11.12.2018

„Das Wissen wandert immer mit den Menschen“

Die ersten Ackerbauern und Viehzüchter kamen in prähistorischer Zeit über die Balkanroute nach Europa. Doch auf welchem Weg genau? Der Lösung dieses Rätsels ist ÖAW-Archäologin Barbara Horejs nun ein gutes Stück näher gekommen. Sie und ihr Team entdeckten einen neuen Fundplatz am Balkan.

Errungenschaften der Zivilisation wie die Sesshaftigkeit sind nicht vom Himmel gefallen. Sie kamen vielmehr vor Tausenden von Jahren aus dem Mittelmeerraum nach Europa – und zwar infolge von Migrationsbewegungen über die heute wieder viel diskutierte Balkanroute. Doch welchen Weg nahmen die Menschen im Neolithikum (Jungsteinzeit) genau? Und welches Wissen brachten sie mit sich?

Ein neuer Fundplatz im Süden Serbiens könnte dazu nun mehr verraten. Entdeckt wurde er im vergangenen Jahr von Forscher/innen des Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Nun wurden bei ersten Grabungen vielversprechende Funde gemacht: Neolithische Werkzeuge und Figurinen, Gerätschaften und Keramikgefäße.

Für Barbara Horejs, Grabungsleiterin und Direktorin des ÖAW-Instituts, kommen die Funde genau zu richtigen Zeit, nämlich rechtzeitig zum fünfjährigen Jubiläum des Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie, das auf eine noch längere – nämlich 135-jährige – Geschichte als Prähistorische Kommission zurückblickt. Ein Interview zum „spirit“ der Archäologie und neolithischen „Goldadern“.

Die Prähistorische Kommission ist mit 135 Jahren die älteste archäologische Einrichtung der ÖAW, Ihr Institut – als eine Nachfolgeeinrichtung der Kommission – mit 5 Jahren die jüngste. Was ist über die fast anderthalb Jahrhunderte am Geist, dem „spirit“, dieses Forschungsbereiches gleich geblieben?

Barbara Horejs: Gleich geblieben ist der Anspruch, Grundlagenforschung zur Urgeschichte zu betreiben, das war der erste Impetus der prähistorischen Kommission bei ihrer Gründung, und dem sind wir auch am Institut zutiefst verpflichtet. Ebenfalls gleich geblieben ist der interdisziplinäre Ansatz. Nicht umsonst wurde die Prähistorische Kommission vor 140 Jahren in der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse gegründet, denn die prähistorische Archäologie hat sich ja ursprünglich aus der Erdkunde und Erdgeschichte entwickelt und ist ohne enge Zusammenarbeit mit Fächern wie Geologie, Biologie, Anthropologie nicht zu denken. Gleich geblieben ist auch der Anspruch über Nationalgrenzen hinauszugehen, das galt damals und gilt heute: Wir arbeiten sprach- und kulturübergreifend in 17 Ländern auf 3 Kontinenten, und wir zählen meines Wissens nach weltweit zu den wenigen archäologischen Einrichtungen, die sowohl im Orient als auch in Europa zu frühen Kulturen arbeiten.

Was hat sich geändert seit der ersten Kommission?

Barbara Horejs legt ein Faltblatt mit Fotografien der – ausschließlich männlichen – Direktoren der Prähistorischen Kommission auf den Tisch:

Horejs: Die prähistorische Kommission wurde bis zu ihrer Fusionierung mit anderen Kommissionen und der Gründung unseres Instituts ausschließlich von älteren Herren geleitet, wohingegen wir bewusst auf eine breit aufgefächerte Hierarchie setzen und auf mehr Frauen in Leitungspositionen. Unsere Gruppenleiter/innen sind heute zur Hälfte weiblich und wir haben ein Institutsboard eingerichtet, in dem wesentliche Entscheidungen gemeinsam diskutiert werden. Es gibt also keine „Hierarchiepyramide“, sondern wir arbeiten in einem auf Gruppen basierenden Team.

Sie haben nicht nur Jubiläen zu feiern, sondern auch die Entdeckung einer neuen Fundstelle, die genau an der heute viel diskutierten Balkanroute liegt. Was hat es damit auf sich?

Horejs: Wir fragen uns in der Urgeschichtsforschung schon lange, wie sich die ältesten Ackerbauern und Viehzüchter, also die ersten sesshaften Menschengruppen, ausgebreitet haben und nach Europa kamen. Die ältesten Funde für sesshafte Kulturen in Österreich stammen aus Brunn bei Wien und datieren bis maximal 5.500 v.Chr zurück. Eine Route muss von der Ägäis bis an die Donau laufen, wozu es aber nur verstreute Daten gibt und viele Lücken. Deshalb haben wir im Süden Serbiens an der berühmten Balkanroute gesucht. Der Ratschlag zu neuen Ausgrabungen in Serbien kam übrigens von meinem Vorgänger, Herwig Friesinger, dem Obmann der Prähistorischen Kommission, als ich auf der Suche nach neuen Neolithikumsplätzen auf dem Balkan war. Die Frage war: Wie können wir den Weg besser definieren, auf dem sich die ersten sesshaften Gruppen ausbreiteten und in dieser Migrationsbewegung ihre zivilisatorischen Errungenschaften nach Europa brachten? Denn das Wissen wandert immer mit den Menschen.

