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Das gebrauchte Gestern

ÖAW-Forschungen zur Macht alter Knochen und zu den Erben einer glorreichen Vergangenheit starten im Rahmen des europäischen Förderungsprogramms HERA.

15.07.2016
Bild: Deploying the Dead
Bild: Deploying the Dead

Eine glanzvolle Vergangenheit ist von großem Nutzen – das war Menschen bereits lange vor unserer Zeit bewusst. Welche Formen dieser „Nutzung“ von Vergangenem in und vor der Geschichte anzutreffen sind, soll im Rahmen des europäischen Forschungsförderungsprogramms für die Geisteswissenschaften HERA (Humanities in the European Research Area) näher untersucht werden. Bei der jüngsten europaweiten HERA-Ausschreibung wurden unter 17 Projekten auch zwei Projekte mit ÖAW-Beteiligung ausgewählt: Das am Institut für Orientalische und Europäische Archäologie (OREA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) angesiedelte Projekt  “Deploying the Dead: Artefacts and human bodies in socio-cultural transformations“ (DEEPDEAD), sowie das am ÖAW-Institut für Mittelalterforschung (IMAFO) durchgeführte Forschungsvorhaben „After Empire: Using and not using the past in the crisis of the Carolingian world, c. 900–c.1050“ (UNUP).

Deploying the Dead

Für viele Bewohner Leicesters steht fest: Bei dem wundersamen Gewinn der englischen Fußballmeisterschaft 2016 hatte König Richard III. eindeutig seine Hände im Spiel – schließlich wurden selbige erst kürzlich in der mittelenglischen Stadt ausgegraben und feierlich wiederbestattet. Für viele Salzburger steht nach DNA-Untersuchungen ebenso deutlich fest: Mozarts Schädel ruht nicht etwa auf einem Wiener Friedhof, sondern im Salzburger Mozarteum – und mache die Stadt an der Salzach damit zu Mozarts wahrer kultureller Erbin. Zwei  Beispiele, die andeuten, welche politische, religiöse, kulturelle wie gesellschaftliche Macht den sterblichen Überresten und Hinterlassenschaften bedeutender Menschen auch noch lange nach ihrem Ableben innewohnt.

Diesem Phänomen, das in allen Epochen und an allen Orten der Menschheitsgeschichte anzutreffen ist, geht das Projekt „Deploying the Dead: Artefacts and human bodies in socio-cultural transformations“ (DEEPDEAD) auf den Grund. Angesiedelt an vier europäischen Partnereinrichtungen, darunter das OREA, wird aus literaturwissenschaftlicher sowie archäologischer Perspektive untersucht, wie Gesellschaften von der Steinzeit bis in die Moderne mit den Überresten lange Verstorbener umgingen und wie sie sich ihrer kulturellen wie sozialen Macht bedienten, um beispielsweise politische oder kulturelle Ziele durchzusetzen.

Gelingen soll dies anhand einer Reihe von Fallstudien aus unterschiedlichen Regionen und Zeitepochen. „Wir wollen mit DEEPDEAD nicht zuletzt herausfinden, ob es im Umgang mit sterblichen Überresten gesellschaftliche Verhaltensmuster gibt, die über die Jahrtausende – von der Steinzeit bis in die Moderne – unverändert blieben“, schildert OREA-Projektleiterin Estella Weiss-Krejci eines der Projektziele.

After Empire

Einer anderen Form der Nutzung von Vergangenem widmet sich das zweite mit ÖAW-Beteiligung gestartete HERA-Projekt. Das Forschungsvorhaben „After Empire: Using and not using the past in the crisis of the Carolingian world, c. 900–c.1050“ (UNUP) konzentriert sich dabei auf das lange 10. Jahrhundert – und damit auf eine Zeit, die nach dem Zusammenbruch des karolingischen Reichs im Zeichen der großen politischen Wirren und des Umbruchs in ganz Europa stand.

„Das Projekt UNUP soll dazu beitragen, diese vielfach als dunkles Zeitalter gescholtene Ära besser zu verstehen“, sagt IMAFO-Projektleiter Maximilian Diesenberger. Dazu soll speziell das Erbe der politischen, administrativen und kulturellen Strukturen des zerfallenen karolingischen Reiches näher unter die Lupe genommen werden. Konkret wird dabei aus juristischen, liturgischen und historischen Perspektiven  unter anderem untersucht, wie politische Gruppen im 10. Jahrhundert ihre Autorität mithilfe der karolingischen Vergangenheit festigten, wie die Menschen dieses Zeitalters mit Krise und politischem Umbruch umgingen – und wie ausgerechnet das unsichere 10. Jahrhundert jenes politische und kulturelle Fundament legen konnte, das bis in die Gegenwart als eine Grundlage der europäischen Ordnung wirkt.