07.10.2019

FÜR DIE ERDE LÄUTEN DIE ALARMGLOCKEN

Wie steht es um die Umsetzung der Agenda 2030? Eine von den Vereinten Nationen eingesetzte Expertengruppe sieht dringend Handlungsbedarf. Über deren aktuellen Warnruf „The Future is Now“ wurde am 15. Oktober an der ÖAW diskutiert. Wolfgang Lutz, ÖAW-Demograph und einer der am UN-Bericht beteiligten Wissenschaftler, erklärt im Interview, wie ein Wandel gelingen kann – und warum dafür auch Druck von der Straße wichtig ist.

© Unsplash/Markus Spiske

Ein gutes Leben für alle Menschen heute und in Zukunft – so könnte man die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen auf einen Nenner bringen. Erstmals in ihrer Geschichte haben die UN nun eine unabhängige Gruppe von 15 Wissenschaftler/innen eingesetzt. Sie sollen vier Jahre nach dem Beschluss der 17 Nachhaltigkeitsziele den Stand der Umsetzung bewerten.

Der Bericht mit dem Titel „The Future is now“ wurde der Generalversammlung kürzlich vorgelegt und zieht eine durchwachsene Bilanz: Die Forscher/innen machen klar, dass unsere derzeitige Lebensweise nicht nachhaltig ist und Fortschritte bedroht sind. Zugleich betonen sie, dass eine Wende noch möglich ist, wenn jetzt gehandelt wird.

Was der Bericht und die Agenda 2030 für Österreich bedeuten, hat eine öffentliche Debatte am 15. Oktober an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien erkundet. ÖAW-Demograph Wolfgang Lutz, Sigrid Stagl von der WU Wien und Martin Gerzabek von der Christian Doppler Gesellschaft diskutierten unter der Moderation von Simone Gingrich, Mitglied der Jungen Akademie der ÖAW, über die Frage, was Wissenschaft und Politik tun können um Österreich nachhaltiger zu machen.              

Wolfgang Lutz – der als einziger Österreicher Teil des 15-köpfigen internationalen Forschungsteams der UN war – im Interview über Fridays for Future, die Rolle der Wissenschaft und die Frage, warum die Zukunft jetzt ist.

Herr Lutz, wie kam es, dass Sie in die Expertengruppe der UN berufen wurden und wie dürfen wir uns die Zusammenarbeit mit Ihren Kolleg/innen vorstellen?

Wolfgang Lutz: Die UN haben die Regierungen ihrer Mitgliedsstaaten aufgefordert, Expert/innen zu nennen. Im Übrigen war es das erste Mal, dass ein solches Gremium extern, also mit von den UN unabhängigen Fachleuten besetzt wurde. Gleichzeitig sollte die Gruppe zahlreiche wissenschaftliche Kompetenzen und auch verschiedene Regionen der Welt abdecken.

In unserem Team waren somit die unterschiedlichsten Zugänge an das Thema der Nachhaltigkeit vertreten. Neben vielen ForscherInnen aus den Umweltwissenschaften war ich einer von wenigen aus dem sozialwissenschaftlichen Bereich. Direkte Treffen der Mitglieder fanden zweimal im Jahr statt. In der Gruppe waren die Herausforderungen der Interdisziplinarität groß und gleichzeitig besonders spannend.
 


Die Agenda 2030 verfolgt insgesamt 17 Ziele für eine nachhaltige globale Entwicklung. Die Transformation soll gleichzeitig auf ökonomischer, sozialer und ökologischer Ebene stattfinden. In welchem Bereich sehen Sie die größte Herausforderung?

Lutz: Natürlich sind alle Bereiche untrennbar miteinander verbunden. Jedes der 17 ausformulierten Nachhaltigkeitsziele ist für sich sinnvoll, scheint aber schnell einem anderen zu widersprechen. Als Beispiel möchte ich die Ernährungssicherheit und Landwirtschaft nennen, die meist mit einem Verlust an Naturraum einhergehen. Versucht man ein Ziel zu erreichen, entfernt man sich vom nächsten. An anderen Stellen treten dafür starke Synergien auf. Diese müssen wir klug und effizient nutzen.

