28.04.2019

GEBILDETE GESELLSCHAFT, LÄNGERES LEBEN

Ein höheres Bildungsniveau innerhalb eines Landes geht mit einer gesteigerten Lebenserwartung der dortigen Gesamtbevölkerung einher. Dies belegt nun eine Studie von Demograph/innen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Die Lebenserwartung hat in den letzten Jahrzehnten weltweit stark zugenommen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Höhere Hygienestandards, moderne Impfstoffe, bessere medizinische Versorgung und erfolgreiche Therapien von Infektionskrankheiten sind nur einige davon. Bisher wenig beachtet ist aber die Frage, inwiefern sich strukturelle Veränderungen in der Bevölkerung auf die Lebenserwartung ausgewirkt haben.

Ein Forschungsteam rund um Marc Luy vom Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat nun untersucht, wie sich Veränderungen in der Bildungsstruktur auf die Lebenserwartung auswirken. Die Studie, an der auch Forscher/innen der Sophia-Universität in Tokio und der Universität La Sapienza in Rom beteiligt waren, wurde im Fachjournal „Genus – Journal of Population Sciences“ veröffentlicht.

Gesamtgesellschaftliche Bildung beeinflusst Lebenserwartung positiv

Für ihre Untersuchung analysierten die Forscher/innen die Entwicklung der Lebenserwartung in den USA, Dänemark und Italien über einen Zeitraum von 20 Jahren (1990/91 bis 2010/2011). Einbezogen wurden alle Männer und Frauen ab 30 Jahren, weil man in diesem Alter von einer abgeschlossenen Ausbildung ausgehen kann. Um die Daten vergleichen zu können, wurden die Personen, basierend auf einer Klassifizierung der UNESCO, in drei Ausbildungsgruppen („primary education“, „lower secondary education“, „upper secondary education“) unterteilt. Der durch die bessere medinzinische Versorgung bewirkte Anstieg der Lebenserwartung, wurde von den Wissenschaftler/innen statistisch isoliert und von den Effekten der sich verändernden Bildungsstruktur getrennt.

Das Ergebnis: Der Anstieg des gesamtgesellschaftlichen Bildungsniveaus, der in allen drei Ländern im Untersuchungszeitraum verzeichnet wurde, hat merklich zur höheren Lebenserwartung beigetragen. So lässt sich in allen drei untersuchten Ländern etwa ein Fünftel der Erhöhung auf die formal angestiegene Bildungsstruktur im jeweiligen Land zurückführen: In Italien zeichnet dieser Effekt des Bildungsgrads für 20 Prozent, in Dänemark für 22 Prozent und in den USA für etwa 18 Prozent des Anstiegs der Lebenserwartung verantwortlich.

Dementsprechend ist in Italien, wo die Lebenserwartung zwischen 1991 und 2011 durchschnittlich um 5,1 Jahre angestiegen ist, rund ein Jahr dieser höheren Lebenserwartung auf die verbesserte Bildungsstruktur des Landes zurückzuführen. Auch in Dänemark (+ 4,2 Jahre zwischen 1991 und 2011) kann man von einem Anstieg von rund einem Jahr aufgrund der verbesserten gesamtgesellschaftlichen Bildungsstruktur ausgehen, in den USA (+ 3,8 Jahre im selben Zeitraum) von etwa einem halben Jahr – der Rest ist auf den Rückgang der Mortalität durch bessere Gesundheitsmaßnahmen zurückzuführen.
  
Auch weniger Gebildete profitieren

„Die Lebenserwartung ist ein äußerst komplexes Maß, das von vielen Faktoren abhängt. Unsere Studie zeigt aber, dass dieses Maß nicht nur die tatsächliche Sterblichkeit der Bevölkerung widerspiegelt, sondern auch die gesamtgesellschaftliche Struktur nach dem Bildungsgrad, der sich seinerseits auf das Sterberisiko jedes einzelnen auswirkt“, sagt Marc Luy, Studien-Erstautor und Demograph an der ÖAW.

Dass die Lebenserwartung beim Individuum mit jedem Jahr in der Ausbildung graduell ansteigt, sei zwar bereits länger bekannt, erklärt Luy: „Neu und überraschend ist aber die Erkenntnis, dass sich der durchschnittliche Bildungsstand eines Landes, also die Zusammensetzung der Bevölkerung nach Bildungsgruppen, derart stark auf die Lebenserwartung der Gesamtbevölkerung auswirkt. Somit kann man Bildungspolitik gewissermaßen auch als Teil der Gesundheitspolitik betrachten.“

Die ÖAW-Studie kann daher auch als Grundlage für weitere Untersuchungen zum Zusammenhang von Bildung und Gesundheit dienen, zum Beispiel zur Frage, ob sich Informationen über Prävention und Therapien in höher gebildeten Gesellschaften über alle Bildungsschichten hinweg besser verbreiten, oder ob es in solchen ein generell stärkeres Bewusstsein für gesunden Lebensstil gibt.