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Interview

Jagd auf Mammuts: Wie aDNA Einblicke in das Verhältnis von Mensch und Tier in der Eiszeit gibt

17.08.2026
Genetische Geschlechtsbestimmung für alle 521 Wollmammuts in dieser Studie (© Current Biology 30 July 2026 fig 2)

Anhäufungen von Mammutknochen zählen zu den eindrucksvollsten Funden der Eiszeit. Doch wie sind sie entstanden — durch natürliche Prozesse oder durch menschliches Handeln? Eine neue Studie in »Current Biology« liefert dazu nun Hinweise mit Hilfe der Entschlüsselung des Paläogenoms: Während Funde einzelner Tiere meist männliche Tiere repräsentieren, bestehen große Knochenansammlungen an jungpaläolithischen Fundstellen mit mehreren Individuen überwiegend aus weiblichen Mammuts. Das spricht dafür, dass die Menschen des Jungpaläolithikums vor 40.000 bis 11.700 Jahren, die die Mammuts als Nahrungs- und Rohstoffquelle nutzten, vorzugsweise weibliche Tiere jagten.

Im Interview erklärt Archäologe Marc Händl vom Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW, der an der Studie beteiligt war, was aDNA über das Verhältnis von Menschen und Mammuts verrät, welche Rolle die österreichische Fundstelle Langmannersdorf spielt und wie diese Ergebnisse in das ERC-Projekt „Exploring Mammoth Bone Accumulations in Central Europe“ (MAMBA) einfließen.

Wurden Anhäufungen von Mammutknochen von Menschen geschaffen oder sind sie nur das Ergebnis natürlicher Sterbeprozesse? Eine neue Studie, an der Sie mitgewirkt haben, liefert dazu neue genetische Hinweise. Was haben Sie herausgefunden?

In unserer Studie konnten wir [...] zeigen, dass das Geschlechterverhältnis bei Mammutknochenanhäufungen mit mehreren Individuen an Fundstellen, die auch menschlichen Einfluss zeigen, [...] weibliche Tiere überwiegen.

Marc Händel: Schon eine frühere Untersuchung hat festgestellt, dass isoliert aufgefundene Mammuts, die häufig natürlich verendet sind und keine menschliche Nutzung erkennen lassen, zu etwa zwei Drittel männlich sind. In unserer Studie konnten wir dieses Ergebnis bestätigen und darüber hinaus zeigen, dass das Geschlechterverhältnis bei Mammutknochenanhäufungen mit mehreren Individuen an Fundstellen, die auch menschlichen Einfluss zeigen, also einen archäologischen Kontext haben, umgekehrt ist und hier weibliche Tiere überwiegen.

In natürlichen Fundkontexten finden sich vor allem männliche Mammuts, an menschlich geprägten Fundplätzen dagegen vor allem weibliche. Warum ist genau dieser Gegensatz so spannend?

Händel: Dieser Gegensatz zeigt, dass die eiszeitlichen Menschen bestimmt haben, welche Mammuts sie nutzen. Und offenbar waren dies bevorzugt weibliche Tiere bzw. Verbände oder Herden, in denen weibliche Tiere häufiger vorkommen.

Heißt das, dass Menschen im Jungpaläolithikum gezielt weibliche Mammuts oder Mammutherden jagten?

Händel: Genau das vermuten wir. Analog zu heutigen Elefanten vermuten wir, dass erwachsene weibliche Mammuts mit ihrem Nachwuchs in Herden lebten. Männliche Tiere wären demnach mit Eintreten ihrer Geschlechtsreife aus den Herden ausgeschieden und einzeln oder zunächst in kleineren Junggesellengruppen umhergezogen. Der in unserer Studie festgestellte Anteil von 70% weiblichen Tieren in den Knochenanhäufungen an jungpaläolithischen Fundstellen entspricht dem zu erwartenden Geschlechterverhältnis in solchen Mammutherden. Diesen Ansatz möchten wir nun weiterverfolgen und überprüfen.

Welche anderen Erklärungen — etwa Aasverwertung oder häufigere Begegnungen mit Herden — müssen berücksichtigt werden?

Händel: Neben der Bejagung gibt es auch andere denkbare Szenarien. So könnten die Mammuts natürlich verendet sein und Menschen könnten diese verendeten Mammuts als Rohstoffquelle für Elfenbein, Knochen, Sehnen, Fell oder anderer Materialien genutzt haben.

Wovon wir auf jeden Fall ausgehen müssen, ist, dass eine Mammutknochenanhäufung nicht unbedingt das Ergebnis einer einzigen Jagd sein muss.

