05.06.2018

Den ältesten Münzen im Mittelmeerraum auf der Spur

Gold, Silber und Kupfer waren die Bestandteile der ersten Münzen im 7. Jahrhundert in Kleinasien. Einige hundert Münztypen wurden in dieser Zeit geprägt. Mit ihrer Geschichte befasst sich nun der ÖAW-Numismatiker Wolfgang Fischer-Bossert.

Ein bis zwei Stunden täglich verbringt Wolfgang Fischer-Bossert vom Institut für Kulturgeschichte der Antike der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) damit, Auktionen im Internet nach Elektronmünzen abzusuchen. Das besondere an diesen Münzen: Sie bestehen aus einer Mischung aus Gold, Silber und Kupfer und stammen aus den antiken Landschaften Lydien und Ionien im westlichen Kleinasien. Sie gelten als die ältesten Münzen im Mittelmeerraum, datiert in das 7. Jahrhundert v. Chr. Zentren der Münzprägung waren damals neben den ionischen Städten Ephesos und Milet die lydische Hauptstadt Sardes und Phokaia in der heutigen Türkei. Wolfgang Fischer-Bossert untersucht nun in dem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt „Kleinasien und die Geburt des Münzgelds“ die Elektronmünzen, um die Geschichte der Münzprägung genauer dokumentieren zu können.

Die Mischung macht die Münze: Gold, Silber und Kupfer

Denn lange glaubte man, die Elektronmünzen seien entstanden, weil natürliches Elektron in dieser Gegend vorkam. Mittlerweile konnten die Bestandteile der Münzen mit neuen naturwissenschaftlichen Methoden analysiert werden, ohne die Münzen dabei zu zerstören. Dabei hat sich gezeigt, dass der Goldanteil von natürlichem Flussgold deutlich höher ist als jener in lydischen Elektronmünzen. Diese bestehen konstant aus 55 Prozent Gold, 44 Prozent Silber und einem Prozent Kupfer. Das bedeutet: Die Münzen wurden gezielt gemischt.

„Die Wahl von Elektron war keine Notlösung, sondern ein bewusster Eingriff“, verdeutlicht ÖAW-Forscher Fischer-Bossert. Warum aber statt reinen Goldmünzen diese Mischung verwendet wurde, kann derzeit nur vermutet werden: Die Lyder prägten möglicherweise Elektronmünzen, weil diese stabiler als reine Goldmünzen waren und daher länger zirkulieren konnten. Das Stückelungssystem der lydischen Münzen wurde zwar auch in Ionien verwendet, die Metallanalysen haben jedoch gezeigt, dass sie anders zusammengesetzt waren: nicht-lydische Münzen enthalten meist weniger Gold, dafür mehr Kupferanteil.

Elektronmünzen gelten als „high value currency“, die nicht geprägt wurden, um Obst am Markt einzukaufen. Man vermutet, dass damit Söldner entlohnt wurden.

Kleine Münzen mit großem Wert

Lydische Münzen zeigen auf ihrer Vorderseite meistens ein Tiermotiv, die Rückseite hingegen besteht aus den unterschiedlichen Punzen, also Stempelabdrücken, die sich in ihrer Größe und Art abhängig vom Wert unterscheiden. Die zweitkleinste Einheit wiegt 0,3 Gramm und war in etwa so viel wert wie der Wochenlohn eines Arbeiters. Daher gelten diese ersten Elektronmünzen als „high value currency“, also als eine Währung mit hohem Wert, die nicht geprägt wurde, um Obst am Markt zu kaufen. Vielmehr wird vermutet, dass damit Söldner entlohnt wurden. Die ersten Münzprägungen in Kleinasien dokumentieren daher auch den Zeitpunkt, ab dem die Menschen mobiler wurden und neben dem klassischen Tauschgeschäft auch Münzgeld notwendig wurde.

Die wertvollen Elektronmünzen zu untersuchen, ist für die heutige Forschung eine Herausforderung: „Es gibt praktisch kein Referenzbuch für Elektronmünzen, als Referenzen dienten oft auch private Fotografien“, erklärt Fischer-Bossert. Außerdem sind die Münzen sehr klein und die Rückseiten mit den Punzen zwar informativ, aber mit analogen Fotografien kaum analysierbar. Die Digitalfotografie und neue Methoden bei der Metallanalyse ermöglichen es nun, in diesem Forschungsprojekt erstmals ein umfassendes Gerüst der geprägten Elektronmünzen zu erstellen. Auch das ist keine leichte Aufgabe, denn schließlich existieren geschätzte 400 Typen an Elektronmünzen, die über 100 Jahre lang im Umlauf waren.

Die ersten Münzprägungen in Kleinasien dokumentieren auch den Zeitpunkt, ab dem die Menschen mobiler wurden und neben dem Tauschgeschäft Münzgeld notwendig wurde.

Fälschungen entlarvt und lydische Könige identifiziert

Wolfgang Fischer-Bossert führt daher zahlreiche Stempelstudien durch, in denen er die Vorder- und Rückseiten der Münzen prüft und mit anderen Funden vergleicht. Doch wie kann man bei der Arbeit feststellen, ob es sich um Fälschungen handelt? „Das kommt mit der Erfahrung. Manche Fälschungen erkennt man aber erst mit der Stempelstudie“, erzählt der Numismatiker. Hinweise auf Fälschungen geben etwa das Gewicht der Münzen, die genauen Metallmischungen sowie Art und Größe der Stempel auf der Rückseite.

Neben dem klassischen Tiermotiv gibt es auch lydische Münzen, auf denen zusätzlich eine Inschrift zu lesen ist, zum Beispiel „Walwet“ oder „Kukalim“. Fischer-Bossert hat die Begriffe auf diesen archäologischen Funden aus Ephesos aufgelöst und analysiert: „‘Kukalim‘ könnte man vielleicht gleichsetzen mit ‚Gyges‘, ‚Walwet‘ entspricht ‚Alyattes‘“, erzählt er. Beide waren lydische Könige und assyrische Quellen geben an, dass Gyges im Jahr 644 in einer Schlacht gefallen ist. König Alyattes übernahm den Schriftquellen zufolge das lydische Reich erst Jahrzehnte später.

Die Stempelstudie hat jedoch gezeigt, dass die Münzen des ‚Kukalim’ und des ‚Walwet’ direkt aufeinanderfolgend geprägt wurden, dass also keine andere Prägung dazwischen lag. Tatsächlich wurden in Ephesos Münzen des ‚Walwet’ in einem Kontext gefunden, der in die Zeit um und kurz nach Gyges’ Tod gehört. „Die Numismatik kann hier also den archäologischen Kontext ergänzen“, zeigt sich Fischer Bossert überzeugt.