10.10.2018

Wissenschaft im Kopfhörer

Podcasts boomen: Dem wachsenden und vielversprechenden Format Wissenschaftspodcast widmete sich an der ÖAW die Tagung „#GanzOhr2018 – Wissenschaft auf die Ohren“. Was dort diskutiert wurde, kann man hier nachlesen – und im neuen ÖAW-Podcast MAKRO MIKRO nachhören.

Radiosendungen, die im Internet gehört werden können – das ist eine gängige Definition des Podcast. Das Audio-Format, das sich immer größerer Beliebtheit erfreut, kommt allerdings aus einer anderen Tradition als das klassische Radio. Es hat eine eigene Kultur, eine eigene Community und eine eigene Ästhetik entwickelt – und diese könnte besonders dazu geeignet sein, wissenschaftliche Inhalte zu vermitteln.

Wissenschaftspodcaster/innen in Wien

Das war das zentrale Thema von „#GanzOhr2018 – Wissenschaft auf die Ohren“, einer Tagung, die Ende September an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien stattfand. Seit 2013 veranstalten deutschsprachige Wissenschaftspodcaster/innen ihr Werkstatttreffen unter dem Titel „Ganz Ohr“. Die heurige Ausgabe spannte den Bogen weiter als bisher und lud auch Wissenschaftler/innen und Radio-Macher/innen ein, um die Besonderheit des Medienformats Podcast und dessen Potenzial für die Wissenschaftskommunikation auszuloten.

Podcasts können direkt auf Internetseiten gehört oder über einen RSS-Feed in einer App auf Computer oder Smartphone abonniert werden. So werden die Hörer/innen über neue Episoden auf dem Laufenden gehalten. Denn, anders als im Radio, müssen diese nicht unbedingt regelmäßig erscheinen und auch die Länge der Sendungen kann stark variieren. Die Podcasting-Landschaft sei von Freiheiten geprägt, die das Format zu etwas gänzlich anderem machen, sagte Tim Pritlove, langjähriger Podcaster und Gestalter der Wissenschaftspodcasts raumzeit und Forschergeist zur Eröffnung der Tagung: „Was den Unterschied zwischen Radio und Podcast betrifft: Manches ist ähnlich, alles ist anders.“

Institutionen, wie Wissenschaftseinrichtungen oder Medien, haben in den letzten Jahren vermehrt Podcasts gestartet, um ihre Wissenschaftskommunikation auszubauen. Radio Ö1 etwa macht verschiedene Sendungen auch als Podcast zugänglich. Das berichtete Martin Bernhofer, der bei Ö1 den Bereich „Wissenschaft, Bildung, Gesellschaft“ leitet. Wissenschaftsformate seien dabei besonders nachgefragt. Und auch die ÖAW hat jüngst den eigenen Podcast MAKRO MIKRO ins Leben gerufen.

Wissenschaftspodcasts haben ihre eigene, sehr erfolgreiche Nische gefunden.

Oftmals stecken hinter Podcasts aber engagierte Privatpersonen, die im Geist von Do-it-yourself mit Audio-Journalismus experimentieren. Wissenschaftspodcasts haben hier ihre eigene, sehr erfolgreiche Nische gefunden. Einen „Reiseführer“ durch das wachsende Angebot stellt die Plattform wissenschaftspodcasts.de da, die Daniel Meßner, Podcaster für die Universität Hamburg, bei „#GanzOhr2018“ vorstellte.

Demokratisierung von Radio

Podcasts können insofern als die „Demokratisierung von Radio“ verstanden werden, wie auf der Tagung immer wieder betont wurde. Genau darin liegt für Maren Beaufort und Josef Seethaler das große Potenzial des Wissenschaftspodcasts. Sie forschen am Institut für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der ÖAW, das die Tagung gemeinsam mit dem deutschsprachigen Netzwerk der Wissenschaftspodcaster/innen und der Wissenschaftsredaktion von Ö1 veranstaltete.

