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Denken Tiere?

Zumindest Raben haben kognitive Fähigkeiten, die verblüffen. Welche das sind, zeigte Thomas Bugnyar bei der ersten Karl von Frisch Lecture an der ÖAW.

18.12.2015
Bild: Wikimedia/CC

Denken Tiere? Viele Menschen, die ein freundschaftliches Verhältnis zu Tieren haben, würden die Frage wohl eindeutig mit „Ja“ beantworten. Doch das ist natürlich eine anthropozentrische Perspektive. Und dennoch: Die kognitiven Fähigkeiten unserer tierischen Begleiter entziehen sich nicht prinzipiell der Forschung, wie Thomas Bugnyar,  Kognitionsbiologe an der Universität Wien und Mitglied der Jungen Kurie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), bei seiner Karl von Frisch Lecture im Festsaal der Akademie eindrucksvoll zeigte. Der Vortrag des renommierten Rabenforschers „Denken Tiere? Die Evolution von geistigen Leistungsfähigkeiten“ war der erste einer sechsteiligen Reihe, die den neuesten Erkenntnissen der organismischen Biologie gewidmet ist.

Bugnyar gab seinem Publikum, darunter viele Jugendliche, faszinierende Einblicke in die vergleichende Kognitionsbiologie und seine Arbeit mit Rabenvögeln. Theorie und Experiment seien dabei wichtige wissenschaftliche Eckpfeiler. Das schließe ein freundschaftliches Verhältnis zu den Versuchstieren aber keinesfalls aus. Im Gegenteil: Nur wenn Raben von Jugend an gelernt hätten, ihre Angst vor Menschen abzubauen, so Bugnyar, sei es überhaupt möglich mit ihnen zu arbeiten. Damit er zu wissenschaftlichen Aussagen über ihr „Denken“ kommen könne, sei es jedoch vor allem notwendig, die biologischen und evolutionären Voraussetzungen zu kennen. Denn Kognition und Evolution sind eng miteinander verknüpft.

Kognition muss sich lohnen

„Es gibt Anforderungen im Leben von Tieren, bei denen sich Kognition – also mentale Repräsentation – lohnt“, erklärte Thomas Bugnyar. „Wir können davon ausgehen, dass gewisse ökologische oder soziale Umstände besser gemeistert werden, wenn Tiere nicht nach einem Reiz-Reaktionsschema, sondern flexibel reagieren können. Und wir können sicher sein, dass sich diese Fähigkeit evolutionär entwickelt hat.“ Als Beispiel nannte er die Erschließung von Nahrungsquellen: Raben, bekanntermaßen „kluge“ Tiere, verhalten sich sehr anpassungsfähig, wenn sie Nahrung für später aufbewahren wollen, oder wenn sie an Leckerbissen nur unter Zuhilfenahme von Werkzeugen herankommen können.

Vom Futter-Verstecken …

So war Bugnyar an Experimenten beteiligt, die im Zusammenhang mit dem Verstecken und Wiederauffinden von Futter nach den dafür nötigen Gedächtnisleistungen fragten. Raben gelten als sogenannte Kurzzeitverstecker, die sich nicht nur viele Orte, sondern auch die Umstände während des Versteckens merken. Das geht sogar so weit, dass die Vögel aus einer Vielzahl von Verstecken und Futterstücken bestimmte Nahrung, beispielsweise leichtverderbliches Fleisch, früher herausholen als Nüsse.
Beim Verstecken von Futter geht es aber nicht nur um reine Gedächtnisleistungen. Es kommt auch eine soziale Komponente ins Spiel: Raben achten stets darauf, ihre Leckerbissen nicht in Gegenwart von Artgenossen zu verstecken. Oft stellen sie sogar durch taktisches Täuschen sicher, dass letztere abgelenkt werden und dadurch das tatsächliche Versteck nicht sehen. Dieses Verhalten lege den Schluss nahe, so Bugnyar, dass Raben wissen, was ihre Konkurrenten wissen beziehungsweise was ihre Konkurrenten in bestimmten Situationen beabsichtigen.
Beobachtungen wie diese haben Bugnyar dazu bewogen, sich an Forschungsfragen heranzuwagen, die noch vor 30 Jahren als kaum zu klären galten – darunter die Frage, inwieweit auch Vögel (und nicht nur Primaten) den Wissensstand von Artgenossen einschätzen können und darauf angepasst reagieren.

…bis zur „Rabenpolitik“

Nach langjährigen Experimenten und der Prüfung unterschiedlichster Hypothesen waren Bugnyar und seine Kolleg/inn/en schließlich erfolgreich: Sie kamen zu der Erkenntnis, dass Raben tatsächlich fähig sind, bestimmte „Gedanken zu lesen“. Denn sie erkennen Absichten und vielfältige Beziehungen innerhalb der Gruppe – und können sie gezielt pflegen oder stören: So versuchen beispielsweise dominante Vögel eine sich entwickelnde Freundschaft zwischen Artgenossen zu stören, bevor das neue Paar durch den Wert der Freundschaft in der sozialen Hierarchie aufsteigt und somit den eigenen Rang gefährdet. „Was hier zwischen den Raben abläuft, kann man durchaus als ‚Rabenpolitik‘ bezeichnen“, schmunzelt Thomas Bugnyar. Und damit seien die kognitiven Fähigkeiten der Raben jenen von Primaten durchaus  ebenbürtig.


INFORMATION
Karl von Frisch Lectures 2015/2016