05.05.2020

Corona-Pandemie verstärkt vorhandene Ungleichheiten

Alt und Jung, Männer und Frauen, Arme und Reiche - die Coronakrise trifft Bevölkerungsgruppen unterschiedlich, erklärt ÖAW-Demograph Erich Striessnig im Interview. Eines ist für den Forscher dabei sicher: Bereits bestehende Ungleichheiten werden durch das Virus weiter verstärkt.

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Das Coronavirus betrifft potentiell alle Menschen, jedoch alle unterschiedlich. Während das Virus für ältere Menschen ein höheres Gesundheitsrisiko darstellt als für junge, sind diese wiederum stärker von den wirtschaftlichen Konsequenzen der Pandemie etwa durch Arbeitslosigkeit oder Einkommensverlust betroffen. Auch auf Männer und Frauen wirkt sich das Virus verschieden aus. So zeigen Statistiken, dass Männer eher von COVID-19 betroffen sind als Frauen. Das liegt nicht nur an biologischen Unterschieden, sondern auch an Unterschieden im Lebensstil und Verhalten, sagt Erich Striessnig vom Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW): „Männer gehen seltener zum Arzt und nehmen Symptome weniger ernst.“

Welche Bevölkerungsgruppen sind von der Corona-Pandemie am meisten betroffen?

Erich Striessnig: Betrachtet man die Altersverteilung der bisher Verstorbenen, so lässt sich definitv sagen, dass die über 65-Jährigen die Gruppe mit dem höchsten Risiko sind. Während das allgemeine Infektionsrisiko in Österreich ungefähr der Altersstruktur der Gesamtbevölkerung entspricht, ist das Sterberisiko bei den über 65-Jährigen signifikant höher. Laut Berechnungen der Statistik Austria ist hier die Sterblichkeit Anfang April im Vergleich zum langjährigen Durchschnitt um bis zu 13 Prozent angestiegen. Es macht also Sinn, diese Gruppe besonders zu schützen. Gleichzeitig darf man aber den Effekt, den soziale Isolation auf ältere Menschen haben kann, nicht vernachlässigen.

Während das allgemeine Infektionsrisiko in Österreich ungefähr der Altersstruktur der Gesamtbevölkerung entspricht, ist das Sterberisiko bei den über 65-Jährigen signifikant höher.
 

Wie wirkt sich soziale Isolation auf ältere Menschen aus?

Striessnig: Durch die soziale Isolation gelingt es uns zwar vielleicht, über 65-Jährige vor COVID-19 zu schützen, zugleich müssen wir aber die potentiell negativen Auswirkungen auf die psychische Gesundheit mitbedenken. Sehr viele ältere Menschen leben in Österreich in Alters- und Pflegeheimen, wo sie ohnehin nicht mit einer hohen Zahl an sozialen Kontakten ausgestattet sind. Wenn sie niemand mehr besuchen darf, kann sich auch ihr allgemeiner Gesundheitszustand verschlechtern, weil sie die Motivation und den Lebenswillen verlieren.

Eine demografische Komponente im Verlauf der Pandemie ist auch die Variable Geschlecht. Welche Erklärungen gibt es dafür, dass Männer stärker von COVID-19 betroffen sind als Frauen?

Striessnig: Tatsächlich zeigt sich, dass in ziemlich allen Ländern bisher mehr Männer an COVID-19 gestorben sind als Frauen. In Ländern wie Italien und Dänemark beträgt das Verhältnis sogar 70 zu 30. In anderen Ländern ist es etwas niedriger. Dafür gibt es verschiedenste Erklärungen. Zum einen haben Frauen generell ein stärkeres Immunsystem. Zum anderen gibt es natürlich auch Unterschiede im Verhalten, etwa beim Tabakkonsum. In vielen Ländern rauchen Frauen wesentlich seltener. In China ist der Unterschied besonders extrem, dort rauchen über 50 Prozent der Männer, aber weniger als drei Prozent der Frauen.

Tatsächlich zeigt sich, dass in ziemlich allen Ländern bisher mehr Männer an Covid-19 gestorben sind als Frauen. In Ländern wie Italien und Dänemark beträgt das Verhältnis sogar 70 zu 30.

Es sind also nicht nur biologische Unterschiede, sondern auch Fragen des Lebensstils, die Männer anfälliger für eine Erkrankung mit dem Corona-Virus machen?

