28.07.2020

Archiv für die Hosentasche

Die Ministerratsprotokolle der Habsburgermonarchie sind eine einzigartige historische Quelle. Eine neue digitale Edition der ÖAW macht diesen historischen Schatz nun auch online verfügbar.

Titelblatt eines Protokolls von 1873
Einblicke in die Entscheidungsfindung von Ministern der Habsburgermonarchie geben die Ministerratsprotokolle jetzt auch online. © ÖAW/Maren Jeleff

28 Bände, eineinhalb Regalmeter Buch, 5.000.000 Wörter österreichische Geschichte: Die vom Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) herausgegebenen Ministerratsprotokolle sind jetzt in einer neuen Version online einzusehen – eine Fundgrube für Fachleute und interessierte Laien gleichermaßen.

Ministern der Monarchie über die Schulter schauen

Welche Maßnahmen sind zu ergreifen gegen das „Räuberunwesen in Kroatien“? Wer trägt die Kosten für die Triester Findel- und Gebäranstalt? Wie geht es weiter mit dem Ausbau der Siebenbürger Eisenbahn? Dies sind nur einige Themen, über die österreichische Minister im Jahr 1862 zu beraten hatten.

Im so genannten Ministerrat – dem höchsten staatlichen Entscheidungsgremium nach dem Kaiser – wurde alles besprochen, was im Kaiserreich und später der Doppelmonarchie innenpolitisch von Bedeutung war. Von 1848 bis 1918 tagte dieses Gremium in regelmäßigen Abständen. Es hatte eine beratende Funktion, die handschriftlich verfertigten Sitzungsprotokolle wurden dem Kaiser vorgelegt, der sie mit dem Satz unterzeichnete: „Ich habe den Inhalt dieses Protokolls zur Kenntnis genommen. Franz Joseph.“

Politische Entscheidungen von annodazumals nachzeichnen

Die Ministerratsprotokolle sind eine einzigartige Quelle für die Erforschung der österreichischen Geschichte, vor allem auch des Alltags im späten Habsburgerreich. 28 Textbände umfasst die 1967 begonnene und auf 40 Bände angelegte Edition mittlerweile, und sie ist seit Anfang Mai in neuer Form auch online verfügbar. Wer möchte, kann die Protokolle jetzt sogar am Smartphone lesen – wobei die Edition nicht nur den Textkorpus bereitstellt, sondern durch ausführliche Einleitung der einzelnen Bände und eine Kommentierung die Dokumente erst in ihrem Gesamtzusammenhang verständlich macht.

„Unsere Aufgabe ist es, Zusammenhänge darzustellen“, sagt daher auch Projektleiter Anatol Schmied-Kowarzik. „Das heißt, wir zeigen in den Kommentaren auf, woher ein vom Ministerrat besprochenes Thema kommt und wohin es führt.“ So lassen sich Äußerungen im Kontext lesen und Themen über einen längeren Zeitraum hinweg nachverfolgen. Als Beispiel nennt Schmied-Kowarzik etwa die Geschichte der österreichischen Eisenbahn zwischen Privatisierung und Verstaatlichung.

1854 waren 80 Prozent des Schienennetzes staatlich, es begann, vom Ministerrat befürwortet, der fast vollständige Verkauf bis 1859. Weil sich aber die Zins- und Dividendegarantien für private Betreiber als wesentlich teurer erwiesen, als die Bahn selbst zu unterhalten, begann man ab 1880, das Schienennetz wieder in Staatseigentum zu übernehmen. Entwicklungen von politischen Problemstellungen und Entscheidungsprozessen lassen sich an den Protokollen gut ablesen.

Einblicke in Österreichs Geschichte einfach online

Die Vorteile einer Online-Edition liegen auf der Hand: Wichtige Quellen sind hier für die Forschung aufbereitet und können auch ohne Archivbesuch eingesehen werden. Die Originale selbst wiederum werden geschont, und diverse Suchfunktionen machen auch komplexe Abfragen möglich.Die Website bietet eine Übersicht über die einzelnen Bände und ihre Inhalte, darüber hinaus aber auch eine Kalenderansicht, Personenregister und eine umfangreiche Bibliografie.

Stephan Kurz, verantwortlich für die die „Verdatung“ der Protokolle, weist auf den Unterschied zwischen „Onlinetext“ und „digitaler Edition“ hin. Denn die bereits veröffentlichten Bände der Ministerratsprotokolle standen auch zuvor schon online, sie waren als pdf-Dateien allerdings schlecht handhabbar und anfällig für Fehler bei der Texterkennung. In der digitalen Edition hingegen sind die Dokumente mit Metadaten unterlegt. So sind jetzt bestimmte Stichworte mit anderen Datenbanken verlinkt, etwa dem Zeitungsarchiv ANNO der Österreichischen Nationalbibliothek, womit zugehörige Zeitungsberichte gleich bei der Hand sind, und die digitale Edition verknüpft auch Begriffe untereinander.

Die Ministerratsprotokolle helfen damit nicht nur Spezialist/innen zur Geschichte der Habsburgermonarchie bei der Beantwortung unterschiedlichster Fragestellungen. Sondern sie ermöglichen in ihrer digitalen Edition nun auch allen weiteren Interessierten einzigartige Einblicke in die Vergangenheit Österreichs.


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