27.04.2020

„Es ist zu befürchten, dass sich das Virus weiter in Indonesien verbreitet“

270 Millionen Einwohner, ein lückenhaftes Gesundheitssystem und social distancing ohne Internetzugang. ÖAW-Sozialanthropologe Martin Slama schildert im Interview, was die Covid-19 Pandemie für ein asiatisches Riesenland wie Indonesien bedeutet.

Ein Rikscha-Fahrer in Bandung, mit 2,5 Millionen Einwohnern die viertgrößte Stadt Indonesiens. © Fikri Rasyid/Unsplash

Kaum ein Staat der Welt, der vom COVID-19 Virus verschont bleibt. Auch Indonesien, das größte muslimische Land der Erde, trifft die Pandemie hart. Martin Slama vom Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat sich im Zuge seiner Forschungen intensiv mit dem südostasiatischen Inselstaat befasst. Im Interview beschreibt er, wie man dort mit der Infektionsgefahr umgeht, welche Rolle dabei Religionsgemeinschaften spielen und warum viele Menschen unfreiwillig offline bleiben müssen.

Wie geht Indonesien mit der Pandemie um?

Martin Slama: Indonesien hat eine Ost-West-Ausdehnung von ca. 5000 Kilometern und ist auf mehrere tausend Inseln verteilt, wobei die zentrale Insel Java sehr dicht besiedelt ist. Das Gesundheitssystem, das 270 Millionen Menschen versorgen soll, gehört nicht zu den besten in der Region Südostasien und weist vor allem für die ärmere Bevölkerung beträchtliche Lücken auf. Das sind keine einfachen Voraussetzungen. Die meisten COVID-19 Fälle sind bisher in der Hauptstadt Jakarta aufgetreten, einer Megacity mit ca. 10 Millionen Einwohnern. Die Testkapazitäten sind aber auch in Indonesien beschränkt und es ist fraglich, ob alle Corona-Krankheits- und Todesfälle als solche erkannt werden und in der Folge in die Statistik einfließen.

Die indonesische Regierung machte lange einen eher unentschlossenen Eindruck.

Die indonesische Regierung machte lange einen eher unentschlossenen Eindruck und die Koordination mit den Provinzgouverneuren lief auch nicht friktionsfrei. So wollte der Gouverneur von Jakarta schon früher strenge Ausgangsregeln erlassen, was aber vom Gesundheitsministerium zunächst abgelehnt wurde, das hier rechtlich die Oberhand hat. Es kam dann auf lokaler Ebene zu Eigeninitiativen der Bevölkerung, die ihre Stadtviertel oder Dörfer abriegelten. Es ist jedenfalls zu befürchten, dass sich das Virus in den nächsten Wochen weiter im Archipel verbreiten wird.

Indonesien ist ein mehrheitlich muslimisches Land. Welche Rolle spielt die Religion in dieser Situation?

Martin Slama: Die Religion spielt in der jetzigen Situation insofern eine große Rolle, als Indonesien ein Land ist, in dem der Staat die Religiosität seiner Bürger/innen aktiv fördert. Das gilt nicht nur für den Islam, sondern auch für alle anderen staatlich anerkannten Religionen. Die Frage ist nun, wie die Religionsgemeinschaften mit der vom Virus ausgehenden Gefahr umgehen, insbesondere was Zusammenkünfte von Gläubigen in Gotteshäusern betrifft. Hier haben die großen islamischen Organisationen und christlichen Kirchen recht vorausschauend agiert und klare Empfehlungen abgegeben, religiöse Feiern jetzt zu unterlassen, was im Großen und Ganzen auch eingehalten wird.

Was im Ramadan passiert, wird ganz zentral für die Verbreitung des Virus bzw. dessen Eindämmung sein.

