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Eurovision Song ContestProteste

Antisemitismusforscher: ESC-Boykotte erinnern an Verschwörungserzählungen

Der Eurovision Song Contest steht längst nicht mehr nur für Pop und Unterhaltung. ÖAW-Antisemitismusforscher analysieren, wie kulturelle Boykottaufrufe entstehen – und warum der ESC dabei zum politischen Brennglas wird.

13.05.2026
Die ESC-Bühne 2026
© ORF

Der Eurovision Song Contest versteht sich als unpolitisches Musikevent. Gleichzeitig bietet kaum eine andere Kulturveranstaltung in Europa eine vergleichbare internationale Bühne, die auch dafür genutzt wird, politische Botschaften zu transportieren. Seit dem 7. Oktober 2023 wurde wiederholt der Ausschluss Israels vom Songcontest öffentlich diskutiert. Schließlich verweigerten Länder ihre Teilnahme. Auch in Österreich wurden im Umfeld des diesjährigen ESC mehrere Protestveranstaltungen und Boykottaktionen gegen die Teilnahme Israels angekündigt. Am Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) untersuchen der Musikwissenschafter Elias Berner und der Soziologe Niklas Herrberg, wie Künstler:innen und Protestbewegungen über Israel sprechen, welche Narrative dabei entstehen – und wo antisemitische Muster sichtbar werden. Im Gespräch erläutern sie, warum Boykottaufrufe häufig mit Vereinfachungen arbeiten, weshalb soziale Medien die Dynamik verstärken und welche Rolle der ESC als Projektionsfläche politischer Konflikte spielt.

Israel hat den Song Contest mehrfach gewonnen, etwa 1998 mit Dana International oder 2018 mit Netta. Was hat sich seit damals verändert?

Elias Berner: Bereits rund um den ESC 2019 in Tel Aviv, nach dem er 2018 von Netta gewonnen wurde, gab es Boykottaufrufe ähnlicher Akteure wie heute, etwa aus dem Umfeld der BDS-Bewegung. Damaliger Fokus war insbesondere auch ein Protest gegen die Austragung des Wettbewerbs in Israel selbst. In der Zeit seit dem 7. Oktober 2023 hat die Intensität und Sichtbarkeit der Debatten allerdings weiter zugenommen.

Niklas Herrberg: Antisemitische Stereotype im Zusammenhang mit Israel oder dem ESC sehen wir jedenfalls nicht erst seit kurzem. Ähnliche Argumentationsmuster gab es schon vor Jahren. Gleichzeitig muss man unterscheiden zwischen der Lautstärke der Debatten und ihrer tatsächlichen Wirkung.

Proteste erzeugen in den sozialen Medien hohe Sichtbarkeit.

Hat die BDS-Bewegung an Einfluss gewonnen?

Herrberg: Man sieht jedenfalls eine starke mediale Präsenz solcher Kampagnen. Gleichzeitig wäre es falsch, daraus unmittelbar auf Mehrheitsverhältnisse zu schließen. Proteste erzeugen in den sozialen Medien hohe Sichtbarkeit, aber das bedeutet nicht automatisch, dass große Teile der Bevölkerung diese Positionen teilen.

Berner: Wichtig ist auch, dass es sehr prominente Gegenstimmen gibt. Künstler wie Nick Cave oder Radiohead haben sich ausdrücklich gegen kulturelle Boykotte positioniert. Gleichzeitig sehen wir aber, dass die Boykotte im subkulturellen, alternativen Milieu besonders präsent sind, wodurch ein erheblicher Konformitätsdruck entstehen kann. Gerade für junge Künstler:innen ist es oft schwieriger, sich solchen Dynamiken zu entziehen.

Der Druck zur Positionierung

Wie äußert sich dieser Druck konkret?

Berner: Besonders israelische oder jüdische Künstler:innen geraten oft unter Rechtfertigungsdruck. Von ihnen wird verlangt, sich eindeutig zu positionieren. Wer sich nicht klar genug von Israel distanziert, riskiert Ausladungen oder öffentliche Kampagnen. Das betrifft auch Künstler:innen, wie etwa Noga Erez, die die israelische Regierung selbst kritisieren.

Herrberg: Das verweist auf ein Grundproblem dieser Boykottlogik: Es geht häufig gar nicht um konkrete politische Positionen einzelner Personen, sondern um eine pauschale Zuschreibung. Die Vielfalt der israelischen Gesellschaft oder Kulturszene spielt dabei keine Rolle.

Von der Kritik zum Antisemitismus

Welche Rolle spielen antisemitische Stereotype in diesen Debatten?

Herrberg: Wir sehen immer wieder Narrative und Bildsprachen, die bereits in früheren antisemitischen Kontexten verwendet wurden. Dazu gehören etwa Vorstellungen eines übermächtigen Israel oder Verschwörungserzählungen rund um Einfluss und Kontrolle. Solche Motive tauchen auch im Umfeld aktueller Boykottkampagnen auf.