Striessnig: Auf jeden Fall! Ein weiterer Unterschied ließe sich am sogenannten „Health-Seeking-Behaviour“ ablesen. Dieses beschreibt etwa den Umstand, dass Männer seltener zum Arzt gehen und Symptome weniger ernst nehmen. Zwar haben wir dazu noch keine Daten, aber dieser Faktor könnte in der aktuellen Situation dazu führen, dass Männer eher zu lange warten, während Frauen vielleicht schon getestet wurden und in weiterer Folge noch rechtzeitig eine Behandlung bekommen. Das ist ein allgemeines Phänomen, das Männern in diesem Fall zum Nachteil gereicht.

Zudem kann man hier auch die Unterschiede zwischen biologischem und gesellschaftlich konstruiertem Geschlecht sehen: In einer Gesellschaft, in der Männer stärker einem Macho-Rollenbild unterliegen, demnach von ihnen erwartet wird, dass sie immer Stärke zeigen und unverletzlich sind, könnte das Ungleichverhältnis noch stärker zulasten der Männer ausfallen.

Stichwort soziale Disparitäten. Inwiefern wirkt sich soziale Ungleichheit auf den Verlauf der Pandemie aus?

Striessnig: Wie auch bei der Variable Geschlecht haben wir in Österreich noch keine Informationen darüber, wie unterschiedliche soziale Gruppen von COVID-19 betroffen sind. Was man aber aufgrund des Verlaufs der bisherigen Pandemie in anderen Ländern sagen kann, ist, dass die Ungleichheit beim Zugang zur Gesundheitsversorgung ein großes Problem darstellt. Aber auch beim Homeschooling zeigen sich soziale Disparitäten, wenn Kinder aus bildungsfernen Schichten eben nicht die Qualität an Unterricht und geistiger Stimulation erhalten wie Kinder höher gebildeter Eltern. Kinder aus bildungsfernen Schichten könnten daher auch zu den „Kollateralschäden“ der Schulschließungen gezählt werden.

Kinder aus bildungsfernen Schichten könnten zu den „Kollateralschäden“ der Schulschließungen werden.

Indessen gibt es sehr viele Menschen, die sich den Luxus des Homeoffice nicht leisten können, weil sie entweder kein Home, also kein Dach über dem Kopf, oder kein Office haben, weil sie arbeitslos sind. Die Arbeitslosigkeit hat überall auf der Welt extrem zugenommen. Bestehende soziale Ungleichheiten werden sich dadurch noch verstärken. Menschen, die schon vorher benachteiligt waren, haben jetzt natürlich ein sehr viel höheres Risiko, arbeitslos zu werden.

Zurück zur Variable Alter. Könnte die Altersstruktur im Kampf gegen das Corona-Virus Ländern mit einer jüngeren Bevölkerung, darunter viele Staaten Afrikas, einen Vorteil verschaffen?

Striessnig: Ja, die Altersstruktur ist hier ein großer Vorteil. Im wissenschaftlichen Fachjournal PNAS wurde erst kürzlich eine demographische Studie zum Thema veröffentlicht, die durch ein intensives Peer Review gegangen ist: „Demographic science aids in understanding the spread and fatality rates of COVID-19“. Sie zeigt, dass die Altersstruktur beträchtlich dazu beiträgt, dass beispielsweise in Italien die Todeszahlen gleich zu Beginn der Krise so rasant nach oben gegangen sind.

Aber: In vielen Ländern Afrikas fehlen die nötigen Ressourcen im Gesundheitswesen, um tatsächlich einen großen Ausbruch von COVID-19 abzumildern. Was man zudem fürchten muss, ist ein Aufeinandertreffen von COVID-19 mit bereits bestehenden Risiken, wie etwa HIV oder Tuberkulose. In Südafrika zum Beispiel leben 20 Prozent der 15 bis 49-Jährigen mit HIV. Hier trifft COVID-19 dann auf eine bereits bestehende Immunschwäche.

 

Erich Striessnig ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Demographie der ÖAW. Er promovierte an der Wirtschaftsuniversität Wien und forscht auch am IIASA in Laxenburg. Mehrere Forschungsaufenthalte führten ihn u.a. nach Deutschland, Dänemark, Südamerika und in die USA.

Demographische Forschung zu Corona an der ÖAW

 


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