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Deutet eine Sonnenfinsternis auf den Weltuntergang hin?

Anlässlich der totalen Sonnenfinsternis am 12. August 2026 schauen wir – nicht in den Himmel – sondern in die Vergangenheit: Bei der Sonnenfinsternis am 22. Dezember 968 fürchteten Augenzeugen in Konstantinopel, diese könnte den drohenden Weltuntergang ankündigen. ÖAW-Historiker Johannes Preiser-Kapeller erklärt im Podcast-Interview, warum dieses Event auch für die Wissenschaftsgeschichte interessant ist.

04.08.2026
Ein Blick auf Konstantinopel aus der Vogelperspektive, am 22. Dezember 968 (KI-generiert).
© Gemini/Johannes Preiser-Kapeller

Im ÖAW-Podcast "Hiccup. Per Schluckauf durch die Zeit" reisen wir mit Wissenschaftler:innen durch die Epochen – und klären, was man mit dem Gedankenexperiment Zeitreise für die Forschung lernen könnte.  

In der Folge "Sonnenfinsternis, Byzanz und Weltuntergang: Zurück nach Konstantinopel" bereisen wir das Oströmische Reich am 22. Dezember 968. An jenem Tag wurde die Sonne am Himmel verdunkelt – was zu drei verschiedenen Berichten führte, die von Massenpanik und Weltuntergang erzählen.  

Was passierte am 22. Dezember 968? 

Johannes Preiser-Kapeller: An diesem Tag ereignete sich in Konstantinopel eine totale Sonnenfinsternis, genau um 11:29 Uhr Ortszeit. Das Spannende ist, wir haben für diese Sonnenfinsternis mehrere Augenzeugenberichte, unter anderem den ersten sicher datierbaren Bericht einer Beschreibung der Sonnencorona, also der äußersten Schichtatmosphäre der Sonne. Der, der das beschreibt, glaubt, dass die Welt bald untergeht. Es gibt aber auch andere Beobachter, die sich über solche Befürchtungen lustig machen. 

Die Leute waren entsetzt über den neuen und ungewohnten Anblick.

Was sagen die Quellen über die Sonnenfinsternis? 

Preiser-Kapeller: Der Autor Leon Diakonos schreibt: "Man konnte die Sonnenscheibe dunkel und unbeleuchtet sehen, und ein trübes und schwaches Leuchten (aigle), wie ein zartes Stirnband (tainia), beleuchtete den Rand (akron) der Scheibe rundherum.“ (Leon Diakonos, Geschichte IV, 11, ed. Hase 1828) Das ist eben dieses Sonnencorona,  die nur bei einer totalen Sonnenfinsternis sichtbar wird. Er schreibt weiter: "Die Leute waren entsetzt über den neuen und ungewohnten Anblick und besänftigten die Gottheit, wie es sich gehörte, mit Bittgebeten." 

Das heißt, es gab eine richtige Weltuntergangsstimmung?  

Preiser-Kapeller: Leon Diakonos meint sein ganzes Leben lang, die Welt geht bald unter. Es nähert sich das Jahr 1000 n. Chr., und er deutet alles als Vorzeichen der nahenden Apokalypse. Das erwartete Datum für den Anbruch der Endzeit wird allerdings immer wieder verschoben, weil die Welt dann doch nicht untergegangen ist.   

0 Punkte auf Tripadvisor

Gibt es auch Gegenberichte? 

Preiser-Kapeller:  Einer, der das sehr viel gelassener sieht, ist Liutprand von Cremona, ein Bischof aus Norditalien, der damals als Gesandter im Auftrag von Otto I., dem römisch-deutschen Kaiser, in Konstantinopel war. Er soll dort die Anerkennung Ottos als Kaiser durchsetzen und für dessen Sohn um eine byzantinische Prinzessin als Ehefrau werben, was aber in Ostrom abgelehnt wird.  Liutprand ist deswegen interessant, weil er wegen des Scheiterns seiner Mission enorm frustriert ist und einen Reisebericht schreibt, wie heute jemand eine schlechte Internetkritik hinterlässt, wenn er im Restaurant oder im Urlaub unzufrieden war: Die Unterkunft ist mies, es ist zu heiß, zu kalt, das Essen ist schlecht, der Wein ist sauer usw. Also quasi, 0 Punkte auf Tripadvisor. Auf dem Rückweg  bekommt er einen Reisebegleiter, der sich ebenso als Plage erweist, aber sich vor der Sonnenfinsternis fürchtet. Liutprand schreibt aber, sein Reisebegleiter habe sich dadurch nicht gebessert (Liudprand von Cremona, Legatio, 64. Ed. Chiesa, 217).

Es wird beschrieben, dass die Soldaten aufgeschreckt davonliefen und sich versteckten.

Ein anderer Bericht (Anselmi gesta Episcoporum Leodiensium 24, zitiert nach Nonn 2003, 59-61) über die Armee Ottos I., die damals in Süditalien und zufällig auch in der Sichtbarkeitszone der Sonnenfinsternis war, scheint in der Chronik der Bischöfe von Lüttich auf. Darin lesen wir, dass diese tapferen Krieger sich ebenfalls fürchteten, als die Sonnenfinsternis kam. Es wird beschrieben, dass diese aufgeschreckt davonliefen und sich versteckten. Der Bischof schreibt, das habe ihm zu denken gegeben und man sollte sich doch von dieser Armee entfernen. Dieser Bericht ist aber auch mit Vorsicht zu genießen, denn es geht in der  Chronik darum, dass der Bischof von Lüttich immer der Schlaue ist. Man muss also den Kontext miteinbeziehen.  

Wusste man denn zu dieser Zeit bereits, wie eine Sonnenfinsternis zustande kommt?  

Preiser-Kapeller: Ja, es gibt auch Beschreibungen, dass der Mond die Sonne verdeckt. Man dachte damals allerdings, die Erde sei im Zentrum und Sonne und Mond drehen sich um die Erde. Aber auch in diesem geozentrischen Weltbild funktioniert diese Erklärung himmelsmechanisch, sodass man sogar Sonnenfinsternisse voraussagen konnte.   

 

Weitere Informationen

Johannes Preiser-Kapeller leitet den Forschungsbereich "Byzanz im Kontext" am Institut für Mittelalterforschung der ÖAW und lehrt Byzantinistik und Globalgeschichte an der Universität Wien. Zu seinen Forschungsgebieten gehören die religiösen, politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Vernetzungen innerhalb der Welt des Mittelalters.