Viele Entwicklungen geschehen viel zu langsam oder laufen sogar in die falsche Richtung. Besonders kritisch ist der Verlust von Biodiversität.

Seit der Verabschiedung der Agenda 2030 sind nun bereits vier Jahre vergangen. Welche Zwischenbilanz lässt sich ziehen?

Lutz: Wir haben uns darauf geeinigt, dass die erste Botschaft des Berichts ein Läuten der Alarmglocken sein sollte. Viele Entwicklungen geschehen viel zu langsam oder laufen sogar in die falsche Richtung. Als ganz besonders kritisch betrachten wir die Situation beim Verlust an Biodiversität. Hier sind die Auswirkungen leider weniger anschaulich als beispielsweise bei der Erderwärmung. Auch die Ungleichheit der Menschen steigt weiter in einem dramatischen Ausmaß, und zwar insbesondere innerhalb einzelner Länder.

Nicht alle Länder und Regionen der Welt starten am gleichen Punkt. Gibt es eine Standardlösung für nachhaltige Entwicklung?

Lutz: Die globalen Unterschiede bei Wirtschaftswachstum und sozialer Gerechtigkeit, aber auch beim Verbrauch von Ressourcen oder dem CO2-Ausstoß sind enorm. Entwicklungsländer werden weiterhin höhere Wachstumsraten benötigen, um Infrastruktur, Technologien und soziale Dienste aufzubauen. Die bereits industrialisierte Welt muss hingegen ihren Verbrauch von fossilen Energien und Plastik reduzieren.

Bildung führt immer zu mehr sozialer Gerechtigkeit, besserer Gesundheit und letztlich auch mehr Wohlstand.

Obwohl wir immer global denken und lokal handeln sollten, gibt es auch Prioritäten, die überall als Grundvoraussetzungen für eine nachhaltige Entwicklung gelten können. Ich möchte betonen, dass Bildung immer zu mehr sozialer Gerechtigkeit, besserer Gesundheit und letztlich auch mehr Wohlstand führt. Die Welt hat schon schöne Erfolgsgeschichten geschrieben. Beispielsweise verdanken kleine Länder wie Singapur oder Mauritius, aber auch das große China ihren Aufstieg weitsichtigen Investitionen in das sogenannte Humankapital.

Ban-Ki-Moon hat einmal gesagt: „Gleichheit für Frauen bedeutet Fortschritt für alle“. Wie wichtig ist Geschlechtergerechtigkeit für die nachhaltige Transformation?

Lutz: Gerechtigkeit ist ein ganz zentraler Anspruch der Nachhaltigkeit und sollte weltweit die Position benachteiligter Bevölkerungsgruppen, vor allem aber jene von Frauen in der Gesellschaft stärken. Bildung ist auch hier einer der wichtigsten Schlüssel. Wo der Ausbildungsstand steigt, nimmt der Wohlstand zu, auch weil die Geburtenrate auf ein nachhaltiges Niveau sinkt. Im Übrigen halte ich fest, dass sich Frauen in der westlichen Welt die meisten ihrer Rechte selbst erkämpft haben. Viel wurde ihnen nicht geschenkt.

Sie sind Demograph. Im Jahr 2030 wird die Weltbevölkerung auf etwa 8,5 Milliarden Menschen angewachsen sein. Gleichzeitig wird damit spekuliert, dass sie ab etwa 2070 wieder schrumpfen könnte. Kann das die Lösung unserer Probleme bedeuten?

Lutz: Nein. Wir können nicht warten und müssen sofort handeln. Positive wie negative Effekte treten oft mit großer Zeitverzögerung ein. Wenn die Menschen heute in nachhaltige Transformationen investieren, werden viele Resultate erst späteren Generationen zugutekommen.

