17.08.2018

Wie unsere Ohren mit dem „Cocktailparty-Effekt“ umgehen

Für viele ist es selbstverständlich, für manche eine große Herausforderung: Sich auf einem Fest mit viel Lärm zu unterhalten. Schallforscher/innen der ÖAW versuchen nun herauszufinden, wie das Gehör bei einer Menschenansammlung genau funktioniert und wie Personen mit einer Hörbeeinträchtigung ihre Wahrnehmung trainieren könnten.

Ständig dudelnde Musik, Trauben von Menschen, die sich angeregt unterhalten, lachen und den Kellner zu sich rufen: Auf einer Cocktailparty gibt es viel zu hören. Trotz dieses brodelnden Geräuschteppichs können wir uns mit einzelnen Menschen unterhalten und andere, die direkt neben uns sprechen, fast zur Gänze ausblenden. „Möglich macht das unser Gehirn bzw. unser auditorisches System. Dieses schafft es, die Merkmale, die zu unserem Gesprächspartner gehören, so herauszupicken, dass wir diese Person besser verstehen“, erklärt Piotr Majdak vom Institut für Schallforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Da diese Fähigkeit auf Festen besonders gefragt ist, spricht man in der Fachwelt auch vom „Cocktailparty-Effekt“. 

Voraussetzung dafür ist, so der ÖAW-Forscher, dass wir die Schallquellen räumlich zuordnen können. „Ansonsten könnten wir uns nicht eine Person aus all den möglichen heraussuchen.“ Wie das genau funktioniert – und vor allem: was das Gehirn dabei macht –, versuchen Majdak und ein Team aus slowakischen und US-amerikanischen Wissenschaftler/innen in einem von der EU geförderten Horizon 2020-Projekt herauszufinden. „Wir können inzwischen relativ gut beschreiben, was im Innenohr passiert, danach wird es schwierig.“

Fremde Ohren hören anders

Um der Erklärung, wie Menschen Geräusche räumlich zuordnen, ein Stück näher zu kommen, haben die Wiener Forscher/innen im Labor des ÖAW-Instituts einen Torbogen aus dutzenden Lautsprechern aufgebaut. Die Aufgabe: Jeder Lautsprecher spielt abwechselnd einen Ton ab, den Proband/innen mit einem Fingerzeig zuordnen müssen. Messgeräte am Ohr zeichnen dabei auf, welche Frequenzen am Ohr ankommen. „Wie sich zeigt, sieht ein Schnipsen von hinten bei jedem Menschen anders aus“, erklärt Majdak.

 

 

Denn je nachdem, wie die Ohrmuscheln geformt und Kopf sowie Körper gebaut sind, ergibt sich am Ohr ein individueller Mix aus hohen und tiefen Frequenzen. Das eigene Ohr wirkt dabei wie ein Filter: „Hinten“ klingt demnach bei manchen tiefer als bei anderen. Auf diese Weise haben Menschen ihr jeweils eigenes Ortungssystem entwickelt, mit dem sie sich etwa durch ein Partygetümmel navigieren. Majdak: „Würden Sie mit meinen Ohren hören, hätten Sie also Probleme, dem Schnipsen eine räumliche Position zuzuordnen.“ Zwar kann man sich daran gewöhnen, jedoch würde es einige Wochen dauern, bis man mit „fremden Ohren“ genauso Geräusche lokalisieren könnte, wie mit den eigenen.

Kopf oder Umgebung

Allerdings: Es braucht keinen „Ohrentausch“, um das eigene Ortungssystem durcheinander zu bringen. Es reicht schon eine kleine Veränderung an den Filtern. „Anstatt das Geräusch dann irgendwo im Raum wahrzunehmen, ertönt es im Kopf“, so der Schallforscher. Etwas, das viele vom Musikhören mit Kopfhörern kennen. Auch hier ertönt die Band nicht wie in einem Konzert etwa vor einem. „Wir glauben, das hängt damit zusammen, dass wir unsere Umgebung auf eine bestimmte Art wahrnehmen. Wenn die akustischen Merkmale diese Erwartung an die Realitätswahrnehmung nicht erfüllen, kann sich unser auditorisches System nicht mehr entscheiden, wie weit etwas entfernt ist oder aus welcher Richtung es kommt. Es schließt also daraus, dass es im Kopf sein muss.“

Aktuell suchen die Forscher/innen nach dem Baustein, der diese Veränderung verursacht und eruieren konkret, welchen Teil eines akustischen Signals das Gehirn verwendet, um ein Geräusch der Umgebung oder dem Kopf zuzuschreiben. „Es ist sehr schwer zu erforschen, denn es reicht nicht, nur unterschiedliche Töne abzuspielen und zu fragen, ob das im Kopf oder außerhalb war.“ Um eine objektive Aussage treffen zu können, nutzen die ÖAW-Schallforscher/innen unter der Leitung von Majdaks Kollegen Robert Baumgartner zusätzlich EEGs, um anhand der Gehirnströme sagen zu können, ob die Person den Ton tatsächlich innerhalb wahrgenommen hat oder es nur glaubt. Durch den Vergleich erhoffen sich die Wissenschaftler/innen dann genaue Aussagen über den Mechanismus treffen zu können.

Training für Hörbeeinträchtigte

Dahinter steht letztlich nicht nur das Ziel, den „Cocktailparty-Effekt“ besser zu verstehen, sondern auch eine Möglichkeit zu finden, diesen gezielt zu trainieren. „Es gibt Menschen, die schlechter hören und dadurch einem Gespräch auf einer Party kaum folgen können, weil sie Geräusche weniger gezielt zuordnen können. Es bleibt für sie nur ein Einheitsbrei an Geräuschen.“ Dass sich das Ortungssystem trainieren lässt, haben Majdak und sein Team bereits gezeigt. Um aber gezielte Trainings durchführen zu können, braucht es noch mehr Informationen. Der Schallforscher ist aber zuversichtlich, dass gemeinsam mit den internationalen Kolleg/innen bereits im nächsten Jahr einen erster Lern-Prototyp entwickelt werden kann.