03.06.2020

BYZANZ WAR JAHRHUNDERTE LANG DREHSCHEIBE FÜR MIGRATION

Das byzantinische Großreich war auf Migration angewiesen und förderte diese innerhalb, aber auch außerhalb seiner Grenzen. Das zeigt ein neues Buch von Historiker/innen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Wien. Es beleuchtet Byzanz als Dreh- und Angelpunkt der freiwilligen wie erzwungenen Wanderungsbewegungen zwischen Afrika, Asien und Europa. Aber auch andere Imperien waren auf Migration angewiesen.

Die Reise der adeligen Witwe Danielis von der Peloponnes nach Konstantinopel zu Kaiser Basileios I., Darstellung in einer illustrierten Handschrift der byzantinischen Chronik des Ioannes Skylitzes. © Wikimedia Commons

Die gesamte Menschheitsgeschichte ist eine Migrationsgeschichte. Seit Jahrtausenden haben Menschen ihr Zuhause verlassen, um woanders Fuß zu fassen, ob erzwungen oder freiwillig. Davon zeugen die historischen Migrationen des 19. und 20. Jahrhunderts genauso, wie die Zeit der sogenannten „Völkerwanderung“ in Westeuropa im 4. bis 6. Jahrhundert. Was weniger bekannt ist: Das Byzantinische Reich stellte zwischen dem 4. und dem 15. Jahrhundert eine zentrale Drehscheibe der Mobilität zwischen den drei Kontinenten Europa, Asien und Afrika dar und zog aktiv Migrant/innen aus den Nachbargebieten an. Ein neues Buch nimmt nun die beeindruckende Dimension und Reichweite dieser Migrationen in den Blick.
 
„Beim Begriff ‚Völkerwanderung‘ denken immer noch viele an ‚barbarische Horden‘, die Imperien und Zivilisation zerstören. Im Buch wird aber deutlich, wie sehr alle diese Großreiche wie Byzanz, das Kalifat oder das Mongolenreich auch jenseits von Eroberungszügen selbst auf Migration angewiesen waren und diese aktiv innerhalb, aber auch von außerhalb ihrer Grenzen gefördert haben“, sagt Johannes Preiser-Kapeller, Byzantinist und Globalhistoriker am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Mitherausgeber des Bandes.
 
Von Sklaven und Prinzessinnen
 

Nicht immer erfolgte die Mobilität aus freien Stücken: So wurden etwa im 13. Jahrhundert unter mongolischer Herrschaft zehntausende Oiraten – eine Volksgruppe aus Südsibirien – über mehr als 5.000 Kilometer in den heutigen Irak umgesiedelt. Von dort floh wiederum ein großer Teil 1296 an die Mittelmeerküste des heutigen Israel. Ebenso zu Tausenden wurden im 8., 9. und 10. Jahrhundert Sklav/innen aus Südosteuropa in die arabische Welt verkauft und trafen dort auf Leidensgenoss/innen aus Ostafrika. Komfortabler, aber gleichfalls unfreiwillig reisten jene Prinzessinnen aus Byzanz, die im 10. und 11. Jahrhundert russische Fürsten heiraten mussten.
 
Wie wechselhaft sich die Migrationspolitik der damaligen Staaten gestaltete, verdeutlicht ein weiteres Kapitel der Geschichte, das im Buch behandeltet wird: Während Venedig den Zuzug in seine Kolonien in der Ägäis im 13. Jahrhundert stark beschränken wollte, warb man nach den Bevölkerungsverlusten durch die Pest um 1350 um Zuwander/innen aus Griechenland, Kleinasien und Armenien.
 
Migration nicht als Bedrohung sondern als Konstante
 

Migration als ein Phänomen, das es in der Geschichte schon immer gab, wird in der Gegenwart häufig falsch eingeschätzt. Historiker Preiser-Kapeller: „Migration wird in der öffentlichen Debatte seit Jahren meist als Ausnahmesituation, als Herausforderung oder sogar Bedrohung diskutiert. Unser Buch beleuchtet demgegenüber die Migration als Konstante der menschlichen Erfahrung, auf deren Grundlage überhaupt erst jene politischen Gebilde, Kulturräume und religiösen Sphären entstehen konnten, deren Grenzen wir heute als stabil oder gar als Hindernis für Migration wahrnehmen wollen.“

 

Zum Buch

Der Band „Migration Histories of the Medieval Afroeurasian Transition Zone. Aspects of mobility between Africa, Asia and Europe, 300-1500 C.E.” ist in der Reihe “Studies in Global Migration History” bei Brill erschienen. Herausgeber sind Johannes Preiser-Kapeller (ÖAW), Lucian Reinfandt (Österreichische Nationalbibliothek und Universität Wien) und Yannis Stouraitis (University of Edinburgh).
 
Entstanden ist das Buchprojekt in dem von Wittgensteinpreisträgerin Claudia Rapp geleiteten FWF-Projekt „Moving Byzantium“ an der ÖAW und der Universität Wien. Durch eine Förderung des FWF ist das Buch zum freien Download (open access) verfügbar: https://brill.com/view/title/55556

 


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