09.07.2018

Hyksos waren keine friedlichen Herrscher

Das ERC-Projekt „The Enigma of the Hyksos“ stellt neue Thesen zu Herkunft, Aufstieg und Niedergang jener asiatischen Dynastie auf, die im 2. vorchristlichen Jahrtausend Ägypten regierte.

Archäologie hat viel mit Kriminalistik gemein. Spuren werden gesichert und gedeutet, detektivisch sind die Methoden der Auswertung von Hinweisen, und oft genug müssen einmal aufgestellte Hypothesen wieder umgeworfen werden. Das „Rätsel der Hyksos“ ist also ein treffender Titel für das vom Europäischen Forschungsrat ERC geförderte Projekt, mit dem Manfred Bietak und sein Team von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) den immer noch offenen Fragen zu den „Herrschern der Fremdländer“ nachgehen, einer Gruppe von asiatischen Einwanderern im Nildelta, die am Ende des Mittleren Reichs im alten Ägypten zwischen 1650 und 1530 v.Chr. an die Macht gelangten. Wer waren sie? Warum kamen sie und woher genau stammten sie? Wie bildete sich die Regierungselite und warum verschwand sie wieder?

Bietak kennt das Nildelta wie seine Westentasche, er hat die wichtige Grabungsstätte in Tell el-Dabʿa, der einstigen Hauptstadt der Hyksoskönige, aufgebaut, zwischen 1966 bis 2009 sowie im Jahr 2011 war er dort Grabungsleiter. Der ERC Advanced Grant, den er 2016 nach seiner Emeritierung einwarb, eröffnete ihm und seinem zehnköpfigen, internationalen Forschungsteam in Kooperation mit der Bournemouth University neue Möglichkeiten der Spurensuche. Migrationsbewegungen, „kulturelle Matrix“, multiethnisches Zusammenleben und Siedlungsstrukturen können bei den neuen Untersuchungen zu den Hyksos nun ebenso berücksichtigt werden wie bioarchäologische Befunde von Menschen- und Tierwelt.

Herrscher der Fremdländer

„Ein friedliches Völkchen waren die Hyksos nicht, zumindest nicht, als sie in eine Krise gerieten und alles plünderten, was ihnen unter die Finger kam“, sagt Bietak. Die vorderasiatischen Volksgruppen, die sich im Nildelta niederließen, kamen zunächst aus wirtschaftlichen, vermutlich aber auch aus klimatischen Gründen, denn um 2200 v. Chr. trat weltweit eine Dürreperiode ein, es wurde kälter und trockener, was die Menschen gen Süden zwang. Eine Wanderung in Richtung der „Fleischtöpfe Ägyptens“ setzte schon vor dem Mittleren Reich, also um die Wende des zweiten Jahrtausends v. Chr. ein. Ab der späten 12. Dynastie, im 19. Jahrhundert v. Chr., kam es zu einer weiteren Einwanderungswelle, die später in der Machtübernahme der Hyksos gipfelte, die in der Folge den Norden Ägyptens kontrollierten. Diese Siedler aus der Levante waren zunächst als Soldaten, Expeditionsleiter, Seeleute, Handelsagenten sowie als Facharbeiter begehrt und beeinflussten mit ihren Kenntnissen die ägyptische Kultur. Sie waren Spezialisten im Schiffsbau, trieben Handel in der gesamten Küstenregion und führten die Pferdezucht ein, was Funde belegen: „Wir haben das älteste Pferd in Ägypten gefunden“, sagt Bietak.

Das Meer reichte damals tiefer als heute ins Nildelta hinein. Das Hyksos-Machtzentrum Tell el-Dabʿa, beziehungsweise Avaris, wie es damals hieß, lag landeinwärts an einem mächtigen Nilarm, nahe der Küste und war mit einer Ausdehnung von 250 Hektar und rund 30.000 Einwohnern die größte Stadt im östlichen Mittelmeerraum. Zunächst lebten die asiatischen Einwanderer zusammen mit Ägyptern unter ägyptischer Regierung, erst als gegen Ende des Mittleren Reichs den ägyptischen Herrschern die zentrale Kontrolle über Ägypten verloren ging, bildeten sich die neuen Eliten heraus: die Hyksos, „Herrscher der Fremdländer“, wie sie sich selbst nannten – ein alter Begriff, den die Ägypter ausländischen Fürsten in Vorderasien und in Nubien gegeben hatten.

Von Nordsyrien und Mesopotamien nach Ägypten

Die Eliten bestimmten, was und wie gebaut wurde. An der Siedlungsstruktur lässt sich ablesen, wann und für wie lange die Hyksos das Ruder in der Hand hatten und wo genau sie herkamen. Dank neuer Erkenntnisse über das Bauwesen wurde es notwendig, eine frühere These über die Herkunft der Hyksos zu revidieren. Denn die Bauweise und Grundrisse der Tempel und Paläste jener Zeit zeigen, dass die Hyksos nicht, wie zunächst angenommen, aus der südlichen Levante stammten, sondern zumindest teilweise aus dem Gebiet des heutigen Libanon. Es müssen jedoch, wie man aufgrund der Tempelgrundrisse, der Grabbräuche sowie der verehrten Götter annehmen kann, Eliten aus Nordsyrien und Mesopotamien beteiligt gewesen sein.

