können bei einem Online-Rundgang durch das Modell historische Originalquellen, wie Architekturzeichnungen, Reiseberichte oder Gemälde „aufstöbern“ und mehr dazu erfahren.

Was war der Ausgangspunkt ihrer Forschung?

Richard Kurdiovsky: Es gab ein groß angelegtes, interdisziplinäres Forschungsprojekt an unserem Institut, das die Wiener Hofburg und die Planungen und Bauvorhaben, die für sie angestellt wurden, sowie ihre Funktionen und deren Wandel untersuchte. Das digitale 3D-Modell der Hofburg veranschaulicht dabei die bauliche Entwicklung des Palastes von der Gründung im 13. Jahrhundert bis 1835. Die wissenschaftliche Basis dafür bildeten bauarchäologische Befundungen, sowie die Auswertung von handschriftlichen und gedruckten Quellen.

Dieser Palast stand vom Mittelalter bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts im Zentrum europäischer Politik.

Wie kam es überhaupt zur Entscheidung, die Wiener Hofburg zu erforschen?

Kurdiovsky: Dieser Palast war die zentrale Residenz der Habsburger und stand vom Mittelalter bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts im Zentrum europäischer Politik – und als Sitz des Bundespräsidenten dient die Hofburg seit 1946 auch der Zweiten Republik als offizielles politisches Bauwerk. Daher war die bauliche Erscheinung der Hofburg nie das Produkt eines Zufalls. Die Hofburg erlebte eine abwechslungsreiche bauliche Entwicklung: von der mittelalterlichen Kastellburg des Schweizertraktes, über Palastbauten der Renaissance und des 17. Jahrhunderts bis zum heutigen Zustand; mit dem nie vollendeten „Kaiserforum“ wurde schließlich im 19. Jahrhundert versucht, die Hofburg in den neu geschaffenen urbanen Kontext der Wiener Ringstraße zu integrieren.

In unserem Forschungsprojekt haben wir basierend auf einzelnen umfangreichen, allerdings mittlerweile mehr als ein halbes Jahrhundert alten Studien – etwa von Moritz Dreger oder Alphons Lhotsky – sowie einer Vielzahl an Untersuchungen – beispielsweise zur Innenausstattung der Hofburg im 19. Jahrhundert – den Bau, die Planungen und Ausführungen sowie die Funktionsgeschichte seit dem 13. Jahrhundert analysiert. Dabei rückten auch Fragen in unseren Fokus, die den sozialen, kulturellen oder stadträumlichen Kontext betreffen und bisher kaum gestellt wurden.

Zum Beispiel?

Kurdiovsky: Wie hat die Hofburg die Stadt wirtschaftlich, politisch oder kulturell beeinflusst? Bis zur Entscheidung Kaiser Franz Josefs I., die Befestigungen Wiens zu schleifen, lag die Hofburg an der Wiener Stadtmauer. Das hatte verteidigungstechnische Gründe und besaß zugleich einen hohen symbolischen und insofern repräsentativen Wert. Oder ein anderes Beispiel: Das Burgtheater und die Hofoper besaßen für die bürgerliche Öffentlichkeit einen hohen Stellenwert, weil sie als Theater öffentlich zugänglich waren, und andererseits bildeten beide Theater baulich als auch administrativ einen Bestandteil der kaiserlich-königlichen Hofburg.

Man kann sich das so ähnlich vorstellen wie bei Google Maps.

Was ist das Ziel Ihres 3D-Archivs?

Kurdiovsky: Wir wollen unsere Forschungen zur Geschichte der Hofburg vom Mittelalter bis in die Gegenwart am 3D-Modell visualisieren und gleichzeitig mit neuen Funktionalitäten anreichern. Wir haben schon während des Hofburg-Projekts zwölf verschiedene Zustände als 3D-Modell nachbauen lassen. Nun wollen wir diese Modelle langfristig nutzbar machen und die von uns erhobenen Quellenbestände zeitlich zugeordnet und georeferenziert im dreidimensionalen Raum der Hofburg verorten. Bei einem virtuellen Rundgang durch das Hofburgmodell soll es dann möglich sein, auf historisches Quellenmaterial zu stoßen und verlinkte Inhalte in Pop Up-Fenstern ansehen zu können.

Wie kann man sich so einen virtuellen Rundgang durch die kaiserlichen Gemächer vorstellen?

Kurdiovsky: Man kann sich das so ähnlich vorstellen wie bei Google Maps. Im Modell werden historische Quellen dreidimensional verortet gespeichert – Architekturzeichnungen etwa werden eingeblendet und Schriftquellen mit Markern verzeichnet – und können von den User/inne/n entweder aufgestöbert oder gezielt gesucht werden. Über einen „Time Slider“ sollen bestimmte Zeiträume beobachtbar gemacht werden bzw. kann mit Hilfe einer Suchmaske ein bestimmter Raum gefunden und Information zu vorhandenen Quellen abgerufen werden.

Das hört sich so an, als könnte man dann mit Hilfe dieses 3D-Modells virtuell in die Vergangenheit reisen.

Kurdiovsky: Ganz so wird es nicht sein. Es darf nicht die Illusion entstehen, dass wir die Vergangenheit detailreich und vor allem wahrheitsgetreu rekonstruieren könnten. Das Modell ist künstlich geschaffen, und in diesem künstlichen Setting werden historische Quellen und Zustände interpretiert präsentiert. Daher wollen wir auch keine hyperrealistische Gestaltung des Hofburgmodells, denn es stellt nicht die Wirklichkeit dar – die reale Hofburg gibt es ja immer noch –, sondern es soll als Abbild der Hofburg verstanden werden können.