12.06.2020

Klimaspiel: Vom Umweltaktivisten zum Immobilienhai

Das Vienna Climate Game soll das Verhalten von Akteuren in der heimischen Klimapolitik nachvollziehbar machen. Es ist eines von drei Projekten, die von der ÖAW im Programm „Klimawandel: Leben mit den Folgen in einer Metropolregion wie Wien“ gefördert werden.

© Unsplash/Markus Spiske

Beginnen wir mit einem Gedankenspiel: Stellen Sie sich vor, Sie sind ein/e engagierte/r Umweltaktivist/in, der oder die plötzlich durch eine Erbschaft in den Besitz von mehreren Zinshäusern kommt. Stellen Sie sich weiters vor, dass die Stadt Wien kurz darauf plant, neue Gesetze zu beschließen, nach denen bei allen Häusern die Dämmung zu verbessern und die Art der Energiegewinnung auf Erdwärme umzustellen ist. Wie würden Sie reagieren?

Klimapolitik für junge Menschen

Gute Frage? In andere Rollen zu schlüpfen, um die Akteur/innen der aktuellen Klimapolitik und deren Entscheidungen besser nachvollziehen zu können – diese Idee steckt hinter der Entwicklung des Vienna Climate Game. „Wir wollen mehr darüber wissen, was junge Menschen in Wien über die Klimaproblematik und die daraus resultierenden Handlungen denken. Immerhin sind sie die Hauptbetroffenen der heutigen Klimapolitik“, erklärt Sarah Nash vom Institut für Wald-, Umwelt- und Ressourcenpolitik an der Universität für Bodenkultur. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Helga Pülzl arbeitet sie derzeit an dem vom Jubiläumsfonds der Stadt Wien für die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) geförderten Projekt.

Gespielt werden soll das Vienna Climate Game mit Schüler/innen in Wien. Das in Entwicklung befindliche Spiel - nach derzeitigem Planungsstand ein Kartenspiel - soll leicht verständlich sein und überall und ohne technische Voraussetzungen gespielt werden können, ob im Unterricht, im Park oder daheim. „Beim Vienna Climate Game geht es nicht darum, Wissen zu vermitteln oder aufzuklären. Wir wollen dazu beitragen, dass sich Schülerinnen und Schüler kritisch mit den auf die Klimapolitik wirkenden Interessen, Ressourcen und Machtpositionen auseinandersetzen. Viele engagierte junge Menschen verstehen ja derzeit nicht, warum die so genannten Erwachsenen nicht oder nur sehr langsam die ‚richtigen‘ Entscheidungen treffen, wo diese in punkto Klimapolitik ja so offensichtlich auf der Hand liegen würden“, erläutert Helga Pülzl.

Rollenspiel: Wissenschaftlerin oder Klimawandelleugner

So können die Schüler/innen aus Unter- und Oberstufenklassen also zum Beispiel in die Rolle eines Bürgermeisters oder einer Unternehmenschefin schlüpfen, sie können als Wissenschaftlerin oder als den Klimawandel leugnender Schüler auftreten. In das Spiel eingebaute Krisen und Systemdynamiken wirbeln die ursprünglichen Rollen durcheinander und sorgen für Unruhe, sodass die Teilnehmenden in neue Rollen schlüpfen und fortan deren Interessen und Werte verteidigen müssen. „Diese Veränderungsprozesse werden wir dokumentieren und mittels Fragebögen herausfinden, wie dadurch die Werte der Schülerinnen und Schüler beeinflusst werden“, erläutert Sarah Nash.

Ziel des Spiels ist es, durch Verhandlungen einen gemeinsamen Klimaaktionsplan für die kommenden zehn Jahre aufzustellen. „Gewonnen hat, wer sich mit seinen Positionen und Inhalten am stärksten in den Klimaaktionsplan eingebracht hat. Das schafft man aber natürlich nur, wenn man zu einem gewissen Grad mit den anderen Akteuren kooperiert“, betont Helga Pülzl. Dadurch eigne sich das auf Politik- und Verhandlungstheorien fußende Spiel auch zum besseren Verständnis von Politik im Allgemeinen.

Erfahrungen des Klimaspiels für Politikberatung

Das erste Feedback von Lehrer/innen in der aktuellen Entwicklungsphase fiel positiv aus, die ersten Prototypen sollen im Herbst 2020 zum Einsatz kommen. „Als Wissenschaftlerinnen sind wir natürlich immer daran interessiert, Publikationen und Bücher zu veröffentlichen. Das Vienna Climate Game geht jedoch darüber hinaus, weil wir das Spiel so aufbauen, dass es auch nach Ende des Projektzeitraums und somit unabhängig von uns spielbar sein wird. Und weil wir hoffen, dass die Politik mit unserem aus dem Projekt resultierenden Policy-Papier etwas anfangen kann“, definiert Sarah Nash die Zielsetzung. Auf diese Weise soll das Spiel eine Brücke schlagen zwischen heutigen Entscheidungsträger/innen und den Wähler/innen von morgen.

Und natürlich können und sollen in einem weiteren Schritt auch andere Zielgruppen das Vienna Climate Game spielen können, von Politiker/innen bis hin zu Pensionist/innen. Und so auch mal in die Haut des Zinshausbesitzers schlüpfen, der vor der Gewissensfrage steht, ob man nun eine teure klimaschonende Maßnahme umsetzen soll oder nicht.

 

AUF EINEN BLICK

Das Vienna Climate Game wird von Helga Pülzl und Sarah Nash an der Universität für Bodenkultur Wien entwickelt. Es ist eines von drei Projekten, die sich in einem kompetitiven Wettbewerb zum Thema „Klimawandel: Leben mit den Folgen in einer Metropolregion wie Wien“ durchsetzen konnten und nun ein Jahr lang vom Jubiläumsfonds er Stadt Wien für die ÖAW gefördert werden.

Die geförderten Projekte im Überblick

 


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