Publikationsprojekt: Vom χωριον des 4. Jhs. v. Chr. zum byzantinischen Bischofssitz

Untersuchungen zur städtebaulichen Entwicklung und Geschichte von Alinda/Karien


 Projektleitung: Dr. P. Ruggendorfer

Die weitläufigen Ruinen von Alinda wurden in den Jahren 2007 bis 2011 durch das IKAnt mittels zerstörungsfreier Prospektions- und Dokumentationsmethoden (z. B. Georadar und –magnetik, Photogrammetrie, RTK-Vermessung) im Rahmen eines Oberflächensurveys untersucht. Ziele der Unternehmung waren die konsequente Erfassung und Periodisierung der erhaltenen baulichen Strukturen sowie die Analyse der städtebaulichen Entwicklung und Transformation der Siedlung bis in byzantinische Zeit. Die Ergebnisse befinden sich derzeit in Vorbereitung zur Publikation.

Abb. 1: Blick auf die Unterstadt von Alinda
mit Agora und Südhalle, im Vordergrund
das westliche Analemma des Theaters
Abb. 2: Stadtplan Alinda (Planverfasser: Chr. Kurtze)
Abb. 3: westliche Befestigungsmauer der Unterstadt

Das stark befestigte Siedlungsgebiet (s. zu den Befestigungen Konecny – Ruggendorfer 2014; Konecny 2015) erstreckte sich rund 50 km südwestlich der Provinzhauptstadt Aydin unmittelbar neben dem modernen Ort Karpuzlu über zwei steil ansteigende Höhenrücken. In strategisch günstiger Position wachte sie über jenen Zugang nach Karien, der vom Maryas-Tal über das Zeusheiligtum von Labraunda nach Mylasa als in die alte Hauptstadt der Hekatomniden nach Mylasa und weiter nach Halikarnassos ans Mittelmeer führte.    

Abb. 4: Turm U 1 in der Unterstadt

Die Entdeckung des Ortes wird dem britischen Reisenden R. Pococke im 18. Jh. verdankt. Daran schlossen sich die Besuche weiterer Forschungsreisender (wie R. Chandler 1765, L. de Laborde 1827, Ch. Fellows 1841, Ph. Le Bas 1843/44, P. Trémaux 1853-1860, W. R. Paton und J. L. Myres 1896 – s. dazu die angeschlossene Bibliographie), deren deskriptiven und graphischen Dokumentationen durch die Wiedergabe eines teilweise wesentlich umfangreicheren Monumentenbestandes für die Stadtgeschichte von eminenter Bedeutung sind. Im Laufe des 20. Jhs. folgten zunächst vereinzelter Begehungen und vermittelten mit ihren Berichten punktuelle Einblicke in den epigraphischen und archäologischen Bestand des Ortes (etwa A. Laumonier 1934,  M. Anabolu 1965, G. E. Bean 1971, J. und L. Robert 1983, S. Doruk 1987). 

Die bislang einzigen systematischen archäologischen Forschungen in Form des ab den ausgehenden 1990er Jahre unter der Leitung V. Özkaya über einige Kampagnen durchgeführten Surveys erbrachten detailreiche Ergebnisse zu den Nekropolen und fanden umgehend Aufnahme in übergeordnete Studien (z. B. Chr. Berns 2003 oder O. Henry 2009).

Die strukturelle Gliederung des Siedlungsgebiets lässt sich wie folgt skizzieren. Die Zentren des öffentlichen Lebens liegen mit der Agora im Süden bzw. mit dem Heiligtum und mit dem Theater auf der höchsten Erhebung der Unterstadt, während sich Areale mit ausgedehnter Wohnbebauung vor allem im Norden und im Südwesten dieses Stadtbereiches finden (s. dazu die Vorberichte im 27. AST 2007 – 30. AST 2012 und G. Bockisch – P. Ruggendorfer – L. Zabrana 2013). Sind besonders die dichten Strukturen des Wohnviertels im Norden mehrheitlich der Kaiserzeit bzw. der byzantinischen Periode zuzuweisen, zeugen die Agora mit der dreigeschossigen, zweischiffigen Südhalle und die mächtigen Terrassierungen und Gebäudereste auf der Hügelkuppe nördlich der Platzanlage von einer intensiven Bautätigkeit in hellenistischer Zeit (s. Vorberichte 29. AST 2011 und 30. AST 2012). In Kombination mit Informationen aus inschriftlichem Material (A. Laumonier 1934) besteht die hohe Wahrscheinlichkeit, dass sich in diesen Strukturen um die Platzanlage eine wesentliche, nachhaltige Umgestaltung des Stadtgebiets und damit der entscheidende städtebauliche Wandel vom chorion („fester Ort“) des Arrian (1,23,8) und von einem der am besten befestigten Plätze Kariens im 4. Jh. v. Chr. hin zum prosperierenden Amtssitz für die Verwaltung des nördlichen Karien während des ausgehenden 3. Jh. v. Chr. manifestiert. 

Abb. 5: Tempel auf der höchsten Erhebung der Unterstadt
Abb. 6: Südhalle der Agora
Abb. 7: Reste der Innenbebauung der Oberburg/Zitadelle

Die gedrängte, kleinteilige Wohnbebauung innerhalb des Mauerrings der Oberburg/Zitadelle, welche den Kern der Oberstadt darstellt, besteht ausschließlich aus vermörteltem Bruchstein- und Ziegelmauerwerk. Abschnittsweise integrierte man in diese auch die baulichen Reste der aus Quadern gefügten Einbauten aus spätklassischer Zeit. 

Abb. 8: Aquädukt und Sarkophag der spätklassischen Nekropole

Offensichtlich kam es in byzantinischer Zeit zu einer Verlagerung des städtischen Siedlungsraumes, wobei das Stadtgebiet des als Bischofssitz überlieferten Alinda stark reduziert und die Wohnsiedlung von der Unterstadt in die befestigte Oberburg verlagert wurde. Im 10. Jh. nennt Constantinus Porphyrogenitus Alinda jedenfalls unter den befestigten Städten Kleinasiens. 

Die Verlegung der Wohnsiedlung ging mit der aufwendigen Instandsetzung des zu diesem Zeitpunkt bereits stark beschädigten Mauerrings der Oberburg einher, wobei vor der Ostmauer als zusätzlicher Schutz ein tiefer Spitzgraben eingezogen und die Zugangssituation zur Burg verändert wurde. Zwar beherbergte die Unterburg mit mehreren Ölpressen und sechs großen Zisternen wirtschaftliche Einrichtungen für die Wohnsiedlung in der Oberburg, doch war sie fortifikatorisch nicht in diese späte Siedlung einbezogen.