16.07.2018

Wissen im Netz

Ob historische Karten, altarabische Inschriften oder Glasplattennegative: Der digitale Wandel hat längst die Bibliotheken und Archive erreicht. An der ÖAW laufen gleich mehrere Projekte, um die wertvollen Bestände des Hauses zu digitalisieren und online für jedermann zugänglich zu machen.

Formschöne grüne Tischlampen, leise knarzendes Parkett, und große Stapel dicker Bücher. Alte Bibliotheken haben einen ganz besonderen Charme. Die Bibliothek der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) im Hauptgebäude in der Wiener Innenstadt bildet hier keine Ausnahme. Doch wer sich das gesammelte Wissen aus Jahrhunderten aneignen will, kann das inzwischen auch immer öfter von zu Hause aus tun – am Computer, Laptop oder Smartphone.

Denn längst hat die Digitalisierung auch Bibliotheken und Archive erreicht. An der ÖAW sorgen gleich mehrere Projekte dafür, die einzigartigen historischen Bestände des Hauses ins Web zu bringen. Was Leser/innen schon heute online finden können und welche Wissensschätze in Zukunft im Internet stehen werden, erzählt Sibylle Wentker, Leiterin von Bibliothek, Archiv und Sammlungen der ÖAW im Interview.

Archiven und Bibliotheken haftet oft ein verstaubtes Image an. Welchem Wandel sind diese Institutionen durch die Digitalisierung ausgesetzt?

Sibylle Wentker: Klassische Bestandsbibliotheken haben heutzutage einen stärkeren Rechtfertigungsdruck, weil Platz immer teurer wird und die Menschen es mehr und mehr gewohnt sind, Informationen ausschließlich aus dem Internet zu beziehen. Die Bibliothek der ÖAW ist eine Forschungsbibliothek, die vor allem Wissenschaftler/innen anzieht. Die Herausforderung ist, den Nutzer/innen online einen Recherchevorteil zu bieten, indem man Informationen, Bilder und Normdaten so verknüpft, dass eine intelligente Suche ermöglicht wird.

 

Die Herausforderung für Bibliotheken ist, den Nutzer/innen online einen Recherchevorteil zu bieten.

 

Ein Schritt in diese Richtung ist das Projekt „Linked Cat+“. Es soll die Wissensproduktion der Akademie bis 1918 digitalisieren. Wie funktioniert das konkret?

Wentker: Dieses Projekt ist jetzt in der Anlaufphase. Aus dem Zeitraum seit der Gründung der damals Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 1847 bis in das erste halbe Jahrhundert bis 1918 haben wir tausende Artikel in gedruckten Sitzungsberichten, in denen wir beobachten können, wie Wissenschaftsgestaltung funktioniert. Die Protokolle der regelmäßigen Sitzungen dieser Gelehrten der Akademie sind dafür eine enorm wichtige Quelle. Die Artikel sollen nun im Zuge des Projekts digitalisiert und mit einem intelligenten Suchsystem versehen werden. Die Nutzer/innen können dann nach gewissen Schlagworten suchen, um Forschungstrends zu recherchieren, aber auch, um mehr über einzelne Gelehrte herauszufinden. Im Gegensatz zu Google Books, wo die Sitzungsberichte ebenfalls zu finden sind, bieten wir mit unserem Projekt eine tiefere Sucharchitektur und eine erhöhte, intelligente Verknüpfung von Daten.

Warum werden nur die Protokolle bis 1918 digitalisiert?

Wentker: Das hat mit den Personen- und Urheberrechten zu tun. Personendaten gehen weit über den Tod eines Menschen hinaus. Wir dürfen zum Beispiel keine Daten von Menschen veröffentlichen, die nicht länger als 50 Jahre tot sind. Aber die Sitzungsprotokolle seit der Gründung bis 1918 umfassen bereits 500.000 Seiten. Wir haben also genug zu tun.

Ein weiteres Digitalisierungsprojekt befasst sich mit sogenannten „Abklatschen“. Welche Wissensschätze werden hier anschaulich gemacht?

Wentker: Das Projekt der Philologin Petra Aigner widmet sich der 3D-Digitalisierung von 700 Abklatschen der Sammlung Eduard Glaser, die wir im Archiv aufbewahren. Das sind altarabische Inschriftenabdrücke, die mittels einer Pappmaschee-Paste vom Stein abgenommen wurden. Das Material ist ähnlich wie ein Eierkarton und sehr empfindlich. Wenn wir die Abklatsche in 3D digitalisieren, bekommen wir ein Reliefbild. Die Community, die sich mit altarabischen Schriften beschäftigt, ist sehr klein und auf der ganzen Welt verstreut. Da wir diese Inschriften online visualisieren, haben die Expert/innen von überall aus einen Zugang zu den Quellen und können diese viel besser lesen und erforschen. 700 Inschriften haben wir bereits aufbereitet. Die zweite Phase des Projekts beschäftigt sich nun mit der 3D-Visualisierung von altsüdarabischen Graffitis.

Das ist nicht das einzige Projekt, das sich mit der Sammlung Glaser beschäftigt. Was steckt hinter „Glaser Open Access“?

Wentker: Hier werden historische Aufnahmen digitalisiert. Es handelt sich dabei um so genannte Glasplattennegative, die Glaser und andere von ihren Expeditionen mitgebracht haben, darunter 3.000 Glasplattenaufnahmen, Fotos aber auch 15 Forschungstagebücher. Diese beinhalten Quellen zur altsüdarabischen Geschichte, die so gesichert und für die Zukunft aufbereitet werden sollen. Denn Glasplattennegative sind extrem empfindlich und zersetzen sich mit der Zeit. Deshalb müssen wir diese Negative zügig einscannen.

 

Im Netz befindet sich bereits ein Kartenportal mit 380 Karten. Dieses kann nach Epochen, nach Ländern oder nach Kontinenten durchsucht werden. Die Karten werden in Hochauflösung zur Verfügung gestellt.

 

Einer der größten Schätze der Bibliothek ist die geografische „Sammlung Woldan“ – wie viele der historischen Karten sind bereits online?

Wentker: Das ist ein anspruchsvolles Langzeitprojekt. Im Netz befindet sich bereits das Kartenportal mit 380 Karten unter sammlung.woldan.oeaw.ac.at. Dieses kann nach Epochen, nach Ländern oder nach Kontinenten durchsucht werden. Die Karten werden in Hochauflösung zur Verfügung gestellt. Unser Ziel ist es, die gesamte Sammlung Woldan zu digitalisieren. Woldan war ein Jurist und hat sein gesamtes Leben damit verbracht, sein Juristengehalt für Karten und Reisewerke auszugeben. Unsere ältesten Stücke gehen bis 1500 zurück. Das sind natürlich ganz große Kostbarkeiten.

Für das Online-Portal hoffen wir auf kartografieinteressierte Expert/innen und begreifen das Angebot als offenen Austausch. Tag für Tag digitalisieren wir neue Karten für die Wissenschaft. Das ist aber auch ein sensationelles Material für alle Menschen, die sich für historische Karten begeistern. Und die sitzen nicht alle um den Dr. Ignaz Seipel-Platz herum. Wir tragen unsere digitalen Angebote damit also in die ganze Welt.