07.06.2019

„Hier wohnt Herakles“

Von monumentalen Steininschriften bis zu eingeritzten Kritzeleien auf Latrinen – die ÖAW-Forscherinnen Elisabeth Rathmayr und Veronika Scheibelreiter-Gail untersuchen den archäologischen Kontext von antiken Inschriften in Wohnhäusern in Griechenland und im südlichen Balkan.

Wandmalerei an der Fassade eines Hauses auf der griechischen Insel Delos.

Wer antike Inschriften aufmerksam durchliest, kann erstaunliche Entdeckungen machen. In Stein gemeißelte und an Wänden gemalte oder geritzte Botschaften erzählen nicht nur, wer wann wo gewohnt hat. Sie geben auch Auskunft darüber, welche Gottheiten der damalige Hausbewohner verehrte, woher er kam und wie groß sein soziales Netzwerk war. „Durch Inschriften kann man sich dem antiken Menschen annähern“, sagt Elisabeth Rathmayr. Sie ist Archäologin am Institut für Kulturgeschichte der Antike der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Gemeinsam mit Veronika Scheibelreiter-Gail erforscht sie die archäologischen Kontexte von antiken Inschriften im privaten Bereich.

Gefördert vom Wissenschaftsfonds FWF untersuchen die Wiener Archäologinnen rund 1.000 Inschriften, die in ganz genau 216 Wohnhäusern zwischen dem 4. Jahrhundert vor und dem 6. Jahrhundert n. Chr. in Griechenland und im südlichen Balkan angebracht wurden. Wer hat die Inschriften, wann angebracht? Wie lange waren sie zu sehen? Und wer sollte damit erreicht werden? Diese Fragen wurden bisher im privaten Wohnbereich wenig bearbeitet.

Durch Inschriften kann man sich dem antiken Menschen annähern.

„Die meisten Inschriften wurden isoliert behandelt und stehen unzusammenhängend in Museen. Wir versuchen den Kontext wiederherzustellen und recherchieren wie die Inschriften in den Wohnhäusern verwendet wurden“, sagt Veronika Scheibelreiter-Gail. Seit Jahren beschäftigen sich die beiden intensiv mit Epigrafik, also der Inschriftenkunde. Während Rathmayr in Ephesos zu Inschriften auf Skulpturen forschte, widmete sich Scheibelreiter-Gail allen Äußerungen von Schriftlichkeit auf Mosaiken. Denn: „Man kann sehr viel daraus ablesen“.

„Kauft Nachttöpfe, wir haben selbst keine“

So konnten die ÖAW-Forscherinnen zum Beispiel ein rätselhaftes Inschriftenensemble auf einem Mosaikboden eines antiken Wohnhauses der griechischen Hafenstadt Patras erschließen. Zwar waren die Inschriften bereits publiziert, auf den Abbildungen waren allerdings die Schriftzeichen kaum lesbar. Rathmayr und Scheibelreiter-Gail rekonstruierten die Bedeutung der Inschriften: „Kauft Nachttöpfe, wir haben selbst keine“ war da zu lesen oder „Ich vermiete nicht in der Nacht, sondern am Tag!“ und „Geh früh hinaus und fürchte nichts!“. Für die Wissenschaftlerinnen sind das Hinweise, dass es sich hier um eine antike Herberge vermutlich in einem Wohnhaus gehandelt hat.

Die Archäologinnen finden freilich nicht immer ideale Bedingungen vor, wie auf der griechischen Kykladeninsel Delos oder in der mazedonischen Ausgrabungsstätte Stobi. Viele Städte sind heute überbaut wie im Falle von Sparta oder Patras. Hier müssen sie Archive konsultieren oder in Depots und Museen recherchieren.

Graffiti bei Reich und Arm

Generell finden sich Inschriften hauptsächlich in Wohnhäusern der oberen Bevölkerungsschichten. In deren sozialem Umfeld waren Inschriften ebenso wie andere Ausstattungselemente Medien der Selbstdarstellung. Sie waren vorwiegend in den repräsentativen Teilen des Hauses angebracht und richteten sich an die Besucher. Beischriften auf Mosaiken und Wandmalereien, die beispielsweise Theaterszenen, Gladiatorenkämpfe und Wagenrennen zeigen, sind als Reflexe des kulturellen Hintergrundes der Hausbewohner zu verstehen.

Wer das Geld hatte, beauftragte die besten und bekanntesten Künstler

Und dann gab es noch die klassischen Botschaften die im Eingangsbereich Glück bringen und Böses abwenden sollten: „Sei glücklich willkommen“ oder „Hier wohnt Herakles. Nichts Übles soll eintreten!“ stand auf den Türschwellen freigelegter Wohnhäuser. Andere Inschriften auf Mosaiken und Skulpturen nennen den Namen des beauftragten Künstlers. Auf einer in Delos gefundenen Skulptur, die in einem Wohnhaus wiederverwendet wurde, befand sich etwa der Name Praxiteles, einer der bedeutendsten Bildhauer der griechischen Antike. „Wer das Geld hatte, beauftragte die besten und bekanntesten Künstler“, erklärt Rathmayr.

Antike Inschriften erzählen aber nicht nur vom Leben der Reichen. Durch Graffiti, also primär spontane Äußerungen, die auf Wände geritzt oder gekritzelt wurden, werden auch andere Personengruppen sichtbar. Für die Forscherinnen sind sie besonders interessant, viele davon haben sie auf Delos entdeckt. Scheibelreiter-Gail: „Ob Koch oder Sklave, in Graffiti werden die Leute unmittelbar präsent.“ In der archäologischen Forschung wurden Graffiti lange Zeit weniger beachtet, schließlich handelte es sich dabei nicht um eine „hochstehende Epigrafik“. Das habe sich erst in den letzten zwanzig Jahren geändert.

Die Ergebnisse des Forschungsprojekts werden nach Abschluss in einer Monographie und einer Datenbank präsentiert. In einem zweiten Schritt wollen Elisabeth Rathmayr und Veronika Scheibelreiter-Gail ihre Forschungen ausweiten: Nach Griechenland und Südbalkan stehen dann die Türkei und Zypern auf dem Programm.