03.07.2020

Manche trifft die Krise härter

Lockdown, Social Distancing, Angst vor Ansteckung: Die Coronapandemie lässt die Stresswerte der Menschen steigen, sagt Psychologe und ÖAW-Mitglied Claus Lamm. Doch nicht alle trifft die psychische Belastung gleichermaßen. Manche Menschen leiden stärker unter der Krise. Die gute Nachricht: Die Solidarität mit Schwächeren hat zugenommen.

Menschen mit Mund-Nasen-Schutz beim Betreten einer U-Bahn. © Unsplash/Bechir Kaddech
Menschen sind soziale Wesen. Abstand zu anderen halten ist für die Psyche belastend. © Unsplash/Bechir Kaddech

Wir Menschen sind soziale Wesen. „Wenn wir aber physischen Abstand zu anderen halten müssen und das Haus eigentlich nicht mehr verlassen sollen, stellt das eine enorme Herausforderung dar“, sagt der Psychologe Claus Lamm. Untersuchungen zeigen daher auch, dass die Stresswerte allgemein gestiegen sind. Doch die Krise belastet nicht alle gleichermaßen. „Man muss danach fragen, wie sie sich auf einzelne Subgruppen auswirkt. Und danach, welche besondere Unterstützung es für jene braucht, die die Krise härter trifft“, so Lamm, der am Institut für Psychologie der Kognition, Emotion und Methoden der Universität Wien forscht und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ist.

Im Interview erklärt er, warum wir lieber von Physical Distancing als von Social Distancing sprechen sollten, wie man mit dem Gefühl der Angst umgehen kann und wie wir vom Alarmzustand „runterkommen“ können.

Ausnahmezustand, Lockdown, Isolation.  Was interessiert Sie wissenschaftlich an der Coronakrise?

Claus Lamm: Mich interessiert daran, wie der Mensch darauf reagiert, wenn sein übliches soziales Unterstützungsnetzwerk temporär nicht existent ist. Wir haben insbesondere im Lookdown Studien zum Thema Stress, Stimmung und Anpassung im Sozialverhalten gemacht. Denn: Wie viele andere Säugetiere sind auch wir Menschen von sozialem und physischem Kontakt abhängig – das gilt vom Kleinkind bis ins hohe Alter. Wenn wir aber physischen Abstand zu anderen halten müssen und das Haus eigentlich nicht mehr verlassen sollen, stellt das eine enorme Herausforderung für uns als soziale Wesen dar.

Was haben Sie bisher herausgefunden?

Lamm: In unserer Studie haben wir u.a. gesehen, dass Menschen mit psychischen Vorbelastungen, etwa mit Depressionen oder Schizophrenie, sich ganz besonders schlecht an solche Situationen anpassen können. Zur Angst, die ohnehin alle in dieser Ausnahmesituation haben, kommt hier noch eine zusätzliche Vulnerabilität hinzu.

Menschen mit psychischen Vorbelastungen, etwa mit Depressionen oder Schizophrenie, können sich ganz besonders schlecht an solche Situationen anpassen.

Und wie reagieren Menschen ohne Vorerkrankungen auf diese Ausnahmesituation?

Lamm: Generell sind die Stresswerte gestiegen. Allerdings nicht in einem Ausmaß, das dem medial kommunizierten Allgemeinbild entsprechen würde. Eine Vielzahl an Studien zeigt, dass es davon abhängig ist, welche finanziellen, mentalen, intellektuellen und sonstigen Ressourcen zur Verfügung stehen, um mit einer derartigen Situation gut zurecht zu kommen.

Ein Beispiel, bitte.

Lamm: Die Schule wäre eines. Studien von Kolleginnen und Kollegen haben gezeigt, dass der Großteil der Schüler und Schülerinnen sehr wohl mit der Umstellung zum Online-Teaching umgehen konnte. Für manche war es sogar positiv, weil es zielgerichteter war. Manche haben dadurch Freiheiten gewonnen, die sie für sich nutzen konnten. Andere wiederum haben sehr darunter gelitten, etwa jene, die nicht über die technische Ausstattung verfügen, oder die auf engem Raum mit vielen anderen Familienmitgliedern leben müssen. Man kann und sollte also nicht fragen, wie sich eine derartige Krise allgemein auf die Bevölkerung auswirkt, sondern muss eher danach fragen, wie sie sich auf einzelne Subgruppen auswirkt. Und danach, welche besondere Unterstützung es für jene braucht, die die Krise härter trifft.

Der beste Umgang mit der Angst ist es, ihr einen Namen zu geben und sie nicht zu verleugnen, denn damit ist sie auch bearbeitbar. Es geht also um die bewusste Betrachtung.

Stichwort: Emotionale Ansteckung. Wenn man spürt, dass alle rundherum Angst haben, lässt man sich auch anstecken. Wie kann man dem entkommen?

