












Die diesjährigen Ausgrabungen in Svinjarička Čuka im August und September 2022 bieten neue Einblicke in die Geschichte der Region. Der Fundplatz liegt auf der flachen Flussterrasse der Svinjarička nordöstlich der berühmten archäologischen Stätte Caričin Grad im Lebane Bezirk im südlichen Serbien. Die Flussterrasse wird seit 2018 von einem internationalen interdisziplinären Forscherteam im Rahmen eines serbisch-österreichischen Kooperationsprojekts untersucht. Die früheren Ausgrabungen hatten bereits die lange Besiedlungsgeschichte der Terrasse erwiesen – im frühen und mittleren Neolithikum (6000–5500 v. Chr.), in der späten Kupferzeit (4. Jahrtausend v. Chr.), in der mittleren und späten Bronzezeit (2. Jahrtausend v. Chr.) sowie in der Eisenzeit und im Mittelalter.
NEUESTE ERGEBNISSE AUS 2021 und 2022
2022 wurde in zwei großen Ausgrabungsschnitten gearbeitet, die wichtige neue wissenschaftliche Erkenntnisse zum Neolithikum und zur Spätbronzezeit lieferten, zwei Epochen, für die im südlichen Serbien der Kenntnisstand bisher noch stark eingeschränkt ist.
Ein wichtiges Ergebnis der Ausgrabungen besteht im ersten Beleg dauerhafter, fester Architektur für die neolithische Starčevo Kultur. Verschiedene Siedlungsreste des 6. Jahrtausends belegen die zumindest zeitweise Nutzung der Terrasse durch frühe Bauern- und Viehzüchtergruppen.
Eine große rechteckige Struktur mit flachen Steinen, Grubeninstallationen, Stampflehmböden und einem Ofen im Innenraum konnte auf einer Fläche von 4x5 m dokumentiert und im Detail untersucht werden. Dieses »Starčevo Haus« kann durch Radiokarbonmessungen in den Zeitraum zwischen etwa 5700–5600 v. Chr. datiert werden. Zudem ließen sich ältere Schichten unter dem Komplex nachweisen, die vermutlich an den Beginn der Neolithisierung in der Region zurückreichen. Ein wohl zur Nahrungszubereitung dienender Reibstein aus diesen bislang ältesten Schichten verweist ebenfalls auf Siedlungsaktivitäten.
Im Rahmen der diesjährigen Ausgrabungen konnte zudem eine stark verbrannte neolithische Struktur im Zentrum der Terrasse aufgedeckt werden, die in den folgenden Jahren weiter untersucht werden wird. Das Fundspektrum aus den diversen neolithischen Strukturen ist charakteristisch für den Starčevo-Horizont des Balkans. Es handelt sich um die am frühesten Ackerbau betreibenden Gruppen in der Region, die entlang des Flusskorridors der Morava siedeln, der die Kulturen des Mittelmeerraums mit denen der Donauregion verbindet.
International anerkannte Experten haben ein breites Spektrum multidisziplinärer Methoden angewandt, um die Funktion und Nutzung der Siedlungsstrukturen und Haushaltsinventare zu verstehen. Darunter sind Mikromorphologie, Gebrauchsspuren- und Rückstandsanalysen. Ein umfangreiches Beprobungsprogramm wird zeitnahe Laboruntersuchungen an bioarchäologischem und geologischem Material erlauben. Die neu entdeckten Häuser in Kombination mit Materialuntersuchungen und modernen naturwissenschaftlichen Labormethoden lassen ein neues Bild des Neolithikums in der Region erwarten.
Ergebnisse der Ausgrabungen wurden in der Posterausstellung »Balkanarchäologie im Fokus: Visualisierung neuer Forschungen« an der Österreichische Akademie der Wissenschaften präsentiert und konnten als 3D-Animationsfilm visualisiert werden. Nach der Präsentation in Wien wird die Wanderausstellung in Institutionen, Museen und Schulen auf dem Balkan gezeigt.
Die Zusammenarbeit zwischen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Barbara Horejs) und dem Archäologischen Institut in Belgrad (Aleksandar Bulatović) begann 2017. Der regionale Schwerpunkt der Zusammenarbeit liegt im Leskovac Becken in Südserbien, einer Region von etwa 1600 km2, chronologisch die erste dauerhafte Besiedlung des Gebiets vor etwa 8000 Jahren. Die Landschaftsentwicklung und die Nutzung der Umwelt in der Vorgeschichte bilden einen weiteren Schwerpunkt der Untersuchungen, der auch die Änderungen zwischen dem frühen Neolithikum und dem Ende der Bronzezeit umfasst. Das Archäologische Museum Leskovac ist der dritte Projektpartner im Rahmen dieser langfristigen Zusammenarbeit. Die interdisziplinären Untersuchungen und die Ausgrabungen werden vom Fond zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung (FWF Projekt NEOTECH Nr. P32096-G25) und dem Innovationsfonds der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Projekt »Visualising the Unknown Balkans«) finanziert.
B. Horejs, A. Bulatović, J. Bulatović, C. Burke, M. Brandl, L. Dietrich, D. Filipović, B. Milić, O. Mladenović, N. Schinnerl, T. Schroedter, L. Webster, New multi-disciplinary data from the Neolithic in Serbia. The 2019 and 2021 excavations at Svinjarička Čuka. Archaeologia Austriaca 106, 2022 (im Druck).
Das interdisziplinäre, von Prof. Dr. Barbara Horejs (Wien) und Dr. Aleksandar Bulatović (Belgrad) geleitete Team, umfasst postdoktorale Experten für Abnutzungsspuren (L. Dietrich, Wien), Mikromorphologie und Radiokarbondatierungen (L. Webster, Wien), Rohmaterialien (M. Brandl/Wien), Lithik (B. Milić, Barcelona), Keramik (C. Burke, Wien), Archäobotanik (D. Filipović, Kiel/Belgrad), Archäozoologie (J. Bulatović, Universität Belgrad), Geophysik (C. Meyer, Berlin) und Geographie (St. Schneider, Deutsches Archäologisches Institut). Ausgrabungstechniker, Techniker und Fotografen unterstützen mit ihrer Expertise die Arbeiten im Feld und die Untersuchung des Fundmaterials (V. Stefanović, Leskovac, M. Börner, D. Blattner, F. Ostmann, alle Wien). Auch Masterstudenten und Doktoranden wirken am Projekt mit (O. Mladenović, Belgrad).