11.06.2018

Die inszenierte Herrscherin

Maria Theresia ist bis heute im Gedächtnis Österreichs fest verankert. Dazu beigetragen hat auch eine bildreiche Inszenierung der Regentin. ÖAW-Kunsthistoriker Werner Telesko hat die „Bildpolitik“ in der Regierungszeit Maria Theresias in einem nun abgeschlossenen Projekt umfassend untersucht.

Maria Theresia im prachtvollen Gewand mit ihrem Mann Franz Stephan und im Kreise von elf ihrer Kinder. Ein Familienbild. Doch ebenso wie heutige Selfies mit Family ein inszeniertes Bild. So huldvoll und herrschaftlich dürfte auch der Alltag bei Hofe kaum ausgesehen haben.

„Fast alle Darstellungen enthalten ein mehr oder weniger großes Maß an Inszenierung“, sagt Werner Telesko mit Blick auf das Gemälde aus dem 18. Jahrhundert, das im Kunsthistorischen Museum Wien zu bewundern ist. Telesko weiß, wovon er spricht. Über drei Jahre hat er mit seinem Team am Institut für kunst- und musikhistorische Forschungen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) die künstlerisch-mediale Inszenierung der berühmten Regentin untersucht.

Eines der überraschendsten Ergebnisse des vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts: Auch wenn die Darstellungen Maria Theresias inszeniert waren, eine ausgefeilte „Medienstrategie“ verfolgten die Habsburger offenbar nicht, erzählt Kunsthistoriker Telesko im Interview.

Maria Theresia war als erste und einzige weibliche Regentin in der Geschichte des Hauses Habsburg eine Ausnahmeerscheinung. Wie hat sie sich als Frau an der Macht inszeniert?

Werner Telesko: Kurz und mit einem Wort: vielschichtig. Die bedrohliche Situation des Jahres 1740, als die Dynastie durch das Aussterben in der männlichen Linie in höchster Gefahr war, hat dazu geführt, dass für Maria Theresia Herrscherimages entwickelt wurden, die im besten Sinne des Wortes männliche und weibliche Eigenschaften abdecken sollten. Dazu kommt, dass bei ihr die einzelnen Lebensstationen von der Mutter einer kinderreichen Familie bis zur Witwe in der Bilderproduktion sehr deutlich ablesbar sind. Ein reiches öffentliches und privates Leben wird somit in den entsprechenden Bildern gut dokumentiert – ein Umstand, der es für Kunsthistoriker/innen zu einem lohnenden Unterfangen macht, dieser „Bilderflut“ unter Maria Theresia nachzuspüren.

Welche populären Darstellungen Maria Theresias sind bis heute bekannt? Wie authentisch sind diese? Wieviel Inszenierung steckt dahinter?

Telesko: Grundsätzlich enthalten fast alle Darstellungen ein mehr oder weniger großes Maß an Inszenierung. Diese basierte vor allem auf mythologischen und christlichen Grundlagen, etwa der Regentin als Pallas Athene oder mit Attributen, die sie als fromme Fürstin auszeichnen. Authentische Darstellungen im heutigen Sinn des Wortes sucht man im 18. Jahrhundert eigentlich vergeblich. Immerhin war man aber bestrebt, die im Laufe der Jahrzehnte veränderte Physis Maria Theresias in den Kunstwerken zu spiegeln. Dies kann etwa in der Medaillenproduktion gut nachvollzogen werden, wenn im vorgerückten Alter sogar das Doppelkinn präzise Darstellung findet. Am „populärsten“ sind Darstellungen Maria Theresias dort gestaltet, wo ein hoher Anschauungsgrad von Nutzen war – etwa in den Karikaturen. In diesen Fällen gleitet die visuelle Präsenz der Regentin nicht selten ins Derbe ab.

Authentische Darstellungen im heutigen Sinn des Wortes sucht man im 18. Jahrhundert eigentlich vergeblich.

Wie positionierte Maria Theresia ihr Image etwa im Unterschied zu ihrem Widersacher, Preußens König Friedrich II, der bekanntlich einer Frau keine Führungsqualitäten zutraute?

