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DIE GROSSEN FRAGEN DER MENSCHHEITSGESCHICHTE

Die weltweit bedeutendste Konferenz der Archäologie im Orient findet erstmals in Österreich statt. ÖAW-Forscherin Barbara Horejs erzählt, welchen Fragen aus der Geschichte der Menschheit dort im Mittelpunkt stehen.

22.04.2016
Khirokitia, Cyprus. Bild: Felix Ostmann/OREA

Wenn sich hunderte Archäolog/innen aus aller Welt an einem Ort versammeln, dann ist das entweder ein bemerkenswerter Zufall oder der Auftakt zur größten und bedeutendsten Konferenz des Faches: der „International Conference for the Archeology of the Ancient Near East“ – kurz ICAANE. Vom 25. bis 29. April 2016 ist letzteres der Fall. Dann nämlich findet die global bedeutendste wissenschaftliche Konferenz zur Archäologie des Nahen Ostens sowie der antiken Geschichte nahöstlicher Kulturen erstmals in Wien statt – und zwar an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Barbara Horejs, Direktorin des ÖAW-Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie, das die Konferenz veranstaltet, erzählt im Interview, welche archäologischen Rätsel noch ungelöst sind, warum es bei den großen Fragen der Menschheitsgeschichte auf die kleinen Details ankommt und wie moderne Technik dabei helfen kann, die durch kriegerische Konflikte zerstörten Kulturdenkmäler im Nahen Osten zumindest virtuell wiederaufzubauen.

Was hat man sich unter dem langen Namen „International Conference for the Archeology of the Ancient Near East“ oder kurz der ICAANE vorzustellen?

Die ICAANE ist die weltweit größte Konferenz zur Archäologie des Orients. Sie findet alle zwei Jahre an verschiedenen Orten statt und heuer zum ersten Mal in Österreich. Wir erwarten rund 800 Teilnehmer/innen aus 39 Nationen, haben Anmeldungen aus Australien, Saudi Arabien, Japan, Russland, Ägypten, Süd- und Nordamerika, Kanada – es kommen wirklich alle. Natürlich sind auch die Europäer stark vertreten und die Kolleg/innen aus den orientalischen Ländern selbst, sofern sie ausreisen können. Ganz besonders freut uns die sehr rege Teilnahme aus dem Iran.

Was sind die Highlights dieser riesigen Veranstaltung?

Aufgrund der gegenwärtigen Zerstörung von Kulturdenkmälern im Nahen Osten haben wir eine Sektion „Cultural Heritage under Threat“ aufgenommen. Das ist sicherlich einer der Höhepunkte der Konferenz. Hier werden die Entscheidungsträger der Antikenverwaltungen in den betroffenen Ländern über den aktuellen Stand der Zerstörungen berichten. Zusätzlich wird es auch um Initiativen zur Rettung und zum Wiederaufbau der Denkmäler nach dem erhofften Ende des Krieges gehen. Viele dieser Initiativen gibt es bereits. So hat man etwa begonnen, aus den vorhandenen Archivdaten 3-D-Modelle zerstörter Denkmäler zu entwickeln. Wir versuchen hier eine optimistische Perspektive einzunehmen und werden in dieser Sektion auch von der UNESCO und dem österreichischen Außenministerium sehr unterstützt.

Sind alle Vorträge zugänglich für die Öffentlichkeit?

Ja, man kann Tagestickets erwerben, und ich hoffe, dass viele Menschen zum Zuhören kommen. Den Eröffnungsvortrag wird der berühmte Archäologe Mehmet Özdoğan zu „Archäologie und Politik im Nahen Osten“ halten, ebenfalls ein Thema, das aktuell und für eine breite Öffentlichkeit interessant ist. Ein weiteres Highlight ist die große Poster-Ausstellung in der benachbarten Aula der Wissenschaften, in deren Rahmen wir auch einen „best-poster award“ verleihen. Die rund 80 Präsentationen stammen zum großen Teil von Nachwuchswissenschaftler/innen, und sie geben einen hervorragenden Überblick über die aktuellen Forschungen in der Archäologie des Orients.