Berner: Ein Beispiel dafür waren Diskussionen rund um das Publikumsvoting beim ESC im Vorjahr. Nachdem die israelische Kandidatin im Televoting sehr erfolgreich war, wurde rasch behauptet, mit der Abstimmung könne „etwas nicht stimmen“. Eine solche Verbreitung von Gerüchten ohne konkrete Beweise erinnert an klassische verschwörungsideologische Muster über angebliche Manipulation und Einflussnahme.

Selbstverständlich ist Kritik an israelischer Regierungspolitik in vielen Fällen unproblematisch.

Oft wird argumentiert, es handle sich lediglich um legitime Kritik an der israelischen Politik. Wo sehen Sie die Grenze?

Herrberg: Zunächst ist wichtig zu berücksichtigen, dass Kritik an israelischer Politik keinesfalls ein Tabu ist, wie oft behauptet wird. Und selbstverständlich ist Kritik an israelischer Regierungspolitik in vielen Fällen unproblematisch. Problematisch wird es dort, wo Israel als das absolut Böse dämonisiert wird, wo Staatsgründung und Existenz Israels als illegitim dargestellt werden oder wo Israelis sowie stellenweise Jüdinnen und Juden, unabhängig davon, ob sie überhaupt einen Bezug zu Israel haben, kollektiv verantwortlich gemacht werden. In vielen Boykottaufrufen wird Israel ausschließlich als Aggressor beschrieben, während andere Akteure in der Region oder die Geschichte des Konflikts kaum vorkommen.

Berner: Dazu kommt häufig eine starke moralische Vereinfachung. Israel erscheint als mächtiger Täter, die mit der Opferposition assoziierte Gegenseite automatisch als moralisch überlegen. Diese Art der Reduktion komplexer Konflikte ist gerade im Pop- und Kulturdiskurs sehr anschlussfähig

Das Problem dabei ist, dass politische und historische Ambivalenzen verloren gehen.

Warum ist das so?

Herrberg: In popkulturellen und subkulturellen Kontexten gibt es häufig eine starke Identifikation mit dem „Underdog“. Diese Erzählung vom zunächst schwächeren, dafür moralisch Überlegenen, der einem amoralischen, übermächtigen Gegner gegenübersteht, wird auf den komplexen Konflikt übertragen, um diesen zu vereinfachen und eindeutig moralisch Position beziehen zu können.

Berner: Das Problem dabei ist, dass politische und historische Ambivalenzen verloren gehen. Gerade die Kultur- und auch die Wissenschaftsbetriebe Israels, gegen die etwa von BDS regelmäßig zum Boykott aufgerufen wird, sind oftmals Orte an denen Zusammenleben und -arbeiten von Israelis und Palästinenser:innen in der Praxis stattfindet.

Die Politik des ESC

Der ESC gilt als queeres und diverses Event. Spielt das in den Debatten eine Rolle?

Berner: Nicht immer. Es ist allerdings interessant, dass es nicht zuletzt dann eine Rolle spielt, wenn es sich als weiteren Vorwurf gegen Israel formulieren lässt: Israel ist, gerade auch im Vergleich zur Region, liberal gegenüber queeren Lebensweisen eingestellt. Viele queere Menschen aus anderen Ländern des Nahen Ostens gehen nach Israel, weil sie dort mehr Sicherheit oder Freiheiten erwarten. Das wird in vielen Debatten ausgeblendet oder unter dem Begriff „Pinkwashing“ pauschal zurückgewiesen.

Herrberg: Dahinter steht oft ein sehr vereinfachtes Bild von Israel. Es handelt sich um eine pluralistische Gesellschaft mit unterschiedlichen religiösen, kulturellen und politischen Gruppen. Diese Komplexität verschwindet in vielen Boykottdebatten vollständig.

Warum eignet sich gerade der ESC so stark für politische Konflikte?

Herrberg: Der ESC ist ein global sichtbares Medienereignis mit enormer Symbolkraft. Wer dort protestiert, bekommt Aufmerksamkeit. Deshalb versuchen soziale Bewegungen und Aktivist:innen immer wieder, ihre Anliegen dort zu platzieren.

Berner: Gleichzeitig erzählt der ESC seit Jahrzehnten auch politische Geschichten. Schon 1990 wurde der Wettbewerb stark im Kontext des Endes des Kalten Kriegs wahrgenommen. Der ESC war also nie völlig losgelöst von politischen Entwicklungen – auch wenn er sich selbst, vor allem wenn es um Konflikte geht, gern als unpolitisch beschreibt.

 

Auf einen Blick 

Elias Berner studierte Musikwissenschaften an der Universität Wien. Von Mai 2024 bis Dezember 2025 war Elias Berner Fellow für Antisemitismusforschung am Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), seit Jänner 2026 ist er APART-GSK-Stipendiat der ÖAW und damit wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Antisemitismusforschung am IKW.

Niklas Herrberg studierte Sozialwissenschaften in Düsseldorf. In seiner 2025 abgeschlossenen Promotion im Fach Soziologie befasste er sich mit dem Erleben und Ausdeuten von Antisemitismus unter Jüdinnen und Juden in Deutschland. Seit November 2025 ist Niklas Herrberg als Postdoc in der Arbeitsgruppe Antisemitismusforschung am Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) tätig.