Wenn Geschichte zum Politikum wird
28.04.2025
Geschichte ist nicht nur Vergangenheit, sie bestimmt auch unseren Blick auf die Gegenwart – und sie ist immer auch Projektionsfläche für Deutungen. Wer Geschichte erzählt, bestimmt mit, wie sich eine Gesellschaft selbst sieht oder sehen soll – und auf welche Werte sie sich beruft.
Ljiljana Radonić, Politikwissenschaftlerin und stellvertretende Direktorin des Instituts für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), forscht u.a. zu Erinnerungskultur, Geschichtspolitik und der Rolle der Wissenschaft in gesellschaftlichen Deutungsprozessen. Im Interview spricht sie darüber, wie autoritäre Staaten Geschichte umschreiben – und warum der Kampf um das kollektive Gedächtnis längst global geführt wird.
Museen, Denkmäler, Schulbücher
US-Präsident Donald Trump versucht aktuell, Geschichte umzudeuten – nicht durch neue Fakten, sondern durch neue Narrative. Inwiefern wird Geschichte gerade in politisch polarisierten Zeiten instrumentalisiert?
Ljiljana Radonić: Unabhängig davon, ob die Zeiten besonders polarisiert sind, wird Geschichte stets mit Blick auf die Bedürfnisse der Gegenwart aufgegriffen. Je nachdem, wie sich eine Gesellschaft gerade selbst versteht, wird auf unterschiedliche Weise auf die Vergangenheit Bezug genommen. In gewisser Weise lässt sich sogar sagen, dass es immer eine Form der Instrumentalisierung gibt: Geschichte wird nicht neutral erinnert.
Geschichte wird nicht neutral erinnert.
Wie weit darf politische Einflussnahme auf historische Erinnerung gehen? Und was passiert, wenn Geschichte nicht mehr als offener Diskurs, sondern als politisches Projekt verhandelt wird?
Radonić: Je demokratischer und pluralistischer sich eine Gesellschaft versteht, desto stärker orientiert sich die öffentliche Geschichtserzählung an historischen Fakten und Forschungsergebnissen. In einer funktionierenden Demokratie mit soliden „Checks and Balances“ gibt es andere Rückgriffe auf Geschichte als in autoritäreren Systemen. Wenn aber Geschichte per Dekret oder Gesetz verordnet wird, ist das ein Warnsignal für den Zustand der Demokratie im jeweiligen Land. In heutigen Ungarn – oder bis vor kurzem in Polen – führ(t)en autoritäre Tendenzen zu einer gezielten Uminterpretation historischer Narrative. In noch autoritäreren Staaten wie Russland kann sich der Umgang mit Geschichte komplett von der wissenschaftlichen Forschung abkoppeln.
Krieg der Erinnerung
Wie sieht denn dieser „Kampf um das Gedächtnis“ konkret in der politischen Praxis aus?
Radonić: Ein Beispiel dafür ist die Politik von Trump, der Museen dazu anhalten möchte, ein „positiveres“ Bild der US-amerikanischen Geschichte zu zeichnen – mit weniger kritischer Selbstreflexion. Ein anderes Beispiel ist Ungarn, wo die Fidesz-Regierung in der Präambel der Verfassung festgehalten hat, dass Ungarn seine staatliche Selbstbestimmung bereits im März 1944 verloren habe – obwohl Miklós Horthy erst im Oktober 1944 von Nazi-Deutschland gestürzt wurde und somit während der Deportation und Vernichtung der ungarischen Jüdinnen und Juden im Sommer noch an der Macht war. Hier wird Geschichte also bewusst umgedeutet, sogar verfassungsrechtlich verankert.
Oder nehmen wir Polen: Die Partei „Recht und Gerechtigkeit“, kurz PiS, verabschiedete das sogenannte „Memory Law“, das es unter Strafe stellte, von polnischer Mitschuld am Holocaust zu sprechen. Nach massiver internationaler Kritik wurde das Gesetz abgeschwächt – es blieb aber als ein zivilrechtlicher Tatbestandbestehen.
In Ihrer Forschung zum Umgang mit umkämpfter Erinnerung sprechen Sie auch von einem „Krieg der Erinnerung“. Was verstehen Sie darunter?
Radonić: Ich unterscheide zwischen einem „Kampf um das Gedächtnis“ und einer Eskalationsstufe darüber: einem regelrechten „Krieg der Erinnerung“. Ein besonders drastisches Beispiel dafür sind die geschichtspolitischen Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien – besonders Ende der 1980er-Jahre und in der Phase kurz vor Kriegsausbruch. Dort wurde gezielt mit konkurrierenden Deutungen der Geschichte mobilisiert. Ein zentrales Beispiel ist das Ustaša-Konzentrationslager Jasenovac: Die kroatische Seite hat die Opferzahlen heruntergespielt, während die serbische Seite sie stark überhöht hat – von realistisch etwa 100.000 Opfern wurde auf eine „unermessliche“ Zahl hochgerechnet. Diese widersprüchlichen Narrative wurden genutzt, um nationalistische Stimmungen zu schüren – und sie dienten letztlich zur Legitimierung kriegerischer Handlungen.