Es geht bei der Konferenz auch um die Ökonomie in der Frühgeschichte, Religion und Riten, den Einfluss des Klimas oder um Migrationsprozesse. Gibt es weitere spannende Forschungsthemen?

Ich selbst leite einen Workshop gemeinsam mit dem Nachwuchswissenschaftler Maxime Brami zur so genannten „Central/Western Anatolian Frontier“. Da geht es um die Frage, warum die Ausbreitung der ersten Ackerbauern und Viehzüchter in Richtung Westanatolien plötzlich abbrach. Die Entwicklung vom nomadischen Jagen und Sammeln zum sesshaften Ackerbau – also die Revolution der Menschheitsgeschichte schlechthin – setzte plötzlich für 1500 bis 2000 Jahre aus, und wir haben keine Ahnung warum. Dieses Phänomen der Unterbrechung oder des Stopps einer großen technologischen, ökonomischen oder soziokulturellen Entwicklung taucht immer wieder in der Menschheitsgeschichte auf. Wir können es in vielen Jahrtausenden und in unterschiedlichen Regionen bis heute beobachten. Daher ist die Frage von globaler Bedeutung: Warum bricht eine bestimme Entwicklung ab bzw. ändert ihre Dynamik und warum setzt sie sich dann auch wieder in Bewegung?

Und man hat über die Ursachen bisher nichts herausgefunden?

Im Fall der „Central/Western Anatolian Frontier“ wurde schon viel spekuliert, so vermutete man etwa klimatische Veränderungen als Grund für die Unterbrechung dieser Dynamik. Aber diese These allein hat sich bisher nicht überzeugend argumentieren lassen. Vielleicht hatte der Stopp auch mit Migrationsprozessen zu tun, etwa damit, dass eine hochentwickelte neolithische Kultur auf eine alte Jäger- und Sammler-Kultur traf. Das wäre ein möglicher Lösungsansatz. Auf der Konferenz jedenfalls bringen wir nun Spezialist/innen beiderseits dieser zeitlichen und geografischen Grenze zusammen, in diesem Fall aus der Zentral- und der Westtürkei, was bisher noch nie gemacht wurde. Vielleicht können wir so dem Rätsel etwas näher kommen.

Worin besteht für Sie die Faszination an der Archäologie?

Es ist diese unglaubliche Detailversessenheit, die sich mit den grundlegenden Fragen der Menschheitsgeschichte paart. Wir treffen hier auf unbekannte Welten, die trotzdem sehr viel mit uns zu tun haben, denn der Bezug zur Gegenwart ist immer da: Warum gibt es Umbrüche in Kulturen? Warum verändern sich Gesellschaften? Was sind die Auslöser, und wohin führt das Ganze? Die Archäologie ist eine der wenigen Forschungsdisziplinen, die Antworten auf diese Fragen geben kann, weil sie einen so großen Zeitüberblick hat. Natürlich projizieren wir auch Fragen aus der Gegenwart in die Vergangenheit. Aber vice versa können wir Fakten aus der Vergangenheit liefern, die uns helfen, die komplexe Gegenwart ein wenig analytischer zu diskutieren.

 

Barbara Horejs ist Direktorin des ÖAW-Instituts für

Orientalische und Europäische Archäologie und Honorarprofessorin an der

Universität Tübingen. Seit 2015 ist sie zudem korrespondierendes

Mitglied der philosophisch-historischen Klasse der ÖAW. Sie wurde mit

einem START-Preis und einem ERC Starting Grant ausgezeichnet und leitet

derzeit u.a. das FWF-Projekt „Bronze Age Gold Road of the Balkans. Ada

Tepe Mining“

Die

ICAANE findet vom 25. bis 29. April 2016 an der ÖAW statt und wird

organisiert vom Institut für Orientalische und Europäische Archäologie:

Programm

ÖAW-Institut für Orientalische und Europäische Archäologie