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Alter Friedensplan für neues Europa

Der Wiener Kongress, sein Innenleben, seine Momente des Glanzes und seine epochalen Konsequenzen, standen im Zentrum einer internationalen Tagung an der ÖAW

19.06.2015
Bild: Wikimedia/PD

Er gilt als Wendepunkt der europäischen Geschichte, als Geburtsort langlebiger politischer Lösungen und als Sternstunde der europäischen Diplomatie: Der Wiener Kongress 1814/1815 bereitete nicht nur den kriegerischen Auseinandersetzungen, die Europa nach der Französischen Revolution mehr als zwei Jahrzehnte in Atem hielten, ein Ende. Er schuf auch wichtige Grundlagen für ein politisches Miteinander, dessen Nachwirkungen bis in die gemeinsame europäische Gegenwart zu beobachten sind. Die internationale Konferenz „Der Wiener Kongress 1814/15. Politische Kultur und internationale Politik" an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) nahm das 200-jährige Jubiläum des Kongresses zum Anlass, um kritische Neubewertungen dieser einzigartigen historischen Episode durchzuführen – und dabei wertvolle Lektionen für die Zukunft Europas zu gewinnen.

„Der Wiener Kongress“, stellte Brigitte Mazohl, Präsidentin der philosophisch-historischen Klasse der ÖAW, zum Auftakt der von ihr initiierten Konferenz klar, „ist die bedeutendste Friedensordnung des 19. Jahrhunderts“. Das politische und gesellschaftliche Großereignis, bei dem nicht nur reichlich getanzt, sondern auch viel gearbeitet wurde, brachte die eben noch in erbitterter Feindschaft stehenden Mächte Europas an den Verhandlungstisch, um gesellschaftliche und politische Lösungen zu entwickeln, die letztlich über Jahrzehnte Bestand haben sollten – bis sie von den erstarkenden Nationalismen hinweggerissen wurden.

Die historische Bedeutung des Wiener Kongresses strich auch ÖAW-Präsident Anton Zeilinger in seiner Begrüßung der Konferenzteilnehmer/innen hervor: „Das Prinzip, über Verhandlungen zu Lösungen zu finden, wurde damals in einer Weise etabliert, wie es vorher nur selten der Fall war.“ Geklärt wurden dabei keineswegs nur die politisch-territorialen Grenzziehungen zwischen den europäischen Großmächten, sondern auch gesamtgesellschaftliche Fragestellungen, von Aspekten der Rechts- und Gesellschaftsordnung bis hin zur Abschaffung des Sklavenhandels.

Neue Aspekte

Wie aber gelang es den damaligen Lenkern Europas, die tiefen Gegensätze zu überwinden und Gemeinsamkeiten für die Neuordnung des Kontinents und seiner Völker zu finden? Diese Frage wurde in den Geschichtswissenschaften bereits aus einer Vielzahl von Blickwinkeln betrachtet und interpretiert. Doch neue Forschungsergebnisse zeigen, dass es gerade bisher kaum beleuchtete Aspekte sein könnten, die einen entscheidenden Einfluss auf den Ausgang des Kongresses hatten. Die internationale Tagung der ÖAW „Der Wiener Kongress 1814/15. Politische Kultur und internationale Politik" thematisierte daher auch insbesondere Ereignisse abseits des Rampenlichts. Von der Rolle der Frauen, die über ihre Positionen und Funktionen im sozialen „Rahmenprogramm“ des Wiener Kongresses hinaus Einfluss ausübten, über die Geheimhaltungs- und Spionagestrategien der Kongressteilnehmer bis hin zu den politischen Akzenten, die kleinere Nationen setzen konnten, reichte das Spektrum.
 
Die dabei zutage geförderten Ergebnisse haben indes nicht nur Relevanz für die unmittelbare historische Forschung. Denn das Verständnis der Geschichte Europas ist, darin waren sich die Eröffnungsredner/innen einig, notwendig, um die langfristigen Transformationen des Kontinents bis in die Gegenwart zu begreifen. Die Leistung der Teilnehmer des Wiener Kongresses, ungeachtet aller politischen Gegensätze Lösungen für den Frieden zu finden, kann gerade für das Europa der Gegenwart, vor dem Hintergrund aktueller Krisen und Herausforderungen, Orientierung bieten. Denn schließlich gilt, wie auch Anton Zeilinger in seiner Ansprache betonte: „Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Zukunft gestalten.“