Welche Errungenschaften waren das?

Horejs: Zu wissen, wie man Kulturpflanzen anbaut und Viehzucht betreibt. Diese ersten Ackerbauern müssen bereits domestizierte Tiere und Getreide gehabt haben, die sie mitbrachten. Erst das macht eine sesshafte Lebensweise möglich, und mit ihr ändert sich alles: Das Zusammenleben in der Gemeinschaft, die Familienstruktur, die Anzahl der Kinder. Der Schritt vom Jäger und Sammler zum Ackerbauern ist aus meiner Sicht der entscheidendste Entwicklungsschritt in der Geschichte der Menschheit. Diese sesshaften Gruppen sind vermutlich eher langsam – es ist ein Prozess über Jahrhunderte – gen Norden gewandert, und sie veränderten sich in diesem Prozess, passten sich an die jeweiligen Gegebenheiten an. Auch ihre Technologien wandelten sich. Aber: wandernde Menschen führen zur Verbreitung von Kulturtechniken – das ist unsere These.

Wie ist es Ihnen gelungen, eine ganz neue Fundstelle zu erschließen?

Horejs: Wir haben gezielt gesucht: Die Balkanroute ist die klassische und einzig mögliche Verbindung über den Balkan nach Norden. Wo könnte man auf der Route überhaupt etwas finden, das 8.000 Jahre alt ist? Südlich von Niš, dort wo die Morava sich nach dem Gebirge in ein größeres Becken weitet, haben wir 2017 Surveys durchgeführt, also Begehungen, geophysikalische Messungen und Bohrungen mit Sedimentolog/innen, Geolog/innen, Geograf/innen. Wir fanden erste Hinweise und gingen dann systematischer vor, konnten etwa organische Reste aus Bohrkernen C14-datieren, die sehr vielversprechend waren. Mit diesem Wissen und gemeinsam mit kooperierenden serbischen Kollegen haben wir dann eine Grabungsgenehmigung beantragt und im August 2018 mit der Arbeit begonnen, an diesem neuen Fundort, der nicht einmal einen Namen hatte. Wir haben ihn „Svinjarička Čuka“ nach dem benachbarten Fluss getauft, darin steckt das Wort „Schweinehüter“, und das passt ja zu den ersten Bauern im Neolithikum.

Wie gingen die Grabungen weiter?

Horejs: Die ersten Wochen waren sehr nervenaufreibend, weil wir ausschließlich Bronzezeit fanden – was auch wichtig ist in dem Raum: Der serbische Kooperationspartner – ein Bronzezeitexperte – war darüber bereits sehr glücklich. Aber ich blieb extrem nervös, ob wir auch wirklich auf neolithische Schichten stoßen, die ja noch um einiges tiefer liegen. Am Ende der dritten Woche kam dann die große Erleichterung: Wir fanden neolithische Werkzeuge, Gerätschaften, Keramikgefäße und eindeutig verbrannte Bereiche, die vermutlich von Öfen stammen. Toll und für mich überraschend war eine sehr hohe Anzahl an eindeutig neolithischen Figurinen. Es sind sehr viele weibliche Figuren darunter mit stark betonten Hüften, ein paar haben auch Vogelgesichter, was auf eine rituelle, kultische Funktion schließen lässt. Es sind außergewöhnlich viele Figurinen, normalerweise gibt es ein bis zwei pro Fundstelle, und hier hatten wir in unserem kleinen Grabungsausschnitt bereits mindestens 10 solcher Objekte.

Eine neolithische Goldader also...

Horejs: Ganz sicher! Wir sind jetzt bei einer Tiefe von 1,20 Metern und wissen aufgrund der Bohrungen, dass unter dem Neolithikum, das wir jetzt gefunden haben, noch mal zwei weitere Meter neolithische Kulturschichten liegen, also Aktivitätszonen die 8.000 bis 7.500 Jahre alt sind. Es war eine große Aufregung, große Spannung und große Erleichterung: Wir lagen richtig mit unseren Hypothesen, wir haben einen neuen frühneolithischen Fundort an der Balkanroute erschlossen und hier in den nächsten Jahren sehr Vielversprechendes vor uns. Als uns das klar war, gab es erst mal eine große Party.