12.12.2018

„Die Dermatologie macht enorme Fortschritte“

Durch die enge Zusammenarbeit von Grundlagenforschung und klinischen Ärzt/innen konnten in den letzten Jahren neue, zielgerichtete Therapien für Erkrankungen der Haut entwickelt werden. Die schwedische Dermatologin Liv Eidsmo ist daher zuversichtlich, dass es auch in Zukunft weitere Fortschritte zum Wohle der Patient/innen geben wird. Die Forscherin war beim Inflammatory Skin Disease Summit von ÖAW und Icahn School of Medicine zu Gast, der Ursachen, Verlauf und Behandlungsmöglichkeiten von Hautkrankheiten in den Blick nahm.

Sie verbringt 30 Prozent in der klinischen Praxis mit Patient/innen, die restliche Zeit betreibt sie Grundlagenforschung im Labor: Liv Eidsmo ist Dermatologin am renommierten Stockholmer Karolinska Institut und wird als eine von Dutzenden Expert/innen am Inflammatory Skin Disease Summit (ISDS), einem Gipfeltreffen der internationalen Dermatologie in Wien, über die Hintergründe von Psoriasis (Schuppenflechte) und verwandten Erkrankungen der Haut sprechen. Psoriasis ist zwar mittlerweile gut therapierbar, dennoch ist die Krankheit höchst unangenehm und erhöht das Risiko für gefährliche Folgeerkrankungen wie Diabetes, Schlaganfälle und Herzinfarkte.

Im Zentrum des ISDS, der auf Einladung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der New Yorker Icahn School of Medicine at Mount Sinai Hospital vom 12. bis 15. Dezember stattfand, standen aber nicht zuletzt die positiven Entwicklungen, die sich durch die aktuelle Forschung ergeben. „Ich bin sehr optimistisch, was zukünftige Therapien entzündlicher Hauterkrankungen anbelangt. In den nächsten zehn bis zwanzig Jahren wird es große Durchbrüche bei den Wirkstoffen geben“, sagt Eidsmo. Durch enge Kooperation von Grundlagenforscher/innen, klinisch tätigen Ärzt/innen und Pharmaunternehmen, die in den letzten Jahren ein starkes Interesse an chronisch-entzündlichen Hautkrankheiten entwickelten, erziele dieses medizinische Fachgebiet derzeit enorme Fortschritte. 

Psoriasis gut therapierbar, atopisches Ekzem noch nicht

In Österreich gelten rund 300.000 Menschen als von Psoriasis betroffen, noch mehr leiden an Neurodermitis. Bei der Psoriasis handelt es sich um eine chronische, häufig lebenslang bestehende entzündliche Hauterkrankung, bei der das körpereigene Immunsystem auf vermeintliche Fremdkörper mit dem übermäßigen Aktivieren von T-Zellen reagiert. Charakteristisch sind stark schuppende, gerötete Hautstellen, betroffen ist aber der gesamte Körper – man spricht von einer systemischen Erkrankung. Leider ist durch Psoriasis auch das Risiko für Folgeerkrankungen wie etwa des Herz-Kreislauf-Systems deutlich erhöht. Mittlerweile sei eine Handvoll verschiedener, gut wirksamer Wirkstoffe gegen Psoriasis auf dem Markt, so Eidsmo, schwierig sei aber derzeit noch, den jeweils passenden zu finden – Grundlagenforschung an den T-Zellen zugrundeliegenden Mechanismen soll helfen, spezifischer therapieren zu können.

In den nächsten zehn bis zwanzig Jahren wird es große Durchbrüche bei den Wirkstoffen geben.


Anders als bei der Psoriasis gibt es gegen atopische Ekzeme („Juckflechten“) noch keine ursächlich wirksame Therapie. Aktuell wird aber an verschiedenen Wirkstoffen geforscht, die dauerhaft in die Haut injiziert werden und zielgerichteter als bisherige systemische Therapien greifen sollen. Damit ließe sich die Immuntätigkeit an den betroffenen Stellen auf ein unproblematisches Level einpendeln, etwaige Nebenwirkungen im Rest des Körpers - etwa in den Augen, die häufig betroffen sind.

