Ein stillgelegter Abwasserkanal im römischen Odeion mitten im einstigen heiligen Bezirk der Artemis von Ephesos ist wohl der letzte Ort, an dem man ein sorgsam angelegtes Kindergrab vermuten würde. Genau dort haben Archäologinnen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) jedoch die Bestattung zweier perinatal – also kurz vor, während oder kurz nach der Geburt –verstorbener Kinder gefunden. Diese wurden nun genauer untersucht und die Ergebnisse im Fachjournal »Childhood in the Past« veröffentlicht.
Den auffälligen Kontrast zwischen dem ungewöhnlichen Fundort und der sorgfältigen Bestattung begründet Caroline Partiot, Studienautorin und Anthropologin am Bioarchaeology Lab des Österreichischen Archäologischen Instituts der ÖAW, folgendermaßen: »In früheren Gesellschaften befindet sich der Bestattungsort sehr junger Kinder oft woanders als jener von Erwachsenen, weil ihr sozialer Status ein anderer war. Man findet ihre Gräber daher häufig an Orten ohne ursprüngliche Bestattungsfunktion, etwa unter Hausböden oder in Brunnen.«
Besondere Fürsorge der Angehörigen
Bei Neugeborenen kann ein solcher Ort auch auf eine gesellschaftliche Ablehnung hindeuten, etwa im Fall einer unerwünschten Schwangerschaft. Dann fällt die Grabgestaltung in der Regel schlicht aus oder fehlt vollständig. »Im Odeion ist es aber bemerkenswert, dass an einem Ort, der eher für Ausgrenzung stehen könnte, ein Grab mit allen Merkmalen einer regulären Erwachsenenbestattung angelegt wurde. Das spricht für eine besondere Fürsorge der Angehörigen und dafür, dass der Tod des Kindes die Gemeinschaft berührt hat«, sagt Partiot.
Wie Lilli Zabrana, Co-Autorin und Archäologin an der ÖAW, erklärt, sei die Datierung des Grabes zunächst unklar und gerade deshalb besonders reizvoll gewesen, weil kaum erforscht ist, wie das aufgegebene Heiligtumsareal in späterer Zeit genutzt wurde. »Die Datierung in das Frühmittelalter, die mit der Radiokarbon-Methode festgestellt werden konnte, belegt die Zugänglichkeit des Artemisions zu dieser Zeit, also bevor Überflutungen im 13./14. Jahrhundert den gesamten heiligen Bezirk unter 6 bis 8 Meter hohen Flusssedimenten begruben«, sagt Zabrana.
Ein Kistengrab aus Ziegeln und Steinen
Bereits 2010 war bei Grabungen im Odeion, einem Gebäude für musische, dramatische und poetische Darbietungen aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. im heiligen Bezirk, ein kleines Kistengrab aus Ziegeln und Steinen entdeckt worden. Es lag in einem Kanal, der im 2./3. Jahrhundert n. Chr. Teil einer öffentlichen Latrine mit rund 30 Sitzplätzen war. Die Radiokarbondatierung zeigt jedoch: Bestattet wurde erst im 8./9. Jahrhundert n. Chr. – Jahrhunderte, nachdem das Gebäude aufgegeben worden war.
Die beiden Kinder lagen Seite an Seite, mit dem Kopf nach Westen ausgerichtet – eine für frühchristliche Bestattungen typische Ausrichtung. Körperhaltung, fehlende Grabbeigaben und die sorgfältige Bauweise entsprechen den bekannten byzantinischen Bestattungssitten in Ephesos. Ungewöhnlich ist nur der Ort: außerhalb aller bekannten Gräberfelder, in einem funktionslosen, aber weiterhin zugänglichem Bauwerk.
Was die Analysen zeigen
Beide Kinder starben nach etwa 33 bis 34 Schwangerschaftswochen, also vor dem regulärem Geburtstermin. Ihre nahezu identische Körpergröße und das gemeinsame Grab sprechen für eine Zwillingsgeburt.
Bei einem der beiden Kinder fand sich zudem eine überzählige Halsrippe. Es handelt sich um einen seltenen Befund, der mit einem erhöhten Risiko für Entwicklungsstörungen und Fehlgeburten in Verbindung gebracht wird. Bei perinatalen Individuen ist dies erst der zweite dokumentierte Fall weltweit. Spuren an den Körpern deuten darauf hin, dass die Verstorbenen eingewickelt worden waren, vermutlich in ein Leichentuch. Ein eiserner Gegenstand am Kopf könnte eine Nadel zur Befestigung gewesen sein. Auch Spuren von Wassereinsickerung während der Verwesung wurden festgestellt.
Schutz statt Entsorgung
Anders als bei anderen Massenfunden perinataler Individuen in Abwasserkanälen – etwa in Askalon (Israel) oder im „Agora Bone Well“ in Athen, die als Hinweise auf Kindstötung gelten – sprechen bei dem Fund in Ephesos mehrere Faktoren gegen eine Deutung als Entsorgung: die sorgfältige Bauweise des Grabes, seine Unversehrtheit über Jahrhunderte und die Lage innerhalb des einstigen Tempelbezirks der Artemis.
Der Fund fügt sich zeitlich in den Übergang von römischen zu christlichen Vorstellungen im Umgang mit früh verstorbenen Kindern ein und macht zugleich den besonderen Status von Neugeborenen sichtbar, deren Leben in vergangenen Gesellschaften besonders fragil und ständig bedroht war.
Zu den Autorinnen
Caroline Partiot studierte Bioarchäologie und Archäothanatologie an der Universität Bordeaux sowie in Ägyptologie an der Sorbonne Université (Paris IV). Seit 2023 ist sie als Anthropologin am Bioarchaeology Lab des Österreichischen Archäologischen Instituts der Österreichischen Akademie der Wissenschaften tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf der Osteobiographie und den Bestattungspraktiken vergangener Populationen, mit besonderem Fokus auf der biologischen Variabilität und den Lebensverläufen von Kindern in diachroner Perspektive, von Neandertalern bis zu Homo sapiens. Ein besonderes Interesse gilt der Untersuchung frühkindlicher Belastungen.
Lilli Zabrana studierte Klassische Archäologie, Ur- und Frühgeschichte sowie Kunstgeschichte an der Universität Wien und absolvierte ein Masterstudium der Denkmalpflege an der Technischen Universität Berlin, wo sie 2014 mit ihrer Arbeit über das Odeion im Artemision von Ephesos dissertierte. Lilli Zabrana ist langjährige wissenschaftliche Mitarbeiterin des Österreichischen Archäologischen Instituts und verfügt über umfangreiche Grabungserfahrung, vor allem in der Türkei und in Ägypten.
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