Lamm: Der beste Umgang mit der Angst ist es, ihr einen Namen zu geben und sie nicht zu verleugnen, denn damit ist sie auch bearbeitbar. Es geht also um die bewusste Betrachtung. Was genau macht mir Angst? Ist diese Angst berechtigt? Um welche spezifischen Ängste geht es eigentlich? Am Anfang ging es sehr stark um Ansteckung und gesundheitliche Ängste. Mittlerweile geht es um Arbeitsplatzverlust und ökonomischen sowie sozialen Abstieg. Das ist für manche vielleicht eine größere Belastung als das Virus selbst – aber auch eine, mit der wir mehr Erfahrung haben.

Gibt es auch positive Seiten an diesem Gefühl der Angst?

Lamm: Angst hat kein moralisches Label, sie ist weder schlecht noch gut. Angst ist nicht das, was man nicht haben soll, sondern es ist eine Wahrnehmung. In diesem Fall ein wichtiges Signal, um Ressourcen zu mobilisieren. Übersetzt auf den Gesundheitsbereich heißt das, darauf zu schauen, wie ich mich schützen kann, damit die Angst vor Ansteckung zurückgeht. Sei das durch Mundschutz, Händewaschen, Abstand halten.

In unseren Studien haben wir gesehen, dass das prosoziale Verhalten und die Solidarität in der Zeit des Lockdowns zugenommen haben.

Wichtig ist, dass man sich nicht in Anpassungsreaktionen hineinbegibt, die dann die eigene Lebensqualität negativ beeinflussen. Denn: Das bringt jede Menge anderer Probleme mit sich, etwa Vereinsamung, physische und psychische Probleme, aus denen sich dann eine Angststörung entwickeln kann. Wird die Angst so dominant, dass das Leben nicht mehr ohne Einschränkungen weitergeführt werden kann, wäre die Ansteckung mit dem Virus möglicherweise das geringere Übel gewesen.

Die Menschen haben sich aber nicht nur ins Private zurückgezogen, oder?

Lamm: In unseren Studien haben wir gesehen, dass das prosoziale Verhalten und die Solidarität in der Zeit des Lockdowns zugenommen haben. Durch die Wahrnehmung der kollektiven Bedrohung und auch dessen, dass man möglicherweise nicht selbst zur Hochrisikogruppe gehört, ist es zu einer Art Gegenreaktion gekommen. Zwar mussten sich die Menschen ins Private zurückziehen, sie haben dabei aber darüber nachgedacht, was sie tun können, um anderen zu helfen: zum Beispiel für sie einkaufen zu gehen oder zu spenden. Diese Kompensationsleistung als Möglichkeit, um mit dieser Belastungssituation umzugehen, ist aus Sicht der Psychologie und Verhaltenswissenschaft sehr interessant.

Ist Social Distancing aus Sicht des Sozialpsychologen ein eher unglückliches Framing? Sollte man besser Physical Distancing sagen?

Lamm: Ja. Die Terminologie Social Distancing ist verbunden mit der Handlungsanleitung, soziale Distanz aufzubauen. Stattdessen geht es aber um die physische Distanz. Denn: Personen, denen es während des Lockdowns gelungen ist, über Videotelefonie Kontakt mit anderen zu halten, zeigen geringere Stresswerte. Das bestätigen unsere sowie etliche andere Forschungsergebnisse.

Derzeit ist viel Erschöpfung spürbar. Eine normale Reaktion nach einem Ausnahmezustand wie diesem?

Lamm: Ja. Rein körperlich betrachtet, wird das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet, wenn ich eine Belastung wahrnehme. Durch die ständige Gegenwärtigkeit in den Medien, konnte man sich dem Thema Corona nicht entziehen. Das körpereigene Stresssystem war damit permanent aktiviert, also eine tonische Aktivierung. Aber: Stress ist nichts Schlechtes, sondern einfach eine Reaktion des Körpers, mit einer besonderen Belastung besser umgehen zu können. Das Entscheidende ist, dass die physiologische Stressreaktion, also u.a. die Cortisolausschüttung irgendwann wieder nach unten reguliert wird.

Es geht um die physische Distanz. Denn: Personen, denen es während des Lockdowns gelungen ist, über Videotelefonie Kontakt mit anderen zu halten, zeigen geringere Stresswerte.

Wenn man aber über mehrere Wochen permanent auf einem hohen Cortisol-Level ist, dann ist es normal, dass man mal eine Pause benötigt, damit sich nicht permanente Erschöpfung einstellt. Zudem kann permanent erhöhtes Cortisol auch negative Auswirkungen auf die neuronale Kommunikation, also direkt auf das Gehirn, haben. Die Fähigkeit für sich Orte und Strukturen zu schaffen, um im tatsächlichen Sinn des Wortes „runterzukommen“ – von einer Daueraktivierung und einem Alarmzustand – ist wiederum eine Begleiterscheinung der Resilienz. Weniger resiliente Personen sind weniger gut in der Lage sich anzupassen und umzuorientieren, wie sie die Belastungen mit den ihnen vorhandenen oder durch die Eröffnung neuer Ressourcen bewältigen zu können.

 

AUF EINEN BLICK

Claus Lamm ist Professor für Biologische Psychologie an der Fakultät für Psychologie der Universität Wien. Er ist korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Träger des Elisabeth Lutz-Preises der ÖAW.

 


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