05.11.2021

Bringt Corona das Finanzsystem in Gefahr? 

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Wirtschaft und globale Märkte lassen sich inzwischen genauer beurteilen. ÖAW-Wirtschaftswissenschaftler Josef Zechner erklärt, warum das Finanzsystem trotz der wirtschaftlichen Corona-Schocks bisher widerstandsfähig war - und das auch bleiben dürfte.

Drohte in der Pandemie ein Zusammenbruch des Finanzsystems? Wirtschaftswissenschaftler und ÖAW-Mitglied Josef Zechner hat dazu eine klare Meinung. © Unsplash.com
Drohte in der Pandemie ein Zusammenbruch des Finanzsystems? Wirtschaftswissenschaftler und ÖAW-Mitglied Josef Zechner hat dazu eine klare Meinung. © Unsplash.com

Anfang 2020 wurde ein Großteil der Welt von der Corona-Pandemie überrascht. In vielen Ländern versetzten die Auswirkungen der Pandemie den Volkswirtschaften schwere Rückschläge. Statt Wirtschaftswachsum war vielerorts ein Rückgang der wirtschaftlichen Dynamik feststellbar, globale Lieferketten gerieten unter Druck und ganze Sektoren waren plötzlich in ihrer Existenz bedroht. Warum das Finanzsystem trotzdem nicht in Gefahr war und weshalb es auch für für weitere Schocks gut vorbereitet ist, erklärt Josef Zechner, Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Forscher an der Wirtschaftsuniversität Wien, im Interview.

Wie kann man den Einbruch der Märkte 2020 historisch bewerten?

Josef Zechner: Die Kapitalmärkte haben nach dem ersten Lockdown in Italien Ende Februar 2020 eine dramatische Reaktion gezeigt. Innerhalb kurzer Zeit haben die Aktienmärkte teilweise 30 Prozent und mehr nachgegeben. Das war wohl die schärfste Korrektur in so kurzer Zeit in der Geschichte.

Erholung der Märkte dank Impfstoffen

Wie haben die Gegenmaßnahmen ausgesehen?

Zechner: Ab Ende März hat die US-Notenbank FED mehrere Hilfsprogramme aufgelegt, die Liquidität garantieren sollten. Es gab auch direkte Eingriffe, vor allem durch den Ankauf von Unternehmensanleihen im großen Stil. Das massive Volumen dieser Ankäufe hat zur Beruhigung der Märkte beigetragen. Andere Zentralbanken sind dann nachgezogen.

Wie erklärt sich die darauf folgende rasche Erholung der Märkte nach einem so drastischen Einbruch

Zechner: Der starke Rebound, der bis im Sommer 2020 verzeichnet wurde, war wohl weniger der Reaktion der Zentralbanken als den ersten positiven Impfstoffmeldungen zu verdanken. Die überraschend positiven Prognosen zur Dauer der Entwicklung (der Impfstoffe, Anm.) hatten dramatische Auswirkungen. 

Die großen Institute waren besser kapitalisiert als bei früheren Krisen."

Bestand zu Beginn der Krise eine Gefahr für das Finanzsystem?

Zechner: Das hätte ich nicht so gesehen. Einerseits war das Finanzsystem diesmal nicht die Ursache der Krise und andererseits waren die großen Institute diesmal deutlich besser kapitalisiert als bei früheren Krisen. Das war eine Lektion, die die Banken und deren Regulatoren aus der Finanzkrise von 2008 gelernt haben. Dazu kommt, dass keine großen Kreditausfälle zu erwarten waren, weil die Regierungen mit Rettungspaketen eingesprungen sind.

Auch die Staaten kamen trotz der hohen Schulden nicht unter Druck?

Zechner: Staatsanleihen waren kaum unter Druck, generell ist es eigentlich nicht zu größeren Verwerfungen gekommen, weder bei den Wechselkursen noch bei den Banken. Die Zinsen sind eher noch nach unten gegangen. 

Wie kann es sein, dass Welt und Wirtschaft monatelang stillstehen, ohne dass das große und anhaltende Konsequenzen hat?

Zechner: Bestimmte Sektoren sind hart und nachhaltig getroffen worden, etwa Fluglinien, Hotelketten oder Kreuzfahrten. Viele Sektoren haben aber rasch gelernt, wie sie mit der Situation umgehen können. Dass die Aktienkurse sich so schnell erholt haben, liegt eben daran, dass sie ein Teleskop sind, das in die Zukunft schaut und ein Impfstoff war eben schnell in Sichtweite. Die Staaten haben kleine Unternehmen auch stark unterstützt und dafür enorme Kosten in Kauf genommen. 

Es knirscht jetzt im Gebälk."

Was sind die langfristigen Folgen des Einbruchs?

Zechner: Es gab 2020 weniger Investitionen. Das führt bei Rohstoffen oder im Halbleitersektor jetzt zu Knappheit, die sich nicht kurzfristig beseitigen lässt. Zudem sind einige Lieferketten durcheinandergekommen, was ebenfalls langfristige Probleme schafft.

Welche Konsequenzen ziehen die Staaten daraus?

Zechner: Man sieht jetzt, dass es knirscht im Gebälk und hat vielleicht erkannt, dass Effizienz nicht alles ist. Auch die Widerstandsfähigkeit von Lieferketten und Unternehmen sind ein wichtiger Faktor. Die Regierungen haben gesehen, dass die Pharmaindustrie und der Hightech-Sektor von weit entfernten Lieferanten abhängig sind. Das hat zu einer Welle von Populismus geführt, mit dem Ziel, bestimmte Wirtschaftsbereiche wieder zurück in die eigenen Länder zu holen. Das waren zuletzt in China und den USA große Themen. Grundsätzlich kann das auch vernünftig sein, man muss nur schauen, dass man es mit dem Protektionismus nicht übertreibt.

Spielraum der Zentralbanken

Haben Zentralbanken auch in der nächsten Krise noch Handlungsspielraum?

Zechner: Die Werkzeugkiste der Zentralbanken wird eher kleiner. Deshalb bleibt zu hoffen, dass wir jetzt eine ruhigere Phase durchlaufen, damit Zeit zur Regeneration bleibt. Die FED will ja bereits Anleihekäufe rückführen und die Zinsen erhöhen. Dann kommen auch die Handlungsspielräume zurück. 

Was passiert, wenn es gleich wieder kracht?

Zechner: Das hängt von der Art der Krise ab. Aber grundsätzlich ist das Finanzsystem nicht so schlecht aufgestellt.

 

Auf einen Blick

Josef Zechner ist Professor für Finanzen und Investments an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien und seit 2004 wirkliches Mitglied der ÖAW. Er war zudem Präsident der European Finance Association (EFA) und, bevor er an die WU berufen wurde, Professor für Finanzen an der Universität Wien und der University of British Columbia in Kanada. Zechner ist seit 2004 wirkliches Mitglied der ÖAW.