Dagegen sprechen allerdings Geschossspitzen aus Stein, die an mehreren Fundstellen in Mammutknochen gefunden wurden. Außerdem zeigen die Verteilungsmuster der Körperteile etwa bei unseren neuen Grabungen in Langmannersdorf, dass die Tiere zerlegt wurden und auch nicht alle Teile in die Fundstelle eingebracht wurden. Wovon wir auf jeden Fall ausgehen müssen, ist, dass eine Mammutknochenanhäufung nicht unbedingt das Ergebnis einer einzigen Jagd sein muss.

Die aDNA von Mammutknochen aus Langmannersdorf in Niederösterreich war Teil der Studie. Was macht diese Fundstelle besonders?

Händel: Neben der Untersuchung von Mammutzähnen und -kiefern aus Museen und Sammlungen führen wir im Rahmen des laufenden ERC-Projekts MAMBA auch neue Geländeuntersuchungen an drei jungpaläolithjschen Fundstellen im östlichen Mitteleuropa durch: Dolní Věstonice in der Tschechischen Republik, Krakau Spadzista Straße in Polen und Langmannersdorf  im Perschlingtal in Österreich durch. Langmannersdorf ist mit einem Alter von etwa 25.000 Jahren die jüngste dieser Fundstellen und zugleich auch die jüngste archäologische Fundstelle in Mitteleuropa, bei der die Nutzung von Mammuts im Fokus stand. Obwohl viele Funde der Altgrabungen, die am Anfang des 20. Jahrhunderts stattgefunden haben, verloren gegangen sind, sind hier mehrere Dutzend Tiere belegt.

Welche Hinweise auf menschliche Aktivität gibt es in Langmannersdorf?

Bemerkenswert ist auch die Verteilung der Knochen auf der Fundstelle, die zeigt, dass die Tiere wahrscheinlich außerhalb des bisher untersuchten Areals zerlegt wurden und nach dem Transport weiterverarbeitet wurden.

Händel: Bei alten und aktuellen Ausgrabungen wurden neben tausenden Steinartefakten auch von Menschen gemachte Befunde wie Feuerstellen, Gruben und Pfostenlöcher entdeckt. Bemerkenswert ist auch die Verteilung der Knochen auf der Fundstelle, die zeigt, dass die Tiere wahrscheinlich außerhalb des bisher untersuchten Areals zerlegt wurden und nach dem Transport weiterverarbeitet wurden. Farbstoffe und Schmuck zeigen zudem, dass die Fundstelle nicht nur der Zerlegung von Mammuts diente.

Was erfahren wir durch die genetische Geschlechtsbestimmung, was archäologische Befunde allein nicht zeigen könnten?

Händel: An Mammutknochen lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen, ob es sich um weibliche oder männliche Tiere handelt. Insofern kann ohne genetische Geschlechtsbestimmungen keine zuverlässige Rekonstruktion der bejagten bzw. verendeten Mammutgruppe durchgeführt werden. In weiterer Folge können bei guten Bedingungen sogar die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den einzelnen Mammuts festgestellt werden, womit ganz konkrete Aussagen zur Herdenstruktur getroffen werden könnten.

Welche neuen Fragen, die durch die Studie aufgeworfen wurden, möchten Sie gerne in Zukunft untersuchen?

Händel: Wir betrachten diese Studie nur als ersten Schritt unserer Untersuchungen. Als Nächstes möchten wir die genetischen Daten zur Geschlechtsbestimmung mit unseren Daten zur Bestimmung der ontogenetischen Alter der Mammuts abgleichen, um die Altersstruktur unter Berücksichtigung der Geschlechtsbestimmung zu ermitteln. Damit können wir die Struktur der Mammutherden rekonstruieren, etwa ob männliche Tiere in den anthropogenen Fundstellen überwiegend Jungtiere sind. Zudem führen wir auch Untersuchungen zu verschiedenen stabilen Isotopen an denselben Individuen durch. Strontium und Sauerstoff können uns etwa Hinweise zum jahreszeitlichen Verlauf der Migration der Mammuts bzw. der Mammutherden geben.

Was fasziniert Sie persönlich an der Erforschung von Mammuts und der paläolithischen Mensch-Mammut-Beziehungen am meisten?

Händel: Mammuts sind sehr große Tiere und konnten sicherlich nicht von Einzelnen gejagt, erlegt, zerlegt und transportiert werden. Voraussetzung sind deshalb soziale Vernetzung und Kooperation. Zudem müssen die Tätigkeiten räumlich und zeitlich koordiniert werden unter Berücksichtigung des Verhaltens der Mammutherden, was für mobile Jäger-Sammler:innen-Gesellschaften sicherlich eine große Herausforderung war.

 

 

Zur Person

Marc Händel ist Academy Scientist am Österreichischen Archäologischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Teil der Forschungsgruppe »Quartärarchäologie«.

Buchtipp

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Eiszeit ‒ Ice Age
Neue Ergebnisse zum Paläolithikum in Österreich. New Results on the Palaeolithic in Austria

1. Auflage, 2025