22.11.2018

Dem Ozean auf den Grund gehen

Österreich ist zwar ein Binnenland, dennoch ist es höchst aktiv, wenn es um die Erforschung des Meeresbodens geht. Die Erkenntnisse aus Tiefseebohrungen helfen dabei, den Klimawandel oder die Entstehung von Tsunamis besser zu verstehen. Ein Symposium der ÖAW nimmt nun bisherige Erfolge und zukünftige Vorhaben der geowissenschaftlichen Ozeanforschung in den Blick.

Es begann vor nahezu 50 Jahren, als der österreichische Geologe Herbert Stradner am „Deep Sea Drilling Project“ (1968-1983) teilnahm, dem größten internationalen geowissenschaftlichen Forschungsprojekt überhaupt. Im Zuge seiner Forschungen im Mittelmeer und Südatlantik sowie nahe Mexiko und Guatemala erkannte er die Bedeutung von Fossilien des kalkhaltigen Nanoplanktons. Auch war Stradner daran beteiligt, als erstmals herausgefunden wurde, dass das Mittelmeer in erdwissenschaftlich jüngster Geschichte (vor etwa 6 Millionen Jahren) nahezu komplett ausgetrocknet war.

„Das Deep Sea Drilling Project war unglaublich wertvoll, um mehr über den Planeten zu erfahren“, sagt Werner Piller, Geologe an der Universität Graz sowie Mitglied der Kommission für Geowissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Nach längerer Pause kam es 2004 zum nächsten wichtigen Schritt: Österreichs Beitritt zum European Consortium for Ocean Drilling (ECORD). „Seitdem hat Österreich die Möglichkeit, bei Projekten als Antragsteller und als Teilnehmer mitzumachen“, sagt ÖAW-Mitglied Christian Köberl, Geochemiker sowie Direktor des Naturhistorischen Museums Wien.

An vielen Projekten beteiligt

Mittlerweile ist Österreich an beiden großen geowissenschaftlichen Forschungsprogrammen beteiligt, dem International Ocean Discovery  Program (IODP) sowie dem International Continental Scientific Program (ICDP). Seit dieser Mitgliedschaft konnte die Beteiligung heimischer Forscher/innen bei einer Vielzahl an Projekten ermöglicht werden, sagt Köberl: „Die Mitgliedschaft Österreichs, die über die ÖAW koordiniert wird, ist außerordentlich wichtig für die Internationalität der österreichischen Geowissenschaften.“

So erforschen die beteiligten österreichischen Geowissenschaftler/innen aktuell die vier großen Forschungsgebiete des IODP-Programmes: Klimatische und ozeanische Veränderungen, „Biosphere Frontiers“ (Leben unterhalb des Meeresbodens, das weitgehend unabhängig ist von den Bedingungen darüber), Prozesse des Erdinneren (Zusammensetzung des Erdmantels, Plattentektonik, etc.) und Risiken. „Alle diese Themen sind nicht nur wissenschaftlich, sondern auch gesellschaftlich höchst relevant, betreffen sie doch Fragen wie Klimawandel, CO2-Haushalt, Eisbedeckung der Pole, Niederschlagszyklen bis hin zu Erdbeben und Tsunamis“, sagt Geologe Piller.

Wärmeströmungen und Plattentektonik im Fokus

Ein Projekt mit österreichischer Beteiligung erforscht aktuell beispielsweise den Wasserausfluss vom Mittelmeer in den kühleren Atlantik, um Rückschlüsse auf den Wärmetransfer zu ermöglichen.  Aber auch der Durchfluss bei Indonesien, wo es ein „ozeanisches Förderband“ vom Nordpazifik in den Indischen Ozean gibt, wird von heimischen Forscher/innen untersucht. Diese Region ist darüber hinaus von einer äußerst instabilen Plattentektonik gekennzeichnet, die immer wieder zu verheerenden Erdbeben und Tsunamis führt. Anhand den Strömungen von Wassermassen und Temperaturen lassen sich Modelle für Tropenstürme und andere extreme Wettereignisse erstellen. Die Erforschung der Plattentektonik wiederum soll helfen, bessere Frühwarnsysteme für Erdbeben zu entwickeln.

Auch wenn den europäischen Forscher/innen, anders als jenen in den USA und Japan, kein eigenes Bohrschiff zur Verfügung steht, so gibt es regelmäßig gemeinsame Missionen auf angemieteten Schiffen oder Bohrplattformen. Die Missionen dauern bis zu acht Wochen, bevor es an die Auswertung der Bohrkerne und Ergebnisse geht. In aller Regel liefern die Bohrungen Erkenntnisse für die verschiedensten Disziplinen, sei es für Geodynamik, Paläontologie, Biogeographie, Stratigraphie, oder Klimaforschung und Geohazards. „Unsere Programme ermöglichen auch künftigen Generationen von Wissenschaftler/innen den Zugang zu weltweiter Spitzenforschung und hervorragender Vernetzung“, sagt Köberl, der wie auch Werner Piller und Tiefbohrungspionier Herbert Stradner am feierlichen ÖAW-Symposium am 19. November teilnehmen wird.