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Der Ball ist rund, die Teams sind bunt

Migration und Integration sind für Europas Fußballnationalmannschaften eine Selbstverständlichkeit. ÖAW-Demograph Guy Abel bereitete diesen Befund nun mit spannenden Grafiken auf.

06.07.2016
© Guy Abel, https://gjabel.wordpress.com/

Was macht ein ÖAW-Demograph mit fußballerischer Begeisterung in seiner Freizeit? Zum einen natürlich Fußball spielen und verfolgen. Zum anderen: Fußball demographisch denken. Guy Abel, Forscher am Institut für Demographie (VID) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) verband beides miteinander.

Vor dem Hintergrund der laufenden Fußball-Europameisterschaft (EM) stellte er die Migrationsbeziehungen zwischen den insgesamt 552 Euro-Fußballern, ihren Nationalteams sowie ihren Geburtsländern her. Am Ende dieser aus Leidenschaft und Neugierde gestarteten Betätigung stand nicht nur eine aufschlussreiche, im Web veröffentlichte Visualisierung. Sondern auch die Feststellung, dass von 24 Teilnehmernationen gerade einmal ein Land ausschließlich aus Spielern besteht, die auch im selben Land geboren wurden.

Multinationale Teams

Der Erkenntnisprozess ließ sich zunächst nicht unbedingt akademisch an: „Am Wochenende war ich in Frankreich um ein paar EM-Spiele zu verfolgen und Freunde zu treffen“, schildert der in Wien und Shanghai forschende Abel auf seinem Blog. „Vor dem Flug kratzte ich ein paar Tabellen von der Wikipedia-Turnierseite zusammen“, so der Demograph weiter – und schon nahm die Forschungsgeschichte ihren Lauf.

Abel machte sich, während er auf das nächste Spiel wartete, zunächst daran, diese Tabellen und Daten anschaulicher aufzubereiten. Nach ersten Versuchen, in denen er unter anderem die Verbindungslinien zwischen dem Fußballverein jedes Spielers und dem EM-Quartier der Nationalmannschaft dieses Spielers abbildete, setzte er sich rasch ein ambitionierteres Ziel: Anhand bereits erprobter demographischer Werkzeuge und Methoden erarbeitete Abel ein Kreismodell, das alle bei der EM vertretenen Nationalmannschaften in Verbindung mit den Geburtsländern ihrer Spieler setzte – mit überraschenden Ergebnissen.

Denn bereits beim ersten Blick auf die Grafik wird ersichtlich, dass es gerade einmal ein Land unter den 24 an der EM teilnehmenden Nationen gibt, dessen Spieler ausnahmslos im Inland geboren sind und das auch keine Abwanderung in andere Nationalmannschaften zu verzeichnen hat: Rumänien. Auffällig ist ferner, dass die vier Halbfinalisten Deutschland, Wales, Frankreich und Portugal, starke Austauschbeziehungen mit Ländern innerhalb wie außerhalb Europas aufweisen. Österreich wiederum, bei der EM bereits ausgeschieden, liegt, was die Anzahl der im Inland geborenen Nationalspieler betrifft, im unteren Durchschnitt.

Engländer länger im Rennen

Die vielleicht größte Überraschung, die aus der Grafik hervorging, lieferte indes England. Über 40 Spieler der diesjährigen Europameisterschaft wurden in England geboren. Angesichts der maximalen Kadergröße von 23 Fußballern pro Land bedeutet das, dass England als Geburtsland nicht weniger als 18 Spieler in anderen bei der EM vertretenen Nationalteams stellt – und damit fast einen kompletten Kader.

Für den gebürtigen Engländer Abel mag das nur ein kleiner Trost sein. Sein Land hat sich aus der EM bereits im Achtelfinale verabschiedet. Aber immerhin gab es bis ins Halbfinale genügend „Landsleute“ bei der EM, mit denen man mitfiebern konnte. Nur eben unter fremder Flagge.

 

Guy Abel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am ÖAW-Institut für Demographie und Professor an der School of Sociology and Political Science der Shanghai University. Abel bloggt regelmäßig unter gjabel.wordpress.com

Guy Abel – Blogpost „Euro 2016 Squads“

ÖAW-Institut für Demographie