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Das menschliche Zeitalter

Leben wir noch im Holozän oder schon im Anthropozän? Die rasante Umgestaltung der Welt durch den Menschen könnte eine neue Epoche einläuten.

09.12.2015
Bild:Composite image of the Earth at night | Data courtesy Marc Imhoff of NASA GSFC and Christopher Elvidge of NOAA NGDC. Image by Craig Mayhew and Robert Simmon, NASA GSFC
Bild:Composite image of the Earth at night | Data courtesy Marc Imhoff of NASA GSFC and Christopher Elvidge of NOAA NGDC. Image by Craig Mayhew and Robert Simmon, NASA GSFC

Der Klimawandel ist menschgemacht. Aber geht unser Einfluss nicht weit über klimatische Veränderungen hinaus? Greifen wir nicht längst in sämtliche biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse des Planeten ein? Viele Wissenschaftler/innen sind genau dieser Ansicht. Sie glauben, dass der Mensch ein neues irdisches Zeitalter eingeläutet hat: das Anthropozän. Doch ihr Standpunkt bleibt umstritten, zu unvollständig seien derzeit noch dessen Grundlagen. Das zumindest behaupten die Verteidiger/innen des Holozäns, des bisher jüngsten Zeitabschnitts der Erdgeschichte. Das Symposium „Anthropozän. Ein neues Erdzeitalter?“ nahm am 7. Dezember 2015 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) das Pro und Kontra in den Blick.

Erdzeitalter als politisches Signal

„Das Symposium findet parallel zum Weltklimagipfel in Paris statt“, unterstrich ÖAW-Vizepräsident Michael Alram zum Auftakt der von der Kommission für Geowissenschaften der ÖAW veranstalteten öffentlichen Tagung: Während die Verhandlungen in Paris in eine neue Ära der Klimapolitik führen sollen, gilt es in wissenschaftlichen Kreisen zu klären, ob auch eine neue Ära der Erdgeschichte ausgerufen werden kann – und zu welchem Zweck dies geschehen soll. Eine Frage, die nicht auf Anhieb zu beantworten ist. So verdeutlichte Christian Köberl, Obmann der Kommission für Geowissenschaften und Direktor des Naturhistorischen Museum Wien, dass es gewiss gute fachliche Gründe für die Ausrufung eines menschlichen Erdzeitalters gebe. „Aber es gibt auch politische Gründe dafür, ein Signal an die Öffentlichkeit zu schicken“, so der Geowissenschaftler vor dem Hintergrund der laufenden politischen und gesellschaftlichen Debatten zum Klimawandel.

Dabei ist die Idee, dass die Erde mit der Menschheit in ein neues Zeitalter eingetreten ist, in der Geschichte keineswegs neu. Bereits im 19. Jahrhundert wurden dem Anthropozän ähnliche Begriffe verwendet, um menschliche Einwirkungen auf Prozesse unseres Planeten besser fassbar zu machen, wie Michael Wagreich vom Department für Geodynamik und Sedimentologie der Universität Wien im Rahmen des Symposiums verdeutlichte. Doch als der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen und der Biologe Eugene F. Stoermer den Begriff des Anthropozän um das Jahr 2000 prägten, machten sie diese Idee zu einer wissenschaftlichen Hypothese – und lösten damit zugleich eine heftige Kontroverse aus. Denn so unbestreitbar der Einfluss des Menschen auf die Erde ist, so sehr steckt der Teufel im Detail: Wann wäre der Beginn des menschlichen Zeitalters anzusetzen? Mit der europäischen Neuzeit und der beginnenden Globalisierung sowie der Industrialisierung? Um 1945 mit dem Abwurf der ersten Atombomben? Oder bereits mit jungsteinzeitlichen Entwicklungen wie Ackerbau und Bergbau vor unserer Zeitrechnung?

Dass es ungeachtet zahlreicher offener Fragen wie dieser gerechtfertigt und nützlich ist, über das Anthropozän zu sprechen, erscheint für Wagreich in jedem Fall erwiesen – nicht zuletzt aufgrund erdwissenschaftlicher Indikatoren wie der Produktion, Verbreitung und Ablagerung künstlicher Materialien wie Beton, Aluminium und Plastik.

Kernwaffen und Klimawandel

Um den menschlichen Einfluss auf den Planeten und damit die Frage nach dem Anthropozän objektiv erfassen zu können, empfahl Klimaforscher Walter Kutschera ferner, den Blick auf ein winziges Teilchen zu richten: C14, das radioaktive Isotop des Kohlenstoffatoms, dessen Messung unter anderem Altersbestimmungen von archäologischen Funden erlaubt. Der Wissenschaftler des VERA Laboratoriums der Universität Wien zeigte, inwieweit der Mensch, etwa durch die Verwendung fossiler Brennstoffe oder atmosphärischer Kernwaffentests, die C14-Konzentration in Atmosphäre, Biosphäre und Hydrosphäre beeinflusst.

Ohne Zweifel bleibt aber der Klimawandel jenes Beobachtungsfeld, in dem der Faktor Mensch und dessen Einfluss auf die Entwicklung des Planeten am deutlichsten zutage tritt. Längst geht es in der Klimaforschung nicht mehr nur darum, diesen Wandel zu dokumentieren und zu prognostizieren, sondern auch darum, zwischen den künstlichen und den natürlichen Ursachen und Wechselwirkungen dieses Wandels zu differenzieren, wie Georg Kaser betonte, Gletscherforscher an der Universität Innsbruck und Leitautor von zwei Berichten des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC).

Dass es bei der Debatte um das Anthropozän um mehr als begriffliche Feinheiten geht, wurde, bei aller thematischen Vielfalt, in sämtlichen Beiträgen und Diskussionen des Symposiums  deutlich. Ein Befund, der im Übrigen auch mit einem gegenwärtig an der Internationalen Kommission für Stratigraphie laufenden Prozess in Einklang steht: Hier wird die Etablierung des Anthropozäns als wissenschaftlicher Begriff derzeit geprüft. Sollte das Ergebnis, das bereits im kommenden Jahr vorliegen und beim 35. Internationalen Geologischen Kongress 2016 in Kapstadt entschieden werden könnte, positiv ausfallen, wird das Anthropozän nicht nur zu einem neuen Paradigma in den Wissenschaften werden, sondern auch Eingang in öffentliche Debatten, in Schul- sowie Lehrbücher finden. Und den Menschen damit in eine uneingeschränkte Verantwortung für unseren Planeten nehmen.

 

Kommission

für Geowissenschaften der ÖAW