Putin rechtfertigt diesen Krieg mit der Behauptung, es gehe um die „Entnazifizierung“ der Ukraine – eine klare Geschichtslüge.
Ein aktuelles Beispiel für diese Eskalationsstufe ist der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine. Putin rechtfertigt diesen Krieg mit der Behauptung, es gehe um die „Entnazifizierung“ der Ukraine – eine klare Geschichtslüge. Diese Erzählung wurde bereits seit Jahren aufgebaut: Schon 2015, nach der russischen Annexion der Krim 2014, suggerierte Putin in einer Rede im Jüdischen Museum, dass die Ukraine besonders eng mit den Nazis im Holocaust kollaboriert habe – obwohl die Kollaboration in vielen Ländern der Region vorkam. Die Ukraine wurde zum Hauptfeind erklärt, dem unterstellt wurde, besonders aktiv am Holocaust mitgewirkt zu haben, um später dann die Notwendigkeit einer angeblichen „Entnazifizierung“ darauf zu begründen.
Krieg ist die höchste Eskalationsstufe, aber in weniger extremen Fällen: Welche langfristigen gesellschaftlichen Folgen kann es haben, wenn sich eine Gesellschaft nicht mehr auf eine gemeinsame, faktenbasierte Geschichtsschreibung einigen kann?
Radonić: In weniger extremen Fällen – also dort, wo die politischen Systeme zwar autoritäre Tendenzen aufweisen, sich aber noch nicht vollständig von demokratischen Prinzipien verabschiedet haben – sind die Folgen subtiler, aber dennoch problematisch. Ein Beispiel ist Polen unter der PiS-Regierung oder auch Ungarn unter Fidesz. Beide Länder sind weiterhin EU-Mitgliedsstaaten, was bedeutet: Wer der offiziellen Geschichtserzählung widerspricht, landet dort nicht im Gefängnis wie in klassischen Diktaturen. Aber es gibt andere Formen der Marginalisierung: Wer sich kritisch äußert, wird im Job nicht befördert, erhält keine Forschungsgelder oder Projektförderungen – man wird also systematisch an den Rand gedrängt.
Wer sich kritisch äußert, wird also systematisch an den Rand gedrängt.
Langfristig hat das gravierende Auswirkungen: In Ungarn zum Beispiel trauen sich viele Lehrerinnen und Lehrer inzwischen nicht mehr, mit ihren Klassen das Holocaust-Gedenkzentrum in Budapest zu besuchen – weil es sich kritisch mit der ungarischen Kollaboration im Nationalsozialismus auseinandersetzt. Verpflichtend ist hingegen der Besuch des von Viktor Orbán 2002 initiierten „Haus des Terrors“ in Budapest, das eine nationalistisch verfälschende Version der Geschichte erzählt.
Je länger Demokratiedefizite und Geschichtsrevisionismus andauern, wie in Ungarn seit 2010, umso mehr Menschen wachsen in einem Umfeld auf, das einen kritischen Umgang mit Geschichte kaum zulässt, was sich mittelfristig auch erheblich auch die Forschung in dem Land auswirkt.
Die Verantwortung der Wissenschaft
Apropos Forschung. Welche Verantwortung tragen Historiker:innen und Wissenschaftler:innen, gerade wenn Geschichte politisch instrumentalisiert wird?
Radonić: Die Aufgabe der Wissenschaft besteht vor allem darin, die Mechanismen offenzulegen, mit denen Geschichte für aktuelle Zwecke genutzt wird. Es geht darum, sichtbar zu machen, welche Erinnerungen wann warum bemüht werden entsteht, welche Prozesse der Ein- und Ausgrenzung dabei greifen und welche politischen Ziele damit verfolgt werden.
Gleichzeitig kann und darf Wissenschaft nicht neutral bleiben, wenn die Politik Druck macht, „stolze“ oder ausschließlich positive Geschichtsschreibung zu betreiben. Wir müssen uns aktiv für das Aufgreifen auch unbequemer, schmerzhafter Fragen starkmachen. Wenn öffentlich nach einer geschönten Geschichtsschreibung gerufen wird, müssen sich Wissenschaftler:innen zu Wort melden und das laut und deutlich kritisieren.
Auf einen Blick
Ljiljana Radonić ist Politologin, Mitlied der Jungen Akademie der ÖAW und stellvertretende Direktorin am Institut für Kulturwissenschaften der ÖAW. Sie studierte Politikwissenschaft und Philosophie sowie Übersetzen und Dolmetschen (Bosnisch/Kroatisch/Serbisch und Englisch) an der Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Erinnerngspolitik und museale Repräsentation von Genozid und Krieg.
