













Die Fortschritte sind nicht zu leugnen: Statistiken und Erhebungen zeigen langfristig Bewegungen hin zum Besseren, und auch Schlagworte wie die „Gläserne Decke“ benötigen mittlerweile, dank breiter öffentlicher Debatten, keiner weiteren Erläuterung. Von einer tatsächlichen Chancengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit aber ist Österreich, auch in den Wissenschaften, immer noch weit entfernt. Die Podiumsdiskussion „Verliert Österreich seine (zukünftigen) Forscherinnen? Frauen in der Wissenschaft und der geschlechtsspezifische ‚Brain-Drain‘“ der Jungen Kurie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ging am 22. April 2016 der Frage nach, warum in Sachen Geschlechtergerechtigkeit zwischen Anspruch und Wirklichkeit nach wie vor eine Lücke klafft.
Bereits der erste Blick auf die österreichische Forschungslandschaft offenbarte bei der Diskussion, wie ungleich Chancen und Möglichkeiten in Österreich verteilt sind. Mehr als 20 Jahre nachdem der erste universitäre Frauenförderungsplan geschaffen wurde, sind erst sieben der insgesamt 21 österreichischen Rektor/innen weiblich, der Anteil der Professorinnen liegt bei gerade einmal 23 Prozent. Wie Birgit Sauer von der Universität Wien und Johanna Hofbauer von der WU Wien anhand von Daten zur Umsetzung von Laufbahnmodellen an Universitäten zeigten, ist besonders beim Übergang zur Habilitation die Drop-out-Rate von Frauen hoch. Doch auch davor finden sich Ungleichheiten.
„Dort wo man wirklich Geld verdienen kann, sind die Frauen nicht drin“ stellte etwa Wissenschaftsberaterin Ute Riedler fest. So würden gerade Frauen als „working poor in der Wissenschaft“ häufig in Kettenvertragsregelungen eingesetzt und zur Systemerhaltung herangezogen. Den Erhalt eines Systems stützen auch universitäre Gremien wie Berufungs- und Habilitationskommissionen, die als sogenannte „gatekeeping commissions“ der Gleichstellung vielfach keine oder zu wenig Aufmerksamkeit widmen. Elmar Pichl, im Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft zuständig für den Bereich der Hochschulen, rief im Verlauf der Diskussion heimische Universitäten daher zu mehr Mut auf, etwa um unbefristete Stellen zu schaffen, die insbesondere die Übernahme von Wissenschaftlerinnen auf selbst eingeworbenen Drittmittelstellen ermöglichen würden.
Ungleiche Exzellenz
Welcher Wert Frauenquoten beizumessen ist, verdeutlichte bei der Podiumsdiskussion an der ÖAW Karin Gutiérrez-Lobos von der Medizinischen Universität Wien, die das Bekenntnis von Hochschulen zur Umsetzung von Gleichstellungsplänen in den heimischen Wissenschaften als zentral betrachtet. Sie kritisierte jedoch die derzeit bestehenden Konzepte von „Exzellenz“, die „nicht vom Himmel fällt”, sondern in machtvollen sozialen, häufig ungleichen, Strukturen ausverhandelt wird.
Gerade die Leistungs- und Qualitätsmessung, die meist an quantitativen Kriterien, wie etwa der Anzahl an Publikationen festgemacht wird, sollte überdacht werden. Auch der Druck, konstant und ortsungebunden hohen Output zu liefern, bedeute für Wissenschaftlerinnen – ebenso übrigens wie für Wissenschaftler – Abstriche in vielen privaten Lebensbereichen. Besonders bei Frauen klaffe aber die Schere zwischen den vielen Studienabsolventinnen, und denen, die der Wissenschaft langfristig erhalten bleiben, noch immer viel zu weit auseinander.
Um dieses Defizit zu überwinden, empfehle es sich unter anderem, auf Mentoringprogramme und den Aufbau internationaler Netzwerke zu setzen, wie neben Gutiérrez-Lobos auch Christine Mannhalter vom Wissenschaftsfonds FWF betonte. Grundsätzlich, so waren sich die Teilnehmerinnen der Diskussion einig, gelte es schließlich, an wissenschaftlichen Institutionen nicht nur Geschlechterforschung zu betreiben und zu lehren, sondern deren Erkenntnisse auch in die betrieblichen Entscheidungsprozesse einfließen zu lassen. Daher wird sich auch die Junge Kurie der ÖAW weiter mit möglichen Maßnahmen gegen einen „Brain Drain“ und eine geschlechtsspezifische Karriereleiter in den Wissenschaften auseinandersetzen – damit die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit kleiner wird.