SCHÄTZE AUS DEM DEPOT
26.04.2022
In den Jahren 1913 und 1914 führte der Theologe Ernst Sellin unter der Ägide der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften Ausgrabungen am Tell Balata, nahe Nablus in Palästina durch. Kriegsbedingt konnten die Grabungen erst in den 1920er Jahren fortgesetzt werden, dann allerdings unter dem Dach des Deutschen Archäologischen Instituts. Die Ausgrabungen wurden nie abschließend veröffentlicht und sowohl Funde als auch die Dokumentation sind heute über die ganze Welt verstreut. Ein Team des Österreichischen Archäologischen Instituts arbeitet daran die Geschichte der Ausgrabungen aufzuarbeiten.
In den 1960er Jahren entdeckte der amerikanische Archäologe Siegfried Horn im Kunsthistorischen Museum in Wien ein Inventar von Keramikgefäßen, Scherben und Bronzewaffen, die er als Funde von den österreichischen Ausgrabungen 1913 und 1914 am Tell Balata (dem biblischen Sichem) in Palästina identifizieren konnte. Diese von dem deutschen Theologen Ernst Sellin geleiteten Ausgrabungen, die in den 1920er und 1930er Jahren unter deutscher Leitung fortgesetzt wurden, sind nie abschließend publiziert worden: Das Manuskript des Grabungsberichts sowie mehrere Funde der Grabung wurden im Herbst 1943 in Berlin zerstört, als das Haus von Sellin Opfer eines Bombentreffers wurde.
Österreichische Ausgrabungen im Heiligen Land
Ernst Sellin war in Wien nicht unbekannt. Von 1897 bis 1908 bekleidete er die Professur für alttestamentliche Exegese und biblische Archäologie an der evangelisch-theologischen Fakultät in Wien. Schon bald begann er eigene Ausgrabungsprojekte vorzubereiten und grub von 1902 bis 1904 am Tell Taʿannek (dem biblischen Taanach) und von 1907 bis 1909 am Tell es-Sultan (dem biblischen Jericho), zumeist mit finanzieller Unterstützung einiger österreichischer Großindustrieller. Die Ausgrabungen in Sichem wurden sowohl von der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, als auch von namhaften Gönnern aus dem Adel, der Industrie und der Wissenschaft finanziert. Dazu gehörten unter anderem Ernst August II. von Hannover, der Bierproduzent Arthur Dreher aus Schwechat, der Metallfabrikant Arthur Krupp aus Berndorf oder der Ägyptologe und Sammler Friedrich Wilhelm Freiherr von Bissing in München.
Ein Fundbuch taucht wieder auf
Siegfried Horn hatte Zugang zum Fundjournal der Ausgrabung, das vom österreichischen Archäologen Camillo Praschniker geführt worden war. Dennoch konnte er nicht alle dort verzeichneten Objekte in Wien identifizieren. Lange galt das Fundjournal als verschollen, doch durch die Recherchen von Felix Höflmayer und Katharina Streit von der ÖAW konnte es an der amerikanischen Andrews University (dem letzten Arbeitsort Siegfried Horns) in Michigan lokalisiert und Digitalisate beschafft werden.
Verstreute Funde
In den letzten Wochen konnten nun Felix Höflmayer, Katharina Streit und Agnes Woitzuck das Inventar im Depot des Kunsthistorischen Museum sichten und weitere im Fundjournal verzeichnete Stücke im nicht inventarisierten Bestand des Museums identifizieren. Weitere Recherchen haben ergeben, dass einige Funde auch an die anderen Finanziers der Ausgrabungen übergeben wurden. Dank der Hilfe von Mélanie Flossmann vom Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst in München konnte so ein Objekt in der Sammlung von Bissing identifiziert werden. Es ist damit nicht auszuschließen, dass auch die weiteren Unterstützer mit Originalfunden belohnt wurden.
Ausblick
Ziel der gegenwärtigen Forschungen ist es den noch erhaltenen Bestand der österreichischen Ausgrabungen zu dokumentieren und anhand der erhaltenen Felddokumentation zu publizieren. Auch wenn das ursprüngliche Manuskript des Grabungsberichtes verloren sein mag, können so die noch erhaltenen Ergebnisse der österreichisch-deutschen Grabungen in Palästina einer Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.




