15.06.2020

Die Nazis und der Puppentheaterdirektor

Mit dem (Über-)Leben des Filmpioniers Arthur Gottlein, der vor den Nazis aus Wien flüchten musste und in Shanghai ein Puppentheater gründete, beschäftigt sich die Journalistin Uli Jürgens. Durch ein ÖAW-Stipendium für Wissenschaftsjournalismus konnte sie im Nachlass über seine Jahre im Exil recherchieren. Nun plant sie ein Buch über Gottleins lange vergessene Biografie, die viel über die Schicksale vertriebener Künstler/innen in der NS-Zeit erzählt.

© Shutterstock.com

Vom alten jüdischen Viertel in Shanghai ist wenig übriggeblieben. Wo Ende der 1930er-Jahre bis zu 20.000 von den Nazis aus Europa vertriebene Menschen Zuflucht fanden, stehen heute neuerbaute Hochhäuser. Das damals japanisch besetzte Shanghai war für viele jüdische Geflüchtete die letzte Möglichkeit zur Emigration. So auch für Arthur Gottlein. Er musste 1939 aus Wien fliehen und kam über die Philippinen nach Shanghai ins Exil.

Arthur Gottlein (1895–1977) prägte das frühe österreichische Kino mit und war er bei allen großen Stummfilmproduktionen des Landes dabei. Er hat mit den wichtigsten Filmschaffenden seiner Zeit zusammengearbeitet, etwa mit der ersten österreichischen Regisseurin Louise Fleck. Aber: Als Aufnahmeleiter, Regieassistent oder Drehbuchautor wurde er nie berühmt, sondern stand immer in der zweiten Reihe. Und dennoch liest sich sein Leben wie eine Parabel der österreichischen Filmgeschichte: der rasche Aufstieg des Stummfilms, das goldene Zeitalter in den 1920er Jahren, der Übergang zum Tonfilm und schließlich die Vertreibung der Filmschaffenden durch die Nazis. In seiner Zeit auf den Philippinen gelang es ihm noch Spielfilme zu drehen, zu denen er auch die Drehbücher verfasste. Im Exil in Shanghai begründete er eine Puppentheaterbühne. Als er 1949 nach Österreich zurückkehrte, gelang ihm im Nachkriegskino kein Comeback.

Puppentheater als Überlebensstrategie

 „Seine Biografie steht stellvertretend für die vertriebene Künstlergemeinschaft“, sagt Uli Jürgens. Im Rahmen eines Stipendiums der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) für Wissenschaftsjournalismus hat sie in den vergangenen Monaten intensiv zu Arthur Gottlein recherchiert. „Erste Anlaufstelle war das Filmarchiv Austria, wo sein reicher Nachlass lagert“, erzählt die Journalistin, die ihre Beiträge sowohl für Radio und Film, als auch für Print gestaltet. Im Rahmen des zweimonatigen ÖAW-Stipendiums konzentrierte sich Jürgens auf Gottleins Jahre im Shanghaier Exil.

Das Leben von Arthur Gottlein liest sich wie eine Parabel der österreichischen Filmgeschichte.

Besonders hilfreich für die Recherche sind die vielen ledergebundenen, handgeschriebenen Taschenkalender, die sie im Archiv entdeckte. Darin hat Gottlein von 1928 bis 1974 durchgehend berufliche und persönliche Notizen eingetragen. Anhand des Taschenkalenders kann Jürgens die Gründungsphase des Shanghaier Puppentheaters rekonstruieren. Gottlein hat sowohl die Treffen mit Puppenbauern und Näherinnen vermerkt, als auch Textproben und Kartenverkauf. Das Marionettentheater sicherte ihm und seiner Frau für eine Zeit das Überleben im Exil. Gespielt wurden Stücke von Raimund und Nestroy – auf Chinesisch und Englisch. Eine handgezeichnete Skizze, die zeigt, wie die Bühne aussehen sollte, existiert noch, erzählt Jürgens. Auch zwei Szenenfotos, die einzigen, die sie bis jetzt gefunden hat.

„Die Marionetten sprechen zu euch“

„Es gibt noch viele offene Fragen“, sagt Jürgens. Wie er auf die Idee kam, in Shanghai ein Puppentheater zu gründen, hat Jürgens, die selbst Puppenspielerin war, noch nicht herausgefunden. „Es gab einen Film, den er vor seiner Zeit im Exil gemacht hat, mit dem Titel ‚Die Marionetten sprechen zu euch‘“, erzählt sie. Vielleicht hatte Gottlein also schon vor Shanghai einen Konnex zum Puppenspiel? „Wer weiß, vielleicht saß er schon als Kind in Wien im Puppentheater“, so Jürgens.

In seiner Zeit auf den Philippinen gelang es ihm noch Spielfilme zu drehen. Im Exil in Shanghai begründete er eine Puppentheaterbühne. Als er 1949 nach Österreich zurückkehrte, gelang ihm im Nachkriegskino kein Comeback.

Was sie zuvor nicht wusste: Arthur Gottlein hat eine der ersten großen Filmsammlungen angelegt. „Offenbar war er ein manischer Sammler. Jedenfalls bewahrte er Zeitungsartikel und Porträtfotos von allen Persönlichkeiten aus der frühen Filmwelt auf.“ Und: Er spielte in einer Exil-Kabarettgruppe, engagierte sich für Geflüchtete in Shanghai und hatte dort auch Kontakt zu seinen einstigen Filmkolleg/innen Jakob und Louise Fleck. Nach und nach wird durch die Recherche hinter den bloßen Lebensdaten der facettenreiche Mensch sichtbar. Aufgrund der Fülle des Materials hat Jürgens beschlossen, der beeindruckenden Biografie Gottleins neben einem Zeitungsartikel und einem Radiobeitrag auch ein Buch zu widmen. Das Stipendium der ÖAW gab den Anstoß dazu.

Ohne Zeitdruck recherchieren

Sich mit Wissenschaft vertieft journalistisch auseinanderzusetzen und zwei Monate ohne Zeitdruck recherchieren zu können, ist das Ziel des 2019 gestarteten „Stipendium Forschung & Journalismus“ der ÖAW. Neben Uli Jürgens wurden im Vorjahr Valentine Auer, Benjamin Breitegger und Katharina Kropshofer von der ÖAW gefördert, um sich Geschichten zu widmen, für die im redaktionellen Alltag wenig Platz ist. Die Stipendien sind jeweils mit 4.000 Euro dotiert und laufen zwei Monate lang.

Aufgrund der Fülle des Materials hat Uli Jürgens beschlossen, der beeindruckenden Biografie Gottleins auch ein Buch zu widmen. Das Stipendium der ÖAW gab den Anstoß dazu.

Aktuell läuft die zweite Ausschreibungsrunde. Noch bis 15. September 2020 können freie oder fest angestellte Wissenschaftsjournalist/innen aus ganz Österreich ihre Projektideen einreichen. Die Auswahl der Stipendiat/innen erfolgt im Herbst durch eine Jury aus Vertreter/innen der ÖAW, vom Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ), Presseclub Concordia sowie den Wissenschaftsredaktionen von APA und Ö1. 


Newsletter
Forschungs-News, Science Events & Co: Jetzt zum ÖAW-Newsletter anmelden!