Anders gesagt: Die Zukunft ist jetzt?

Lutz: Absolut, „The Future is now!“. Diesen Titel für unseren Nachhaltigkeitsbericht zur Überprüfung der Agenda 2030 haben wir nicht zufällig gewählt.

Die Politik muss starke Rahmenbedingungen und gesetzliche Grundlagen schaffen. Es kann zum Beispiel keinen Zweifel an der Sinnhaftigkeit einer CO2-Steuer geben.

Die Ziele einer nachhaltigen Entwicklung können nur durch große Anstrengungen und einen starken politischen Willen erreicht werden. Angesichts diplomatischer Blockaden scheinen aktuell selbst die UN auf privatwirtschaftliche Initiativen und Partnerschaften zu setzen. Kann der Markt das Problem regeln?

Lutz: Die Politik muss in jedem Fall starke Rahmenbedingungen und gesetzliche Grundlagen schaffen. Es kann zum Beispiel keinen Zweifel an der Sinnhaftigkeit einer CO2-Steuer geben. Die Kosten für verursachte Klimafolgen müssen durch ein deutliches Preissignal kommuniziert werden. Der Markt legt das dann schon um. Dass die Belastung für Haushalte sozial abgefedert werden sollte, steht für mich dabei außer Frage. Genauso wie übrigens die Notwendigkeit, klimaschädliche Subventionen abzubauen.

Vor Kurzem gingen beim weltweiten „Earth Strike“ auch in Österreich Zehntausende auf die Straße, um gegen die Untätigkeit der Politik zu demonstrieren. Haben Sie Verständnis dafür, dass insbesondere jungen Menschen die Geduld ausgeht?

Lutz: Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse für die Notwendigkeit einer nachhaltigen Transformation liegen seit bald 30 Jahren auf dem Tisch. Die Geschichte zeigt, dass die Politik oft einmal Druck von der Straße braucht, um ihr kurzfristiges Denken und Handeln zu hinterfragen. Die „Fridays for Future“-Bewegung sollte uns allen Hoffnung geben.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse liegen seit 30 Jahren auf dem Tisch. Die „Fridays for Future“-Bewegung sollte uns allen Hoffnung geben.

Wie sehen Sie Ihre Rolle als Wissenschaftler?

Lutz: Wissenschaft muss unabhängig bleiben und ihre beratende Funktion verantwortungsvoll erfüllen. Die Herausforderungen der nachhaltigen Entwicklung sollten in den Mittelpunkt vieler Forschungsbereiche rücken. Dies erfordert eine gute Vernetzung und verstärktes interdisziplinäres Denken. Gerade die Österreichische Akademie der Wissenschaften trägt dabei eine große Verantwortung und kann eine entscheidende Rolle spielen.

 

AUF EINEN BLICK

Wolfgang Lutz leitet das Vienna Institute of Demography der ÖAW, das Institut für Demografie der Universität Wien und das World Population Program am IIASA. Im Jahr 2010 erhielt er den Wittgenstein-Preis des FWF. Er ist u.a. Mitglied der ÖAW und der U.S. National Academy of Sciences.

Der Bericht zum Fortschritt der UN Agenda 2030 kann in zahlreichen Sprachen nachgelesen und heruntergeladen werden. Weiterführende Informationen zu den 17 Nachhaltigkeitszielen und zur Umsetzung der Agenda 2030 in Österreich finden sich unter anderem auf den Seiten des Bundeskanzleramts.

Die Veranstaltung „The Future is now. Österreich und die Agenda 2030“ fand am 15. Oktober im Festsaal der ÖAW statt. Es diskutierten der Demograph Wolfgang Lutz (ÖAW), die Ökonomin Sigrid Stagl (WU Wien) und der Ökologe Martin Gerzabek (CDG) unter der Moderation von Sozialökologin Simone Gingrich (ÖAW und BOKU).