31.08.2018

Wien-Film: Der Krieg macht die Musik

Melodramen, Heurigenschwänke, Revuen oder historische Romanzen: Rund 50 Spielfilme drehte die Wien-Film zwischen 1938 und 1945. Regisseure und Schauspieler/innen machten darin unverhohlen Stimmung für das Regime und den Krieg. Der Filmhistoriker Armin Loacker und der Musikwissenschaftler Stefan Schmidl analysieren nun die bis heute erhaltenen Bestände aus NS-Produktion.

„Die Akten aus der NS-Zeit hätten eigentlich vernichtet werden sollen. Aber das Filmarchiv konnte sie Ende der 60er Jahre in einer Nacht-und-Nebel-Aktion retten“, erzählt Filmhistoriker Armin Loacker. Heute lagern die Drehbücher, Plakate, Fotoalben und 127 Schachteln mit sogenannter „Korrespondenz“ der Wien-Film an seinem Arbeitsplatz, dem Filmarchiv Austria im Wiener Augarten, sowie in der Außenstelle in Laxenburg – und bilden die Grundlage für das Forschungsprojekt „Die Wien-Film: Eine umfassende Analyse des Filmstudios 1938-1945“, das am Institut für kunst- und musikhistorische Forschungen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) durchgeführt wird.

Loacker wertet die Unterlagen der Wien-Film aus und überführt ihren Inhalt in eine Online-Datenbank. Dabei hat er es vor allem mit einer Unmenge an Korrespondenz zwischen Wien und Berlin zu tun, denn „jedes Projekt, jede Künstler- und Regiegage musste von Berlin finanziell bewilligt werden“, so Loacker, der in diesem Schriftwechsel auch ein Abbild der Hierarchien im Dritten Reich sieht.

Musikalischer Nationalismus

Neben den Briefen haben sich aber auch die Partituren der Filmmusiken erhalten, „eine Fundgrube“ für den ÖAW-Musikwissenschaftler Stefan Schmidl, der sich in seiner Forschung schon länger mit „musikalischem Nationalismus“ befasst. In den österreichischen Filmen, die zwischen 1933 und 1938, und dann wiederum zwischen 1938 und 1945 entstanden sind, sei deutlich eine immer intensivere Musikgestaltung festzustellen. „Das lässt sich sogar in Minuten messen“, sagt Schmidl: „Je weiter der Krieg voran schreitet, desto mehr Musik im Kino“.


Zugleich wurden die Filmmusiken aber auch spürbar „dynamischer, empathischer, pathetischer. Sie arbeiteten auf eine Suggestion hin und waren immer ideologischer Bedeutungsträger, egal ob in den eskapistischen Unterhaltungsfilmen oder in den deklariert politischen Filmen“, verdeutlicht Schmidl. Mit Hilfe der Partituren, die sich – anders als bei der deutschen NS-Schwesterfirma UFA – im Fall der Wien-Film fast vollständig erhalten haben, lässt sich dieser Eindruck am Notenmaterial überprüfen.

Ein klarer Beleg für die musikalisch transportierte NS-Ideologie ist für Schmidl etwa die berühmte Gefängnisszene aus der Wien-Film-Produktion „Heimkehr“ (Premiere 1941), in der Paula Wessely von einer „Heimkehr“ aller Deutschen aus den Ostgebieten schwärmt. Das pathetische Finale ihrer Rede unterlegt Regisseur Gustav Ucicky mit einer Variation aus Haydns „Kaiserquartett“, jener Melodie, die zugleich als „Deutschlandlied“ und „Kaiserhymne“ bekannt ist. Für die Nationalsozialisten die „ideale“ Bündelung österreichischer und deutscher Heimatgefühle.

Man müsse ganz genau darauf achten, wann Szenen wie diese gedreht, geschnitten und schließlich erstaufgeführt wurden, nur dann könne man den zeitgeschichtlichen Kontext erfassen, so Loacker und Schmidl, deren Arbeit auch in eine historisch-kritische Ausgabe wichtiger Partituren münden soll.

Philharmoniker und Sängerknaben musizierten für das Regime

Viele Musiken der Wien-Film wurden übrigens von den Wiener Philharmonikern eingespielt. Gerne engagierte die NS-Produktion aber auch die Wiener Sängerknaben als Kinderdarsteller und Chor. In „Heimkehr“ musizieren gleich beide Aushängeschilder Österreichs.

In den über 60 Dokumentarfilmen, die die Wien-Film produzierte, wird musikalisch übrigens eine aggressivere Gangart eingeschlagen, erklärt Schmidl. Hier wirke der Score überhaupt nicht mehr lieblich, sondern nur noch stramm. Denn nicht einmal die Musik der NS-Filme konnte letztlich die Kluft zwischen Kriegsalltag und der Illusion einer heilen Welt verbergen.