Telesko: Den deutlichsten Unterschied markiert hier die Funktion Maria Theresias als Mutter einer kinderreichen Familie, während Friedrich vor allem mit dem kriegerischen Image verbunden wurde. Gerade an den vielen Familienbildern Maria Theresias wird deutlich, wie variantenreich und raffiniert durchdacht diese aufgebaut waren, indem der Nachwuchs fast wie „eingespannt“ zwischen den beiden Souveränen platziert ist.

Eigenartigerweise gibt es aber auch Darstellungen, die Maria Theresia als „Feldherrin“ ins Zentrum rücken, obwohl sie nie persönlich eine Armee befehligte. Kennzeichnend ist hier also der Vorteil, dass Maria Theresia über eine wesentlich größere Bandbreite an Eigenschaften verfügte, mit der man Repräsentation und „Bildpolitik“ gestalten konnte. Man darf sich aber kein falsches Bild über die wahren Interessen der Monarchin machen: Die bildende Kunst gehört sicher zu den eher nachgeordneten Interessen im Vergleich zu anderen Lebensbereichen wie Fragen der Erziehung oder des Zeremoniells.

Wieviel von ihrer Selbstdarstellung hat Maria Theresia denn persönlich gesteuert? Oder gab es „Masterminds“ hinter dem Aufbau ihres Images?

Telesko: Dies ist ein entscheidender Punkt, denn man sollte sich nicht der Vorstellung hingeben, dass Maria Theresia die „Bilder“, die sie betrafen, persönlich gesteuert hätte. Das war nur in Ausnahmefällen die Realität. Über die „Masterminds“, die es ohne Zweifel gegeben haben muss, sind wir über die Quellen nur sehr dürftig informiert. Ganz sicher aber gehören Personen wie Staatskanzler Wenzel Anton Fürst Kaunitz-Rietberg oder der besonders kunstsinnige Joseph Freiherr von Sperges zu diesem Kreis. Auswahl, Gestaltung und Lenkung der Bilder erforderten darüber hinaus ein hohes Maß an Kenntnis des aktuellen Kunstbetriebs, der Akademien und jener Künstlerpersönlichkeiten, von denen man wusste, was sie wie umzusetzen imstande waren.

Man sollte sich nicht der Vorstellung hingeben, dass Maria Theresia die „Bilder“, die sie betrafen, persönlich gesteuert hätte. Das war nur in Ausnahmefällen die Realität.

Mit welcher „Medienstrategie“ wurde ihr Image aufgebaut? Und welche Medien wurden dafür besonders eingesetzt?

Telesko: Wahrscheinlich hat es keine bestimmte „Medienstrategie“ gegeben, sondern vieles ist rasch und unkoordiniert verlaufen. Groß sind jedenfalls die Gegensätze zur durchstrukturierten und geordneten „Kunstpolitik“ à la Ludwig XIV. Man darf auch nicht vergessen, dass mindestens bis 1748, dem Frieden von Aachen, letztlich aber bis 1763, also bis zur Beendigung des Siebenjährigen Krieges, immer Krieg war und für viele Aufgaben schlicht und einfach keine oder kaum Ressourcen bereitstanden. Umso überraschender ist somit der Umstand, dass zahlreiche Medien an der Repräsentation der Herrscherin beteiligt gewesen sind – in quantitativer Hinsicht aber vor allem die Druckgrafik, die Medaillen und die Ölgemälde.

Wahrscheinlich hat es keine bestimmte „Medienstrategie“ gegeben. Groß sind jedenfalls die Gegensätze zur durchstrukturierten und geordneten „Kunstpolitik“ à la Ludwig XIV.

Was war für Sie im Verlauf Ihres Projekts die größte Überraschung?

Telesko: Eigentlich der Umstand, dass über weite Strecken die mündliche Kommunikation einen wesentlichen Teil der Entscheidungsprozesse in Bezug auf die textliche und bildliche Repräsentation ausgemacht haben dürfte. Viele Quellen geben zwar nützliche Hinweise, wie man sich Entscheidungsfindungen vorzustellen hat; aber es ist kaum wirklich Programmatisches darunter, und damit wird natürlich die entscheidende Frage relevant, wie die hohen Herrschaften, ihre „Masterminds“ und die Künstler miteinander kommunizierten. Dies zumindest annähernd schlüssig zu rekonstruieren, war nicht zuletzt eine wesentliche Herausforderung im Zuge des jetzt abgeschlossenen Projekts.