22.02.2019

Von Smart Cities zu smarten Alpen

Kunstschnee, Skilifte, Staus in der Urlaubszeit – besonders in der Hochsaison haben Wintersportorte einen hohen Energieverbrauch. Gebirgsforscher/innen der ÖAW suchen nun nach Strategien, wie sich in drei alpinen Tourismuszentren der Ausstoß von CO2 reduzieren lässt.

Viele Orte in den Alpen sind auf den Wintertourismus angewiesen. Gleichzeitig ist Wintersport nicht klimaneutral. Die Beschneiung von Pisten, die Nutzung von Skiliften, Hotelanlagen oder Verkehr – all das benötigt Energie und belastet damit die Umwelt. Wie also können Tourismusorte nachhaltiger werden?

Diese Frage steht im Zentrum von „Smart Altitude“, einem neuen Projekt von Wissenschaftler/innen des Instituts für interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und zehn weiteren Partnern aus dem Alpenraum. Sie wollen gemeinsam herausfinden, wie sich Strategien zur Reduktion von CO2-Emissionen in Wintertourismusregionen umsetzen lassen.

Ihr aktuelles Forschungsprojekt heißt „Smart Altitude“. Worum geht es dabei?

Andreas Haller: Wir möchten gemeinsam mit zehn Projektpartnern aus sechs Alpenländern bestehende technische Ansätze zum Sparen von Energie und der Reduktion von Treibhausgasemissionen in drei ausgewählten Zentren des alpinen Wintertourismus anpassen und testen. Diese Orte sind Les Orres in Frankreich, Madonna di Campiglio in Italien und Krvavec in Slowenien. Während die Vision von „smarten“ Städten schon länger besteht, gibt es bei Tourismusorten noch Bedarf an angewandter Forschung. Das Projekt wird im Rahmen des Alpenraumprogramms vom Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung kofinanziert und von der Gemeinde Les Orres selbst geleitet. Die Zusammenarbeit von wissenschaftlichen Institutionen, Gemeinden und Regionalentwicklungsagenturen sowie Skigebietsbetreibern macht den Reiz des Projekts aus. Das Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der ÖAW bringt dabei seine Kompetenz in der Entwicklung von internetbasierten Geographischen Informationssystemen ein.
 

Während die Vision von „smarten“ Städten schon länger besteht, gibt es bei Tourismusorten noch Bedarf an angewandter Forschung.


Was ist eigentlich mit Smart Cities gemeint? Und warum sollten auch alpine Siedlungsräume „smart“ werden?

Annemarie Poldermann: In der Diskussion um Smart Cities geht es im Großen und Ganzen um die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien für die „Optimierung“ von Städten. Mithilfe vernetzter Infrastruktur sollen zum Beispiel der Verkehr, das Energiemanagement oder die Verwaltung effizienter gestaltet und so ein Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung geleistet werden. Man sieht schon, dass dem Konzept ein modernistisches Denken und der Glaube an den technischen Fortschritt zu Grunde liegen – was durchaus auch kritisch gesehen werden soll. Fragen des Datenschutzes und die Angst vor dem „gläsernen Bürger“ sind sehr aktuell. Skiresorts in den Alpen sind heute überwiegend urbane Siedlungen, zumindest in der Hochsaison. Die Belastung durch erhöhtes Verkehrsaufkommen und der Energieverbrauch, um Beispiele zu nennen, sind dementsprechend auch dort sehr hoch.

Bleiben wir kurz beim hohen Energieverbrauch. Wodurch wird der bei Skiressorts verursacht?

Haller: Zum Beispiel durch die Beschneiung mit Kunstschnee, die Präparation von Pisten oder den Betrieb von Seilbahnen. Das verursacht hohe Kosten. Gleichzeitig gibt es aber vielerorts Potenzial, lokale Quellen erneuerbarer Energien besser zu nutzen, um Treibhausgasemissionen zu senken.

Sind die von Ihnen untersuchten Tourismusorte miteinander vergleichbar?

Haller: Die Tourismuszentren sind durchaus unterschiedlich, daher bin ich gespannt darauf, wie die Umsetzung unserer Vorhaben funktionieren wird. Les Orres ist zum Beispiel eine geplante, 1970 eröffnete Skistation, die stark zentralistisch verwaltet wird. Demgegenüber liegt der Ursprung von Madonna di Campiglio als Tourismuszentrum schon in Zeiten der österreichisch-ungarischen Monarchie, und der Ort ist anders strukturiert als französische Skistationen; noch mehr trifft das auf das slowenische Krvavec zu. 
 

Skiresorts in den Alpen sind heute überwiegend urbane Siedlungen. Die Belastung durch erhöhtes Verkehrsaufkommen und der Energieverbrauch sind dementsprechend hoch.


Warum sind Wintersportregionen nicht schon längst nachhaltig, zum Beispiel bei der Nutzung von Energie?

Poldermann: Gemeinsam mit unseren Projektpartnern haben wir vier Herausforderungen identifiziert, die eine Umsetzung von Strategien zur Reduktion von Treibhausgasen in Skigebieten negativ beeinflussen. Dazu zählen zunächst Hindernisse für Investitionen zur Energiewende in den Wintertourismusregionen, aber auch raumstrukturelle Inhomogenität, unterschiedliche Steuerungsmodelle zwischen öffentlichen und privaten Akteuren sowie Hürden bei der Bewertung des erheblichen Potenzials für die Anwendung von CO2-armen Lösungen in der Wintertourismusbranche. Unser Ziel ist es, Entscheidungsträger/innen und Stakeholdern ein Planungstool für Wintertourismusregionen zur Verfügung zu stellen, damit ihre Fähigkeit zur Umsetzung von Strategien für eine nachhaltigere Energienutzung erhöht wird.

Die Alpen gehören zu mehreren Ländern. Auch Ihr Projekt ist international aufgestellt. Welche Vorteile hat das für die Forschungsarbeit?

Haller: Das Alpenraumprogramm unterstützt die Zusammenarbeit von Projektpartnern aus möglichst vielen Alpenländern. Das erweitert unseren Horizont und führt uns vor Augen, wie vielfältig der Alpenbogen ist und welch ein spannendes Forschungsobjekt wir vor der Haustüre haben.