Wie Beaufort und Seethaler anhand von verschiedenen Werte- und Medienstudien aufzeigten, setzt sich zunehmend ein „partizipatives Demokratiemodell“ durch. In diesem Demokratieverständnis geht es darum, möglichst viele Menschen in öffentliche Diskurse einzubinden. Dies stellt die Medien vor neue Aufgaben. Sie sollen Problemlösungswissen zu Verfügung stellen und Zugang zu Information gewährleisten. „Das ist die einzige Form der Kommunikation, die es noch schafft, Begeisterung für Wissenschaft zu wecken“, erklärte Beaufort.

Von der Stimme getragen

Ein weiterer Aspekt, der auf der Tagung diskutiert wurde: das „intime Hören“, das durch Podcasts hergestellt wird. „Radio hört man über Lautsprecher, Podcasts über Kopfhörer“, sagte Pritlove, „der Podcast wird von der Stimme getragen.“ Dies erlaube den Menschen ein entspanntes Hören, was auch Rachel Stern bestätigte. Die Journalistin des internationalen Onlinemediums „The Local“ zeigte, dass diese personengebundene Hörerfahrung auch dazu beiträgt, dass Hörer/innen ungewöhnlich lange bei einer Sendung dabeibleiben.

Radio hört man über Lautsprecher, Podcasts über Kopfhörer.

Dass dies auch Verantwortung mit sich bringt, mahnte Verena Winiwarter, Professorin an der Wiener Universität für Bodenkultur und Mitglied der ÖAW, ein. Sie nannte ihren Vortrag „Den Ohren schmeicheln, statt den Geist zu unterweisen?“ und wollte diesen als „Beobachtung aus der Distanz“ und gezielte „Anregung zur Kontroverse“ verstanden wissen. Wissenschaftspodcasts seien, wie jede Wissenschaftskommunikation, in massenmediale Logiken eingebunden und so vor allem um die Herstellung von Aufmerksamkeit bemüht. Dies dürfe aber nicht die Eigenrationalität der Wissenschaft, das Streben nach Wahrheit, unterlaufen.

Eigene Forschung vermitteln

Der Podcast sei die „ideale Form der Wissenschaftskommunikation“ argumentierte wiederum Michael Bossetta, von der Universität Kopenhagen. Podcasts bedienen oft Nischen, widmen sich also einem ganz spezifischen Thema oder Forschungsfeld. Dies sei ein Mehrwert für Wissenschaftskommunikation. Bossetta sprach aus der Perspektive eines Wissenschaftlers, der über sein eigenes Forschungsfeld podcastet – und dadurch auch lerne, seine eigene Forschung zu kommunizieren.

Podcasts, die Geistes- und Naturwissenschaften verbinden, haben gute Chancen gehört zu werden.

Dass dies immer wichtiger wird, strich auch Johannes Preiser-Kapeller vom Institut für Mittelalterforschung der ÖAW, hervor. Er sprach bei „#GanzOhr2018“ über seinen Forschungsgegenstand, die Frage nämlich, wie Netzwerke funktionieren. Feststellungen wie „jeder kennt jeden über drei Ecken“ seien statistisch richtig, bedeuten aber nicht automatisch universelle Teilhabe. Tatsächlich sei die Teilhabe an diesen Netzwerken sehr ungleich verteilt. Doch man könne „Strukturlöcher“ ausnützen und sich zwischen Gruppen positionieren, die kaum oder nur wenig miteinander verbunden sind. Aufmerksamkeit bekomme man so als Brückenbauer/in. Viele solcher „strukturellen Löcher“ gebe es etwa zwischen Geistes- und Naturwissenschaften. Podcasts, die diese Felder verbinden, hätten also gute Chancen gehört zu werden.

Auch die Wissenschaftler/innen seien im Übrigen in solchen Netzwerk-Logiken gefangen, betonte Preiser-Kapeller. Es gehe nicht mehr allein darum, wieviel jemand publiziert, sondern auch darum, welcher Einflussbereich damit erschlossen wird. Stichwort: „Impact“. An Verena Winiwarter anknüpfend, zog Preiser-Kapeller den Schluss, dass die Wissenschaft nicht mehr allein dem Code wahr/falsch verpflichtet sei. „Mittlerweile haben wir genauso den Code neu/alt und spektakulär/langweilig. Auch diese Effekte sollte man hinterfragen, wenn man Wissenschaftsjournalismus betreibt.“