»Möge ich nie wie ein Kriegsgefangener leben, der seine Nation verleugnet und seine Väter vergisst«: Josephus in Gefangenschaft

»Denn solange ich lebe, werde ich niemals in einer solchen Gefangenschaft sein, dass ich meine eigene Verwandtschaft vernachlässige oder die Gesetze unserer Vorfahren vergesse!« So behauptet der Historiker Flavius Josephus im Krieg der Juden, dass er im August 70 n. Chr., das heißt kurz vor der Zerstörung Jerusalems durch die Römer, vom Fuß der Stadtmauern aus zu dem Rebellenführer Johannes gesprochen habe. Eine juristische Untersuchung der verschiedenen Etappen seiner Gefangenschaft, von der Gefangennahme während der Belagerung von Jotapata im Juli 67 n.Chr. bis zu seiner Freilassung im August 69 n.Chr., zeigt, dass der Inhalt dieses Zitats, wörtlich genommen, falsch ist. Flavius Josephus war, als er zu Johannes sprach (und erst recht, als er später diese Rede schrieb), kein Gefangener mehr, sondern ein Überläufer, ein freier römischer Bürger, der sich von seiner Zugehörigkeit zu Judäa als unabhängigem politischen Gemeinwesen losgesagt hatte. Dennoch zeigt sich gerade in der Diskrepanz zwischen seiner Aussage und der juristischen Interpretation der Tatsachen die eigentliche Botschaft des Flavius Josephus, denn er verteidigt die Einhaltung der Tora innerhalb des römischen politischen Rahmens als die beste Option.
Informationen
Termin
7. April 2025, 16:00 CET
Ort
Otto-Wagner Postsparkasse, Georg-Coch-Platz 2, 1010 Wien, Seminarraum 1-2, 3. Stock
Veranstalter
ÖAW-ÖAI; Université de Lorraine
Kontakt
oeai-event(at)oeaw.ac.at
