28.10.2019

Detektivarbeit im Wüstensand

Die ÖAW-Archäologin Irene Forstner-Müller leitet die österreichisch-ägyptische Grabung in Kom Ombo. Über 5.000 Jahre Geschichte verbergen sich dort im Sand der Wüste. Einige überraschende Entdeckungen haben die Forscher/innen bereits gemacht. Manches gilt es noch zu enträtseln.

Überblick mit ptolemäischem Tempel und der Grabung des ÖAI im Hintergrund © ÖAI

„Archäologie ist ein bisschen wie Detektivarbeit“, sagt Irene Forstner-Müller, Forscherin am Österreichischen Archäologischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). In Kom Ombo gibt es da jede Menge zu tun. Der Ort birgt Zeugnisse aus der Urgeschichte bis zur Moderne. Siedlungsspuren, die vermutlich bis in die Frühgeschichte Ägyptens zurückreichen. Hinweise auf eine bedeutende Stadt schon im 3. Jahrtausend v. Chr. Aber auch eine englische Festung aus dem Jahr 1886. „Das alles ist sehr spannend“, strahlt Forstner-Müller. Seit 2017 wird unter ihrer Leitung an der 45 km nördlich von Assuan gelegenen Fundstelle gegraben. Forstner-Müller und ihr Team betreten bei dem Projekt, einer Zusammenarbeit mit dem ägyptischen Ministry of Antiquities (MoA), Forschungsneuland: Kom Ombo ist zwar bekannt für seinen Tempel aus griechisch-römischer Zeit – Die Stadt selbst aber ist bisher kaum erforscht. Das ändert sich nun.

Welche bedeutenden Entdeckungen haben Sie bisher gemacht?

Irene Forstner-Müller: Letztes Jahr hatten wir unglaubliches Glück mit der Stelle, an der wir zu graben begonnen hatten. Wir schnitten sofort einen Bereich an, in dem wir den Übergang erfassen konnten zwischen den Friedhöfen, die außerhalb der Stadt liegen, einer Art Befestigung, und einem Verwaltungsbereich innerhalb der Stadt. Das konnten wir in die sogenannte Erste Zwischenzeit, also auf ca. 2216 bis 2025 v. Chr., datieren. Als wir dort noch einen Tiefschnitt anlegten, stießen wir zu unserer großen Überraschung auf Teile eines noch älteren Gebäudes. Es stammt aus der 4. Dynastie, der Zeit der Könige Cheops und Chephren, den Erbauern der berühmten Pyramiden in Giza. Damit haben wir einen Beleg dafür, dass Kom Ombo schon in der ersten Hälfte des 3. Jtds. vor Chr. eine funktionierende Stadt war.

Im Alten Ägypten wurden Waren immer mit Abdrücken von Lehmsiegeln versehen, um die Eigentümer zu erkennen.

Woher wissen Sie, dass es sich bei diesen Gebäuden um einen Verwaltungsbereich handelt?

Forstner-Müller: Wir haben dort Räume mit Speichern gefunden, in denen wahrscheinlich Getreide gelagert wurde. Getreide diente im Alten Ägypten als Währung. Daraus können wir schließen, dass wir es hier mit einer Verwaltungsanlage zu tun haben. Bei den Grabungen in der englischen Festung ist das einfacher: Das Großartige dabei ist, die britische Armee hat dort alles exakt dokumentiert. Da kennen wir die Raumzuweisungen und müssen nicht spekulieren.

Gab es besondere Highlights an Fundstücken?

Forstner-Müller: Das Highlight 2018 war eine große Anzahl von Siegelabdrücken. Im Alten Ägypten wurden Waren immer mit Abdrücken von Lehmsiegeln versehen, um die Eigentümer zu erkennen – oder damit nichts gestohlen wird. Und wir haben viele Siegelabdrücke mit Namen von Königen der 5. Dynastie entdeckt. Das bedeutet, dass es schon Mitte des 3. Jtds. v. Chr. enge Beziehungen zwischen Memphis, der damaligen Residenz, und Kom Ombo gegeben hat.

Ich möchte vor allem wissen, wie die altägyptische Gesellschaft funktioniert hat. Dazu etwas herauszufinden, freut mich mehr, als beispielsweise ein Goldgefäß zu finden.

Hat die Grabung der englischen Festung ebenfalls besondere Funde erbracht?

Forstner-Müller: Ja, wir haben dort sogar einen Österreichbezug gefunden: einen Fez. Diese Kopfbedeckungen waren im 19. Jh. in Ägypten weit verbreitet. Und Österreich war damals der Hauptproduzent für Feze, die dann nach Ägypten exportiert wurden.

Im Oktober 2019 beginnt die dritte Grabungssaison, was haben Sie sich dafür vorgenommen?

Forstner-Müller: Wir hoffen, mehr Informationen über das Alter der Stadt zu gewinnen. Also: Wann war sie zum ersten Mal besiedelt? Das längerfristige Ziel ist, ein Gesamtbild der Stadt zu bekommen. Wo genau liegen die Verwaltungszentren? Wo befinden sich die Friedhöfe? Wo verliefen die Nil-Arme zu welcher Zeit? 2019 konnten wir auch ein vom Wissenschaftsfond FWF gefördertes Projekt zu Kom Ombo im Alten Reich, also im 3. Jtd. v. Chr., beginnen. Dafür sind wir dankbar, das hilft uns sehr.

Was macht Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten Freude?

Forstner-Müller: Das Herausfinden von Dingen oder das Verstehen von Zusammenhängen -  Wenn man zum Beispiel plötzlich versteht, „Oh, das ist ein Verwaltungsgebäude!“ Ich möchte vor allem wissen, wie die altägyptische Gesellschaft funktioniert hat. Dazu etwas herauszufinden, freut mich mehr, als beispielsweise ein Goldgefäß zu finden.