Immunologisches Gedächtnis

In ihrem Vortrag am ISDS (13. Dezember, 10.30 Uhr) wird Eidsmo darüber sprechen, warum Psoriasis immer wieder an denselben Körperstellen – meist Kopfhaut, Knie, Ellbogen – auftritt. „Die Haut verfügt über ein immunologisches Gedächtnis. Wo es einmal eine überschießende Immunreaktion gab, wird es sie auch wieder geben“, so die Expertin. Das sei zwar unangenehm, dieses Wissen könne aber beim Umgang mit der Erkrankung helfen. Schließlich sieht Eidsmo neben der genetischen Ausstattung sowie Risikofaktoren wie Alkohol und Übergewicht vor allem auch psychischen Stress als Auslöser: „Manche meiner Patientinnen und Patienten spüren im Vorhinein, wenn es einen neuen Psoriasis-Schub gibt – meist dann, wenn sie beruflich oder privat unter besonders großem Druck stehen.“

Psychischer Stress ist ein Risikofaktor. Nicht zufällig heißt es in Schweden, dass die Seele in der Haut sitzt.

Wie sie in klinischen Studien herausgefunden hat, kann die Psyche aber auch eine außerordentlich positive Rolle spielen, erklärt Eidsmo: „Viele meiner Patientinnen und Patienten hatten massive Probleme, bis sie sich aus einer schlechten Ehe scheiden ließen, einen Hund zulegten oder ihren alten Job kündigten.“ Schmunzelnder Nachsatz der Expertin: „Nicht zufällig heißt es in Schweden, dass die Seele in der Haut sitzt.“

Nicht zu unterschätzen sei bei Schuppenflechte, Neurodermitis & Co. aber auch die drohende Stigmatisierung, die viele Patient/innen erfahren oder sich selbst auferlegen. „Es ist überaus wichtig, dass sich die Menschen trotz verändertem Erscheinungsbild wohl in ihrer Haut fühlen“, sagt die schwedische Wissenschaftlerin – und ist froh, dass dieser Aspekt in den letzten Jahren viel stärker in Patientengesprächen berücksichtigt werde.

Internationale Vortragende

Neben Eidsmo sprachen etwa auch Rachel Clark (Harvard Medical School), die sich ebenfalls auf das hauteigene Krankheitsgedächtnis spezialisiert hat, sowie Jean-Laurent Casanova (Rockefeller University New York) am ISDS. Casanova hat sich mit der Frage beschäftigt, inwiefern Immundefekte zu einem gehäuften Auftreten von Hautkrankheiten beitragen. Richard Gallo, Vorstand der Hautklinik der University of California in San Diego, wiederum war federführend in der Erforschung antimikrobieller Peptide bei der Entstehung von Hautkrankheiten und bei der Wundheilung.

Mehr als 20 weitere internationale Expert/innen, neben Österreich und den USA etwa aus Deutschland, Japan, Frankreich, Israel und Großbritannien, sprachen über ihre jeweiligen Forschungs- und Arbeitsgebiete. Eine Reihe von Netzwerk-Veranstaltungen ergänzte das umfassende Vortragsprogramm. Nach den ersten erfolgreichen ISDS-Kongressen in Wien (2014) und New York (2016) fand der dritte ISDS nun wieder in Wien, in der Aula der Wissenschaften, statt. 

 

Der dritte Inflammatory Skin Disease Summit, organisiert von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der New Yorker Icahn School of Medicine at Mount Sinai Hospital, fand vom 12. bis 15. Dezember 2018 in Wien statt (Aula der Wissenschaften, Wollzeile 27a, 1010 Wien). Das Organisationskomitee bestand aus den Dermatolog/innen James D. Krueger (Rockefeller University), Emma Guttman-Yassky (Icahn School of Medicine), Patrick M. Brunner (Rockefeller University) und ÖAW-Mitglied Georg Stingl (MedUni Wien).

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