22.04.2020

Belesene Alpen

Lange Zeit sah es die katholische Kirche nicht gern, dass ihre Untertanen die Bibel in Volkssprache besaßen. Gelesen wurde dennoch. Der Historiker Michael Span will nun in Zusammenarbeit mit der ÖAW genauer wissen, wie es im 18. Jahrhundert mit Buchbesitz und Leseverhalten aussah. Für seine Studie nimmt er das Tiroler Pustertal unter die Lupe. Schon jetzt ist klar: So manches Vorurteil über die „Landbevölkerung“ wird man überdenken müssen.

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Die Bewohnerinnen und Bewohner Tirols seien zwar „heiter, ehrlich und brav“, aber auch „von unergründlicher Geistesbeschränktheit“, ja letztlich „zu dumm … um krank seyn zu können“, schrieb Heinrich Heine im Bericht über seine „Reise nach Italien“ im Jahr 1828. Das klingt zwar nach einem verlockend schönen Vorurteil, stimmt aber nicht, zeigt der Historiker Michael Span vom Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck.

Im Rahmen des FWF-Projekts „Reading in the Alps“ erforscht er das Leseverhalten und den Buchbesitz in Tirol zwischen 1750 und 1800. Das Projekt wird in Kooperation mit dem Austrian Center for Digital Humanities and Cultural Heritage der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) durchgeführt und von ÖAW-Mitglied Brigitte Mazohl geleitet. Nach ersten Auswertungen lässt sich das gängige Vorurteil „der Bauer liest nicht“ immerhin differenzierter betrachten: „Manche lesen eben schon“, sagt Span.

Bücher im Nachlass Verstorbener

Basis der Untersuchung sind so genannte Inventare, also Nachlassverzeichnisse, die im Auftrag von Gerichten erstellt wurden, um Erbangelegenheiten zu klären. Die Studie konzentriert sich schwerpunktmäßig auf das Pustertal, weil hier die Datenlage besonders gut ist: Rund 2.000 erhaltene Inventare für den Zeitraum 1750 bist 1800 hat Michael Span gesichtet. Leicht zu lesen sind diese Dokumente nicht, sie listen in heute fremd erscheinender Sprache den Besitz des oder der Verstorbenen auf und lassen daher auch Rückschlüsse darauf zu, wer überhaupt Bücher besaß.In rund 17 Prozent der gesichteten Dokumente des Pustertals waren Bücher erwähnt.

Gelesen wurden hauptsächlich religiöse Inhalte, vielfach christliche Erbauungsliteratur.

Inventare sind ein probates Mittel, um Buchbesitz nachzuweisen – aber sie haben ihre Tücken. „Ein Mitarbeiter des Projekts bemerkte eher zufällig, dass in vielen der Dokumente keine Schuhe vermerkt waren“, erzählt Span, „und wer Schuhe nicht erwähnt, erwähnt vielleicht auch keine Bücher.“ Das heißt: Inventare sind nicht unbedingt vollständig. Selbst wenn Bücher genannt werden, geschieht das manchmal nur sehr ungenau. Dann ist etwa von „einigen“, „mehreren“ oder „ein paar“ Büchern die Rede.

Mindestens 2.861 Bücher im Pustertal

Indem für derartige Fälle stets mit dem Wert 2 kalkuliert wird, kann für das Pustertal für den genannten Zeitraum gesichert also nur eine Mindestanzahl von Büchern angegeben werden: 2.861 sind verzeichnet. Nicht ganz überraschend zeigte die Auswertung der Inventare, dass Männer und besser gestellte Bürger eher Bücher besaßen als Frauen und ärmere Menschen.„Interessant ist aber nicht das Erwartbare, sondern die Ausreißer“, sagt Span. „Wir haben auch den Müllergesellen gefunden, der sich das Hemd auf dem Leib nicht leisten konnte oder eine Almosenempfängerin, die jeweils dennoch Bücher hatten.“

Wir haben auch den Müllergesellen gefunden, der sich das Hemd auf dem Leib nicht leisten konnte oder eine Almosenempfängerin, die jeweils dennoch Bücher hatten.

Die Ergebnisse für das Pustertal bestätigen im Wesentlichen jene einer Pilotstudie, die Michael Span zuvor schon für das Stubaital durchgeführt hatte. In der Regel besaß ein Haushalt damals drei bis vier Bücher, nur bei Geistlichen waren es wesentlich mehr, und gelesen wurden hauptsächlich religiöse Inhalte, vielfach christliche Erbauungsliteratur, zum Beispiel Martin von Cochems „Leben Christi“. „‘Erbaulich‘ erscheint uns diese Literatur heute nicht mehr“, sagt Span. „Sie enthält vor allem Ermahnungen und zeichnet eine eher dunkle, schuldbeladene Welt.“

„1 Beth Puech mit schlechten Einpunt

Im Unterschied zum protestantischen Milieu war die katholische Welt wenig buchaffin. Während in vergleichbaren protestantischen Haushalten zumindest die Bibel, eine Hauspostille und ein Gesangbuch nicht fehlen sollten, war den einfachen Katholiken der Besitz einer Bibel in der Volkssprache sogar untersagt. Die katholische Obrigkeit sah es nicht gern, dass die Gläubigen die Heilige Schrift selbst auslegten. Für den Umgang mit Büchern und Schrift hatte das weitreichende Folgen. Natürlich hätte es im 18. Jahrhundert auch weltliche Bücher gegeben, von Autoren wie Voltaire oder Shakespeare etwa. Doch solche Literatur verzeichnet keines der Inventare im Pustertal.

Natürlich hätte es im 18. Jahrhundert auch weltliche Bücher gegeben, von Autoren wie Voltaire oder Shakespeare etwa. Doch solche Literatur verzeichnet keines der Inventare im Pustertal.

„Wir haben erst einmal Bücher gezählt“, sagt Span. Was die Befunde qualitativ über die Bevölkerung aussagen, über die Mentalität und das Leseverhalten in den Tiroler Alpen, müsste eine weitere Studie zeigen. Gemeinsam mit den Kollegen Michael Prokosch und Peter Andorfer vom Austrian Center for Digital Humanities and Cultural Heritage der ÖAW hat Span die Inventarlisten in eine frei zugängliche Datenbank eingepflegt. Hier lässt sich jetzt nachverfolgen, wer alles im Stubai- und Pustertal des 18. Jahrhunderts nicht nur „zwai Schlafhauben“, sondern auch „1 Beth Puech mit schlechten Einpunt“ hatte. Die Datenbank gibt genug Material, um Heinrich Heines bösem Urteil über die Tiroler in Zukunft zu misstrauen.

 

Auf einen Blick

Das vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Projekt „Lesen im Alpental“ untersucht den privaten Buchbesitz im katholisch dominierten Zentralalpenraum zwischen 1750 und 1800 anhand von Inventaren aus dem Pustertal und dem Stubaital.