Die Untersuchung der Tempelarchitektur macht nämlich deutlich, dass die im großen Sakralbezirk von Tell el-Dabʿa errichteten Gebäude große Ähnlichkeiten mit religiösen Bauten im Zweistromland aufweisen. Das gilt etwa für den sogenannten Knickachsentempel, der in Nordmesopotamien verbreitet ist und einen Architekturtypus bezeichnet, der vor allem weiblichen Gottheiten gewidmet war. Auf verblüffende Analogien zwischen Tell el-Dabʿa und Mesopotamien stieß auch Silvia Prell, Forscherin in Bietaks Team, beim Studium der Bestattungsbräuche, für die sich eine Herkunft aus dem nordsyrisch-südostanatolischen Raum abzeichnet. Auch die Einführung des bis dahin in Ägypten unbekannten „Schaduf“ weist auf Kontakte mit dem Zweistromland hin, das diese eimerartige Wasserhebevorrichtung schon seit dem 3. Jahrtausend v. Chr. kannte.

Abgeschlagene Hände der Feinde

Die Hyksos waren aber nicht nur als Baumeister hochaktiv, sie trieben auch Handel, unter anderem mit ägyptischen Statuen, die im Mittelmeerraum sehr beliebt waren, und plünderten zu diesem Zweck Tempel und Gräber, etwa im ca. 120 Kilometer südlich gelegenen Memphis. „Ein Viertel bis ein Drittel der königlichen Statuen der 12. Dynastie wurden im östlichen Nildelta gefunden“, erklärt Bietak und ist überzeugt, dass diese Häufung kein Zufall sein kann. Gleichzeitig könnten die Plünderungen aber auch Anzeichen einer Krise gewesen sein.

Die Fundstücke, anhand derer die Forscher/innen ihre Hypothesen aufstellen, sind beeindruckend bis gruselig. So grub man etwa auf einem Altar verkohlte Eicheln aus – ein Hinweis auf eine Baumart, die man im Nildelta eher nicht vermuten würde. Man fand Pferdegräber, paarweise bestattete Esel und vor dem Thronraum des Palasts Gruben mit abgeschlagenen rechten Händen. „Wir glauben, dass die Soldaten sie als Beweisstücke für die Anzahl der erschlagenen Feinde mitbrachten, um sich dann das Ehrengold abzuholen“, erläutert Bietak.

Ein Volk verschwindet

Was genau Krise und Niedergang der Hyksos auslöste, ist noch nicht bekannt. Den offiziellen Thesen, die Hyksos seien vertrieben worden, will Bietak nicht folgen. Die Hyksos verloren ihre Macht, so vermutet er, lebten aber weiter im ganzen Lande verteilt. Einige blieben in Avaris zurück, denn auch die ägyptischen Herrscher des Neuen Reichs benötigten Spezialisten für Handel, Pferdezucht, Schiffbau, Metallurgie und Weberei.

Für ihre Forschungen können Bietak und sein Team auf umfangreiches Material zurückgreifen, um dem Rätsel der Hyksos weiter auf die Spur zu kommen, und im Gegensatz zu den meisten kriminalistischen Fällen gelangen archäologische Detektivgeschichten niemals an ein Ende. Es ist zu erwarten, dass – dank den Mitteln des ERC – ein Kapitel der Menschheitsgeschichte umgeschrieben werden muss. Mit ihren neuen Erkenntnissen über die Herkunft der Hyksos geben sich die Forscher/innen nämlich noch lange nicht zufrieden. Denn es gibt zahlreiche weitere offene Fragen zu den Hyksos und ihrer Zeit.

So geht Bietaks Team auch Migrationsursachen und Migrationsströmen im 2. Jahrtausend v. Chr. auf den Grund, spürt den Hintergründen einer Handels- und Gesundheitskrise im 17. und 16. Jahrhundert v. Chr. nach und untersucht das Spannungsfeld zwischen Akkulturation der Zuwanderer und späterer Rückbesinnung auf eigene asiatische Traditionen. Ein besonderes Anliegen ist auch aufzuzeigen, was die Hyksos Ägypten hinterließen, wie zum Beispiel die Verwendung des Akkadischen in der Brief-Diplomatie. Schließlich sollen eine Siedlungsmorphologie des Vorderen Orients sowie anthropologische und genetische Analysen von Bevölkerungsgruppierungen in der Levante und Nordmesopotamien dabei helfen, den Schleier, der immer noch über diesem rätselhaften Volk liegt, ein weiteres entscheidendes Stück zu lüften.