Es gab jedoch auch Gruppen, die sich nicht an diese hielten, wie etwa eine aus Indien stammende islamische Reformbewegung, die Tablighi Jamaat, die in ganz Südostasien aktiv ist und zu der mein Kollege Zoltan Pall am Institut für Sozialanthropologie der ÖAW forscht. Diese Gruppe glaubt, dass Gott sie vor dem Virus beschützen wird, eine Überzeugung, die wir zum Beispiel auch von christlichen Freikirchen in den USA kennen. In dieser Gruppe traten aber bald Infektionen auf, was dazu führte, dass mehrere hundert von ihnen in Jakarta Ende März unter Quarantäne gestellt wurden.

Was ist während des Ramadans, der nun gerade begonnen hat, zu erwarten?

Martin Slama: Was im Ramadan passiert, wird ganz zentral für die Verbreitung des Virus bzw. dessen Eindämmung sein. Das gemeinsame Gebet in der Moschee am Abend nach dem Fastenbrechen sollte aufgrund der Ansteckungsgefahr ja nicht stattfinden, was von islamischen Autoritäten und den indonesischen Behörden auch klar kommuniziert wurde. Ich bin optimistisch, dass das auch eingehalten wird. Die größte Herausforderung stellt jedoch das Ende des Fastenmonats dar. Es ist in Indonesien üblich, diese Zeit für Verwandtenbesuche zu nützen, bzw. fahren Städter zu ihren Familien, die auf dem Land wohnen. Mit dieser Tradition zu brechen, wird besonders schwierig sein, ist dies doch für viele Indonesier/innen die einzige Möglichkeit im Jahr, ihre Eltern oder Geschwister zu sehen. Die Regierung scheute auch lange davor zurück, hier mehr als nur Empfehlungen auszusprechen, bis vor kurzem dann doch ein Verbot vom Präsidenten verkündet wurde. 

In Indonesien hatten soziale Medien schon vor der Krise einen großen Einfluss im Alltag der Menschen. Welche Bedeutung haben soziale Medien jetzt, in der Krise?

Martin Slama: Die Rolle von sozialen Medien ist in Zeiten von Social Distancing praktisch überall auf der Welt eine zentrale, was jedoch voraussetzt, dass die Menschen tatsächlich Zugang zu diesen Technologien haben. In Indonesien ist dieser Zugang für viele Menschen ein beschränkter. In peripheren Regionen kann die Internetverbindung schwach sein (oder überhaupt fehlen) und in den eigentlich gut vernetzten Städten kann es an den wirtschaftlichen Möglichkeiten der User/innen scheitern.

Die Rolle von sozialen Medien ist in Zeiten von Social Distancing eine zentrale, was jedoch voraussetzt, dass die Menschen tatsächlich Zugang zu diesen Technologien haben. In Indonesien ist dieser Zugang für viele Menschen ein beschränkter.

Ein günstiges Smartphone können sich zwar die meisten leisten. Aber das Vorauszahlsystem, das den Kauf von Datenguthaben regelt, lässt so manche Smartphonebesitzer/innen offline bleiben, weil er oder sie das Geld für das nächste Datenpaket (noch) nicht beisammen hat. Dieser „digital divide“ wird im Ramadan besonders spürbar werden, wenn Menschen mit geringem Einkommen – oder die jetzt in der Krise ihre Arbeit verloren haben – nicht zu ihren Verwandten aufs Land dürfen und diese auch nicht auf den Plattformen der sozialen Medien besuchen können, weil ihr Datenguthaben aufgebraucht ist.

 

AUF EINEN BLICK

Martin Slama ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialanthropologie der ÖAW. Forschungsaufenthalte führten ihn u.a. an die Universität Freiburg, die Australian National University und mehrfach nach Indonesien, wo er zahlreiche Feldforschungen durchführte. 2016 habilitierte er sich am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. Derzeit leitet er an der ÖAW das Projekt „Social Media and Islamic Practice: Consequences of Being Digitally Pious in Indonesia".

 


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